Andreas Unterweger

„Erste Erinnerungen“ (Dieter Sperl, Ö1)

Posted in Grazer Glossen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 30. August 2019

Neulich auf Ö1, in „Ö1 Kunstsonntag: Radiokunst – Kunstradio“: Dieter Sperls Radiokunststück „Erste Erinnerungen“, das neben Wortspenden von Alfred Kolleritsch, Ruth Weiss oder Wilhelm Hengstler auch meine Erzählung meiner ersten Erinnerung beinhaltet.

Dieter Sperls Montage ist hier noch bis Samstag nachzuhören!

Die Geschichte, die ich erzähle, kann man hier lesen: „So regen wir die Ruder“ (Kleine Zeitung, G7, v. 3.10.2010.

Danke, lieber Dieter – hat Spaß gemacht und ist schön geworden, was will man mehr?

 

Ohne Graz wäre die Dichtung ein Irrtum! (Lesung Bücherstube)

Posted in Grazer Glossen, manuskripte, Poèmes, Simulakren, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 21. Juli 2019

Nachtrag zum Termin:
24.07.2019, 17:00, Styrian Artist in Residence Guillaume Métayer und Andreas Unterweger lesen Gedichte von Friedrich Nietzsche und eigene Texte. Special guest: Kinga Tóth. Anschließend Prosecco und Knabberei. Bücherstube, Prokopig. 16, 8010 Graz.

Was auf dem von den Styrian Artists in Residence Nadia Guerroui (Design) und Dan Lahiani (Foto) gestalteten Flyer so …

 

… und in der Steirerkrone so angekündigt wurde …

… sah in Wirklichkeit so aus:

Angelika Schimunek von der allzeit besuchenswerten Bücherstube baute mit ihrem Kollegen einen märchenhaft charmanten kleinen Lesesaal auf, dessen verzauberte Decke den blauen Himmel zeigte …

Im Backstagebereich machte sich schon das Buffet bereit …

Großer Publikumsandrang! Zusatzstühle! Danke fürs Kommen, liebe Leute!

Ich begrüßte und dankte:

(c) Barbara Belic

 

Guillaume Métayer las Texte über Graz, darunter Auszüge aus dem „Backhendlessay“ in manuskripte 218 und mehrere seiner vielbeachteten Nietzsche-Übersetzungen ins Französische:

 

Gott ist Tóth, es lebe die Kinga! Und so trug Kinga Tóth ihre Mais- und Marienlieder vor:

(c) Barbara Belic

Kinga Tóth und Guillaume Métayer lasen simultan auf Deutsch und Ungarisch – Kinga die deutsche Übersetzung, Guillaume, als mitteleuropäisches Gesamtgenie, das ungarische Original!

(c) Barbara Belic

Ich las „Die Schlange“ aus meinem Gedichtband

(c) Barbara Belic

… und das Dramolett „Wie schön wir es haben könnten“ aus „Das schönste Fremde ist bei dir“:

(c) Literaturverlag Droschl

Anschließend mitteleuropäische Begegnung bei Prosecco, Keksen und Gebäck – plus Signierstunde!

Ich danke allen Beteiligten herzlich, insbesondere Angelika Schimunek, Kinga Tóth , allen Fotograf*innen des Abends und Barbara Belic, deren rotes Mikro zu Aufnahmezwecken immer gut im Bild war – laut vorläufiger Planung wird der Mitschnitt des Abends am 2.9., 20:00, in ihrer Literatursendung „Das rote Mikro“ auf Radio Helsinki gesendet.

Und so begeistert berichtete Philipp Braunegger in „Der Grazer“ vom 28.07.19 (danke!) – mit Wortspenden von Angelika Schimunek und Fotos von Barbara Belic sowie Literaturverlag Droschl:

Fazit: Ohne Dichtung wäre Graz ein Uhrturm!

 

Der Hafen von Graz

Posted in Grazer Glossen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 4. Mai 2018

Gefühlt mein 15. Text über einen besonderen Ort in dieser Stadt* – und damit passend zum 15. Geburtstag des Literaturhauses Graz, in dessen Anthologie diese Prosa erschienen ist! Alles Gute!

 

 

Der Hafen von Graz

Wenn Sie auf einer Linien- oder Trampfahrt von Helgoland nach Triest, von Fiume auf die Wilczek-Insel oder von der Funktelegrafenstation Radiopola zum Golf von Bohai drei, 17 oder 39 Stationen zu früh von Bord gehen, werden Sie sich in einer Halle wiederfinden, deren unendliches Schweigen aus pausenlosem Geschrei besteht. Schreien hier Reisende, die von den Fahrkartenautomaten zur Verzweiflung getrieben werden, um Hilfe, so schreien dort Angestellte der Reisegesellschaften, von denen je zwei einem der Fahrkartenautomaten, die je einen Angestellten ersetzen, zu Informationszwecken beigestellt sind, „beruhigend“ auf die Reisenden ein. Dazu gesellen sich die Schreie anderer Angestellter, die Informationsbroschüren zum Thema „Fahrkartenautomaten“ an die Reisenden zu bringen versuchen, die Schreie der Reisenden, die diese Broschüren brüsk zurückweisen sowie die Schreie der Security-Bediensteten der Reisegesellschaften, die den Angestellten, welche die Fahrkartenautomaten erklären/anpreisen sollen, in adäquater Personalstärke beigestellt sind und die bei den zahlreichen Raufhandeln, die zwischen den informierenden Angestellten und den sich für unter-, über- oder gar falsch informiert haltenden Reisenden allenthalben entflammen, meist nur verbal, dafür aber mit voller Lautstärke, dazwischengehen. Die schreienden Reisenden, schreienden Reisegesellschaftsangestellten und schreienden Security-Bediensteten der Reisegesellschaften sind die Möwen, die von draußen (von den Docks?) hereinkreischenden Verschubgeräusche, Metall auf Metall, sind die anderen Seevögel, die 1825 von Erzherzog Johann zur besseren „Verbindung zwischen Donau und Adria“ initiierte, 1847 errichtete, 1956 „wiederaufgebaute“ und 2015 erweiterte Halle aber, in der Sie sich befinden, ist der Hafen von Graz.

Nun werden manche bestimmt meinen, widersprechen zu müssen. Dies sei ja gar nicht der Hafen von Graz, meinen sie etwa – ja, schreien sie Ihnen, während Sie eben, die Hände an den Koffern, und eben nicht auf den Ohren, durch den Hafen taumeln, in die Ohren – der wahre Hafen, schreien sie also, liege woanders, und zwar: „Waita untn!“ Dabei deuten sie nach Osten, zur Mur hin, auf einen Ort zu, der von den Eingeborenen, in ihren sinnlose Leiden verursachenden Lauten, „Laintbloutz“ (Landeplatz?!) genannt wird, und wo sich tatsächlich, durch den berüchtigten maritimen Nebel von Graz scheinend, eine Art Leuchtturm erhebt. Achtung! Folgen Sie diesen „Einflüsterern“, wie laut diese sich auch bemerkbar machen, nicht! Die Keplerstraße, die Sie schon hinuntergezerrt werden, ist zwar tatsächlich ein reiner Hafen-Zubringer, aber eben nur in umgekehrter Richtung. Und das Licht, das von dem Turm da vorne blinkt, bezeichnet keinen Ort, sondern die Zeit. Es handelt sich um eine zu P.R.-Zwecken angebrachte Uhr – der Turm ist, wie Sie bestimmt schon erraten haben, der weltberühmte „Uhrturm von Graz“.

Andere hingegen – und diese stürzen sich auf Sie, sobald Sie, endlich!, den Ersten entkommen sind – andere widersprechen auf andere Weise: Der wahre Hafen von Graz, schreien sie, liege weder hier, am Ende der Keplerstraße, noch dort, an ihrem Anfang, sondern anderswo, im Süden – „waita untn!“, schreien auch sie, „in Toulahouf!“ Ein kleiner Check auf Google Maps macht klar, dass auch dieser Information nicht zu trauen ist. Hat dieses „Toulahouf“ (Thalerhof) doch rein gar nichts mit Graz zu tun, sondern liegt weit, weit entfernt davon, auf Höhe von Seiersberg – und dass Seiersberg weder in noch Graz ist, sondern quasi sein Gegenteil, das: weiß doch nun wirklich jedes Kind. Den „wahren Hafen von Graz“ in Seiersberg zu verorten ist genauso blödsinnig, als behauptete man, dort stünde „der wahre Grazer Uhrturm“.

Nein, nein. Wenn Sie die Halle betreten haben, dann befinden Sie sich wirklich, was auch immer man Ihnen weismachen will, nirgendwo anders als am Hafen, am richtigen, wahren Hafen von Graz … Wie Sie nun aber an eine Fahrkarte gelangen, um von hier wieder wegzukommen, ist eine andere Frage.

(Aus: Graz. Mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern an besondere Orte der Stadt. Herausgegeben von Klaus Kastberger unter Mitarbeit von Elisabeth Loibner anlässlich des 15. Geburtstags des Grazer Literaturhauses. Graz: Edition Kleine Zeitung 2018)

 

* Weitere meiner Texte über „besondere Orte in Graz“ (ab 2010):
Mein Uhrturm
Als das Wünschen noch geholfen hat
So regen wir die Ruder …
Zeit aus den Fugen
Sodom und Gomorra
Der letzte Dichter
7 Grazer Glücksversprechen
„Geh ´nause!“
usw.

30 Jahre ORF-Hör- und Seebühne

Posted in Das gelbe Buch, Grazer Glossen, Tingeltangel-Tour, Wie im Siebenten by andreasundschnurrendemia on 12. August 2017
Die ORF-Hör- und Seebühne feiert heuer ihren 30. Geburtstag mit vielen hochkarätig besetzten Lesungen, darunter etwa jene mit Alfred Kolleritsch und Sarah Kuratle (beim Interview mit Ilse Amenitsch vom ORF) am 27.08.17 …
 
In 2 von diesen 30 Sommern habe ich selbst auf der Seebühne gelesen, 2010 aus „Wie im Siebenten“ und den „Grazer Glossen“ und 2015 aus „Das gelbe Buch“.
Der ORF hat mich um eine Erinnerung gebeten – die ich niederschrieb, als ich gerade mitten in einer Alexandriner-Übersetzung steckte.
So sieht sie auf der digitalen Erinnerungstafel aus …
… und so auf der analogen im ORF-Park – zumindest dann, wenn die Sonne schon untergegangen ist:
 
#dastrunkeneschiff
(Vgl. dazu:  http://steiermark.orf.at/literatursommer, wo auch die Erinnerungen anderer SchriftstellerInnen zu lesen sind.)
*
Ich wünsche Ilse Amenitsch und ihrem Team noch einen schönen Lesesommer!

7 Grazer Glücksversprechen II

Posted in Grazer Glossen, Trauer by andreasundschnurrendemia on 21. Juni 2015

Noch einmal mein Text aus dem von Luise Kloos 2012 bei edition keiper herausgegebene “Citybook” Graz (mit schönen Beiträgen von Werner Schandor, Andrea Stift u. a.) – von Schauspieler Rudi Widerhofer sehr, sehr gut vorgelesen (Beginn der Lesung ca. 2:50, Text darunter):

(Video vom arrivierten Jungregisseur Edwin Rainer alias voiceinspiration – besten Dank)

7 Grazer Glücksversprechen

 1

Schließ die Augen. Stolpere so bis zum Hochhaus am Lendplatz (dem mit der Uhr drauf), fahr
mit dem Lift bis ganz hinauf, zur Waschküche, taste dich an ein Fenster … Öffne die Augen.

2

Warte auf den heißesten Tag des Jahres. Wandere dann, auf dem größtmöglichen Umweg,
zum Landhaushof, setz dich unter die Arkaden. Die Bänke dort liegen seit 1505 im Schatten.

3

Geh die Keplerstraße auf und ab (oder die Kärntner Straße oder die Conrad-von-Hötzendorf-
Straße oder die Triester Straße oder die Grabenstraße …) – so lange, bis es zu regnen beginnt.

4

Leg dich unter den Hummelbaum – Yggradsilkrone aus summenden Blüten – im Innenhof der
Universität. Leg den Wittgenstein weg, die Zigaretten weg. Beginn die Hummeln zu zählen.

5

Lauf am linken (oder rechten) Murufer entlang nach Norden (oder Süden). Lauf unter der
letzten Brücke durch. Lauf, bis der Weg endet, die Welt endet, der Wald beginnt. Lauf weiter.

6

Lern Fahrradfahren im Volksgarten. Versuch es immer wieder – bis deine Zähne nicht mehr
den Boden berühren. Versuch das dann mit den Knien. Mit den Füßen. Dann: mit den Reifen.

7

Mach dir Freunde in Andritz. Tauch unter in ihrem Swimmingpool. Werde ein erstes gelbes
Blatt, ein Katzenhaar, ein Pingpongball. Treib so (so langsam es nur geht) aufs Meer hinaus.

Geh ´nause´!

Mein Beitrag zu:

k ein h aus

Szenischer Abend in 10 Stationen mit dramatischen Kurztexten von Valerie Fritsch, Anselm Glück, Elfriede Jelinek, Stefan Schmitzer, Monique Schwitter, Clemens Setz, Gerhild Steinbuch, Peter Turrini, Andreas Unterweger und Josef Winkler.
Zum 10. Geburtstag des Literaturhauses Graz

Mitwirkende SchauspielerInnen: Katharina Paul, Sebastian Reiß, Susanne Weber, Rudi Widerhofer
Musik: Robert Kreš (Geige), Lothar Lässer (Akkordeon)
Regie: Danielle Strahm, Regieassistenz: Julia Hager, Ausstattung: Manuela Pirozzi

Vorstellungstermine: 15., 16., 21., 24., 25., 26., 27. Mai und 1., 2., 3. Juni 2013, Beginn: jeweils 19.30 Uhr

Geh „nause“!

 10 x 3 Wegbeschreibungen

zum 10. Geburtstag
des Grazer Literaturhauses
(eröffnet ´03)

Schick deine Homies vor: nach Tokio, Narita Airport. Lass sie dort Gösser saufen, Schnitzel
futtern, furzen. Und die Gates mit Cif putzen – bis es riecht wie in Wien-Schwechat. Dann:

komm du.

*

Geh heute ausnahmsweise einmal zum Spar, nicht zum Billa. Such dort so lange nach deinem
Lieblings-Bio-Bulgur, bis du im Labyrinth schluchzend zusammenbrichst … Dann: geh rüber

zum Billa.

*

Mal die traurigen Hügel dort, die zum Weinen sind, wenn man sie in der Sonne anschaut. Mal
dir ein gelbes Haus darauf, mit großen Fenstern, einer roten Tür. – Öffne die Tür. Schließe sie

(hinter dir).

*

Überschütte dich mit Benzin. Leg den Sprengstoffgürtel an, die Schlinge um. Steck dir die
Pumpgun in den Mund, die Pillen, setz die Rasierklinge an … Steig aufs Brückengeländer.

Spring – nicht.

*

Streichle deine Katze – mit der Nasenspitze – im Nacken, wo sie es am liebsten hat. Atme den
Wellenrausch der Wiese ein, die Gischt des Taus, das gelbe Flimmern, das so schläfrig macht.

Bleib so.

*

Spring in den Bach neben der Autobahn. Tauch ein – in seine ganze Länge: stell dir den Biber
vor, mit dem du dir das Wasser teilst, den Wels; denk an den Aal auf seinem Trip ins Meer …

Folge ihm.

*

Gib die Kontaktlinsen raus – und fahr mit U-Bahn, Tram und Bus (wobei du mindestens
fünfmal umsteigst) zu einer Adresse, wo du noch nie zuvor gewesen bist. Gib dort die Linsen

wieder rein.

*

Warte auf die erste Schneesturmnacht des Jahres. Steig dann in deinen Truck und fahr über
den Wechsel (oder die Rocky Mountains [oder sonst ein Gebirge]). Halte beim erstbesten

Parkplatz danach.

*

Dreh die Zeit zurück – bis zu jenem Sonne-auf-Augen-zu-gelben Augenblick, der deiner
ersten Erinnerung unmittelbar vorausgeht. Schau dich um. Präge dir alles ganz genau ein, und

„vergiss“ es.

*

Zieh ins Tonstudio. Nimm dort – Nacht für Nacht, sobald sie schläft – die Atembrandung
deiner Liebe auf. Gib die Ohropax raus, die Kopfhörer rein – wenn du allein bist, später dann,

im Sarg.

*

Erbe das Rezeptbuch deiner Großmutter. Entziffere ihre Handschrift. Bereite das „Hendl“ zu,
die „Fülle“, den „Saft“ – ganz genau so, wie sie es immer gemacht hat. Koste. – Nein, das

funktioniert nicht.

*

Warte auf die Regenzeit. Steig dann – allein – auf den Hohenstein (oder den K2 [oder sonst
einen Berg]). Krall dich in den Fels. Zieh dich hoch. Kriech zum Schutzhaus. Rette dich: in

den Notraum.

*

Trag immer bei dir: das Frosch-Spülmittel, den Denk mit-Schwamm, das Geschirrtuch aus
Frankreich (mit den roten Birnen drauf). Und wohin es dich auch verschlagen mag: mach du

den Abwasch.

*

Erbe den Toaster deiner Großmutter. Stell ihn auf den Küchentisch – wie eine Vase (Urne?) –,
steck ihn an. Schieb keine Scheibe Toast hinein. Setz dich. Drück den Hebel nach unten. Und

jetzt: schnuppere.

*

Komm nicht auf blöde Ideen wie diese. Hab nicht so viel getrunken, nichts geraucht, sei gar
nicht erst mitgegangen. Und: schau nur, geh nicht hinein. Nein, schau nicht einmal. Geh nicht.

Geh nicht.

*

Erbe die Uhr deines Großvaters. Leg sie in dein Bett, neben dich – und wenn du nachts nicht
schlafen kannst, dann schau, wie früher, zu ihr hin: Wie ihr Ziffernblatt leuchtet! Wie sein

Herz tickt!

*

Hör heute ausnahmsweise einmal früher auf zu arbeiten. Nein: fang gar nicht erst an. Lass dir
zum Frühstück Pizza kommen, Eis und Bier, hau dich aufs Sofa, schau Sitcoms. Und hab ein

gutes Gewissen.

*

Finde deinen Platz. Such das Haus ab, den Garten, die Straße. Versuch´s unter der Tanne, auf
ihr, in der Restmülltonne. Such, bis es Nacht wird – Tag wird – such weiter … Bleib dort, wo

du zusammenbrichst.

*

Tausch Platz mit deinem Spiegelbild. Sei Immigrant im Wunderland, lern Jabberwocky,
gewöhn dich an den Linksverkehr. Schau dich an – im Rückspiegel. Und erkenne dich selbst

nicht wieder.

*

Zieh aufs Klo. Lern im Sitzen zu schlafen, mit Fliesen zu kuscheln, sprich mit dem Klobesen,
wenn du ihn gießt … Wisse: du kannst aufatmen. Jetzt (endlich!) bist du in keinem Haus mehr

ein Fremder.

*

Zieh ins Literaturhaus. Geh dabei so vor: Versteck dich während dieser Vorführung (z. B.
hier, im Text), lass dich einsperren. Und wenn alle fort sind: hol die neue Mickey Mouse raus

und lies.

*

Warte auf den heißesten Tag des Jahres. Wandere dann, auf dem größtmöglichen Umweg,
zum Grazer Landhaushof, setz dich unter die Arkaden. Die Holzbänke dort liegen seit 1505

im Schatten.

*

Stell den Schuh wieder hin. Nimm den Finger vom Sprayknopf, kehr das Backpulver auf,
kämm das Schneckenkorn aus der Wiese. Zieh den Gelsenstecker raus. Entrolle die Zeitung.

Tu´s nicht.

*

Frag dich auf Stoasteirisch durch Mumbai (oder Guǎngzhōu [oder Seoul [oder Lagos]]) – bis
dir jemand auf Stoasteirisch antwortet. – Aber nein. Das vergiss gleich wieder. Dieser Weg ist

zu einfach.

*

Lies alles über Bob Marley. Tourtagebücher, Memoiren, das Rastafari Kochbuch. Analysier
seine Riffs, die Chiffren, sezier die Verwandlung von Fleisch in Musik. Dann aber: steh auf

und tanze.

*

Schau deinem Laptop dabei zu, wie er abstürzt. Wie das Warnfenster flackert, die Lüftung
aufjault, diese Zeile erlischt. Erlebe drei bange Minuten. Schalte das Ding wieder ein. Siehe:

alles okay.

*

Fahr in die Arktis, stürz dich von einer Klippe, werde die Möwe, die du in Wirklichkeit bist.
Merke: du bist der größte, stärkste Vogel hier draußen – niemand fliegt so hoch wie du. Dann:

lande wieder.

*

Lass dich von deinem Schatten scheiden. Wisch die Angst aus deinen Augenwinkeln, leg den
Trauerflor ab, der dich fesselt. Sag den Gleichnissen adieu, den Höhlen. Dreh dich um, blinzle

ins Licht.

*

Hör auf den Herzschlag deiner Mutter. Schaukle im Wellenrausch des ersten Meers, Eigelb
und Flimmernis … Dann aber: dreh dich, winde dich da raus. Wir versprechen dir: es kommt

noch besser.

*

Mach nur noch das, was deine Tochter sagt: Räum die Sonne weg! Blas die Brennnesseln aus!
Entschuldige dich bei den Regentropfen! Komm immer mit/schau immer zu/bleib immer da!

Geh „nause“!

7 Grazer Glücksversprechen

Posted in Grazer Glossen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 17. Mai 2012

Letzte Woche wurde in der Grazer designHalle das von Luise Kloos (s. u.) bei edition keiper herausgegebene „Citybook“ Graz präsentiert (mit schönen Texten von Werner Schandor, Andrea Stift u. a.) – ich durfte freundlicherweise eine Art Vorwort beisteuern, das Schauspieler Rudi Widerhofer sehr gut vorgelesen hat (Beginn der Lesung ca. 2:50):

(Video vom arrivierten Jungregisseur Edwin Rainer alias voiceinspiration – besten Dank!)


7 Grazer Glücksversprechen

 1

Schließ die Augen. Stolpere so bis zum Hochhaus am Lendplatz (dem mit der Uhr drauf), fahr
mit dem Lift bis ganz hinauf, zur Waschküche, taste dich an ein Fenster … Öffne die Augen.

2

Warte auf den heißesten Tag des Jahres. Wandere dann, auf dem größtmöglichen Umweg,
zum Landhaushof, setz dich unter die Arkaden. Die Bänke dort liegen seit 1505 im Schatten.

3

Geh die Keplerstraße auf und ab (oder die Kärntner Straße oder die Conrad-von-Hötzendorf-
Straße oder die Triester Straße oder die Grabenstraße …) – so lange, bis es zu regnen beginnt.

4

Leg dich unter den Hummelbaum – Yggradsilkrone aus summenden Blüten – im Innenhof der
Universität. Leg den Wittgenstein weg, die Zigaretten weg. Beginn die Hummeln zu zählen.

5

Lauf am linken (oder rechten) Murufer entlang nach Norden (oder Süden). Lauf unter der
letzten Brücke durch. Lauf, bis der Weg endet, die Welt endet, der Wald beginnt. Lauf weiter.

6

Lern Fahrradfahren im Volksgarten. Versuch es immer wieder – bis deine Zähne nicht mehr
den Boden berühren. Versuch das dann mit den Knien. Mit den Füßen. Dann: mit den Reifen.

7

Mach dir Freunde in Andritz. Tauch unter in ihrem Swimmingpool. Werde ein erstes gelbes
Blatt, ein Katzenhaar, ein Pingpongball. Treib so (so langsam es nur geht) aufs Meer hinaus.

Sodom und Gomorra

Posted in Grazer Glossen, Trauer by andreasundschnurrendemia on 11. Juli 2011

Gestern in G7, der Sonntagsbeilage der Kleinen Zeitung in Graz: 

SODOM UND GOMORRA

Die einzige WG, in der ich jemals gewohnt habe, war eine Utopie. Wobei der Ausdruck „Utopie“, also „Nicht-Ort“, irreführend ist. Schließlich gab es den Ort, die leerstehende Wohnung meiner Großeltern im Lendplatz-Hochhaus, ja tatsächlich – nur lebte darin eben nicht (NOCH nicht, wie ich damals dachte) jene Wohngemeinschaft, die die Welt verbessert hätte: mein Freund Tom Tom und ich.
Wir waren siebzehn Jahre alt. Morgen für Morgen schleppten wir uns zur Schule, um dort über imaginären Zahlen, toten Sprachen und anderen Scheinproblemen zu brüten. Das Leben war anderswo. Im Café Cäsaro etwa, wo wir in langen, von süßem Cider und starkem Tobak befeuerten Dialogen das Wesen des Glücks definierten – jenes WG-Glücks, das uns, wie wir hofften, schon bald („nach der Matura!“) erwarten würde.
Ich will hier nicht auf die Details unserer Vision eingehen – erstens sind es zu viele, zweitens kommt es darauf nicht an. Sagen wir einfach so: Wie alle (positiven) Utopisten seit Platon schafften auch wir jene Dinge ab, die uns auf die Nerven gingen, und erhoben die zum Gesetz, die Spaß machten, aber verboten waren. Freilich: Gegen das, was Tom Tom und mir vorschwebte, stank der platonische Ideal-Staat ab wie eine von da Vincis Flugmaschinen gegen Keith Richards´ Party-Jet.

Es versteht sich von selbst, dass die Verwirklichung unseres WG-topias letztlich verhindert wurde. Für eine so gute Idee wie diese wird die Welt (die immer eine von Eltern regierte sein wird) nie bereit sein. Was uns jedoch niemand nehmen konnte, war das Wissen, dass unser Traum in jenen Momenten, da wir ihn GEMEINSAM geträumt hatten, ohnehin bereits wahr geworden war …
Als wir uns (heimlich) den Schlüssel nachmachen ließen, z.B.: erst die Angst, von Mister Minit als Einbrecher entlarvt zu werden – dann: unsere diebische Freude … Oder, kurz darauf, die erste (inoffizielle) Wohnungsbesichtigung: Wir schlichen durch die Zimmer, flüsterten, machten nicht einmal Licht an – niemand war jemals so frei … Und natürlich – ein Jahr vor dem avisierten Bezugstermin (wann sonst?) – der Kauf des WG-Haustiers.
Ein Wellensittich sollte es sein – weil jemand erzählt hatte, dass er den seinen darauf dressiert habe, ihm Zigaretten zu bringen. Und da jemand anderes meinte, allein zu wohnen sei auch für ein Vogerl kein Glück, kauften wir – um unser ganzes Geld – zwei: ein quirliges, gelb-grün gezeichnetes Männchen und ein Albino-Weibchen, groß und stark. Es war Tom Tom, der ihnen ihre Namen gab – die coolsten Namen, zweifellos, die Wellensittiche jemals getragen haben (s. Titel).

Schon bald werden sie am Himmel unserer Künstler-WG fliegen, jeder eine Zigarette im Schnabel: eine für dich, eine für mich… Schon bald wirst du mein WG-Bruder sein, werden wir im gelobten Lend logieren, wird uns ganz Graz, diese verkappte Paradise City, where the grass is green and the girls are pretty, zu Füßen liegen …
Bis dahin aber bleiben die zwei Vögel noch bei den Eltern wohnen (meinen), zwitschern ein bisschen, fressen, dösen – und nur wenn sie, im Spiel, die Flügel öffnen, kommt Leben in ihren goldenen Käfig. 

Für Thomas Mossböck (1977 – 2011)

Keep on singing

Posted in Grazer Glossen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 15. Juni 2011

Aus der aktuellen Ausgabe des Grazer Straßenmagazins „MEGAPHON“:
ein Portät der MEGAPHON-Verkäuferin Rose Egbo.

 Keep on singing

Singen. Rose Egbo singt und tanzt – in der Sporgasse, auf dem Hauptplatz, vor der Uni – wo
immer sie das Megaphon verkauft. Schriftsteller Andreas Unterweger traf sie zum Gespräch.

Sprechen wir über das, was gut ist. Sprechen wir über die freundlichen, die lieben Menschen.
Sprechen wir nicht über das, was der Mann – du dachtest, es sei einer von den Guten, weil er
nahe herankommt, dich noch näher winkt – dir ins Ohr gezischt hat. Sprechen wir nicht über
Rassisten. Sprechen wir über das, was schön ist – an deinem neuen Leben, hier, in Österreich.

Sprechen wir über das Singen, das Schwimmen, das Fußballschauen – sprechen wir über die
Wohnung, die du dir mit einer Freundin teilst. Sprechen wir über die Schokolade, die dir
geschenkt wird, die Kärtchen, die CD, die Komplimente … Sprechen wir über die Bücher, die
du liest, die Messen, die du hörst, deinen Glauben … Sprechen wir über deine Arbeit hier.

Sprechen wir nicht zu viel, nicht zu lang – du, Rose, singst ohnehin viel lieber. Du bist die
Megaphon-Verkäuferin, die singt und tanzt. Bestimmt kenne ich dich vom Sehen. Ob ich dir
ein Heft abgekauft habe? Weiß ich nicht. Ja, es gibt viele Verkäufer, sehr viele … Aber reden
wir nicht davon – sprechen wir lieber darüber, dass du so das Geld für die Miete verdienst.

Sprechen wir über dich, Rose: Rose Egbo, geboren 1981 in Benin City, Nigeria – seit 2006 in
Österreich. Sprechen wir nur über dein Leben hier, dein „neues Leben“ – und nicht über dein
altes, in Nigeria. Oder gar über das, was dich daraus vertrieben hat. Wir sprechen über nichts,
worüber du nicht reden willst – versprochen. Sprechen wir nicht mehr über das, was war.

Sprechen wir lieber über das, was sein wird. Dein Bürojob etwa. Davor: Erteilung der
Aufenthaltsbewilligung. Davor: Abschluss des Sprachkurses, den du dir selbst bezahlst.
Sprechen wir nur über dieses eine mögliche Zukunftsszenario, kein anderes. „I will NOT go
back“, sagst du – und hoffst dabei auf Gott. Sprechen wir über Hoffnung, nicht über Angst.

Sprechen wir über das, was gut ist: das Bad zur Sonne; ein Sieg von Arsenal; ein Gospel, den
du im Sonnenschein singst. Sprechen wir über die lieben Leute hier – nicht über das, was uns
die Angst ins Ohr zischt. Sprechen wir über deine Hoffnung, Rose, dein Lächeln. Man muss
stark sein, man muss immer lächeln, sagst du. Und (zu mir? zu dir selbst? zu uns beiden?):

„Keep on singing.“

P.S.
Die Veröffentlichung des Artikels an dieser Stelle will übrigens nichts weniger, als Sie, geneigte Userin/geneigter User, vom Kauf eines MEGAPHON-Heftes, womöglich aus den Händen von Rose Egbo, abhalten …

P.P.S.
Außerdem möchte ich Ihnen jene Veranstaltung ans Herz legen, zu der dieser Link (oder ein Blick nach rechts oben: „Termine“) führt.

Der letzte Dichter

Posted in Grazer Glossen, Trauer by andreasundschnurrendemia on 18. März 2011

Heute (18.03. – St. Wolfi´s Day?) wäre Wolfgang Bauer 70 Jahre alt geworden.
Aus diesem Anlass habe ich im Auftrag der Kleinen Zeitung folgenden Text geschrieben (dort erschienen am 14.03.):

DER LETZTE DICHTER

1

Als ich siebzehn war, waren alle Dichter schon tot. Für Rimbaud, Trakl oder Brinkmann ohnehin zu spät geboren, hatte ich es (knapp, aber doch) auch verpasst, Charles Bukowski und Kurt Cobain zu ihren Lebzeiten wahrzunehmen. Der einzige, der noch die Stellung hielt – und das in meiner allernächsten Nähe (zu der ich, mit siebzehn, freilich ein eher distanziertes Verhältnis hatte …) – war Wolfgang Bauer.

An manchen Morgen sah ich ihn, ein paar Schritte voraus, über den Tummelplatz trotten. Mein Weg führte in die Schule, seiner nach Hause, nach Singapur oder noch weiter. Der traumverlorene Gang und das zerzauste, nach Eigendefinition wie „verbogene Antennen“ hochstehende Haar ließen „Wolfi Bauer“, wie ihn alle Welt nannte, in der putzmunteren, glatt frisierten Stimmung eines Grazer Innenstadtmorgens geradezu außerirdisch fremd erscheinen – wie eines jener „grünen Männchen“, die durch manche seiner Stücke geistern.

Auch wenn ich von diesen damals noch nicht viel mehr mitbekommen hatte, als dass sie irgendwie „cool“ waren – dem unheilbar an Pubertät erkrankten Kind, das ich war, schien allein schon das Auftreten ihres Autors nobelpreiswürdig. Verbürgte mir doch Bauers bloßes Da-Sein, dass es so etwas wie „Dichter“, und damit: die Dichtung (sprich: das richtige Leben), nicht nur in den Büchern der Toten, sondern auch in Wirklichkeit gab.

2

Ein paar Jahre später erst wurde mir klar, dass Wolfgang Bauer nicht nur äußerlich meiner Vorstellung eines großen Dichters entsprach, sondern auch die entsprechenden Texte schrieb. Von Anfang an begeisterten mich v. a. einige seiner weniger bekannten Arbeiten: die beiden Gedichtbände, die Kurzprosa, Stücke wie Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?, Das kurze Leben der Schneewolken oder Skizzenbuch.

Heute habe ich den Eindruck, dass Bauer – abgesehen von Magic Afternoon, mit dem er, womöglich aus einem Missverständnis heraus, den Zeitgeist der späten 60er genau getroffen hat – mit vielen seiner zahllosen Ideen „zu früh“ dran war. So nehmen etwa die absichtlich schlecht (!) geschriebenen Gedichte des Bands Das stille Schilf jenen Humor, der später durch Leute wie Helge Schneider oder Stermann und Grissemann populär wurde, (besser – nein: schlechter!) vorweg.

Und ihrer Zeit voraus waren wohl auch Bauers ab Mitte der 70er entstandene „Traumtheater“-Stücke. Einem konsequenteren Realismusbegriff als dem landläufigen verpflichtet, bringen diese die innere Wirklichkeit ihrer Hauptfiguren auf die Bühne: Sie zeigen ein und dasselbe Szenario aus dem doppelten Blickwinkel des Schizophrenen, bestehen aus den Erinnerungsfetzen eines Sterbenden, stellen ihren eigenen Entstehungsprozess im Kopf eines gewissen „Wolfi Bauer“ dar …

Leider wurden diese Meisterleistungen des dramatischen Schreibens bis heute nicht gebührend gewürdigt. Während die auf ähnlichen Plots und Verfahrensweisen basierenden Filme eines David Lynch oder Charly Kaufman ein Millionenpublikum erreichen, sind Bauers Stücke nicht einmal auf den österreichischen Bühnen zu sehen.

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Dass Wolfgang Bauer gestorben war, erfuhr ich in Frombork, an der polnischen Ostsee. Die Notizen, die ich mir an jenem Morgen machte, sind geprägt von ungläubigem Staunen. Dem Tod, gerade wenn er in weiter Ferne eintritt, haftet ja immer etwas Unwirkliches an – wie oft ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass es ihn gar nicht gibt …

Doch in die Bestürzung über den Verlust des lieben Bekannten (so ließe sich mein persönliches Verhältnis zu dem Dichter, über dessen Arbeit ich mittlerweile germanistische Texte verfasst hatte, umreißen), mischte sich noch etwas anderes – etwas, das mich dazu drängte, ausgerechnet die Tatsache, dass es mir die Sprache verschlagen hatte, in Worte zu fassen.

„Ich sitze“, so und so ähnlich notierte ich also, „hier ganz allein mit meinem Schreibblock – und kann über nichts anderes schreiben, als dass ich hier mit meinem Schreibblock sitze, ganz allein“ …

Aus dieser Verlorenheit heraus schrieb ich ein paar Tage später meine erste eigene Erzählung.

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