Andreas Unterweger

30 Jahre ORF-Hör- und Seebühne

Posted in Das gelbe Buch, Grazer Glossen, Tingeltangel-Tour, Wie im Siebenten by andreasundschnurrendemia on 12. August 2017
Die ORF-Hör- und Seebühne feiert heuer ihren 30. Geburtstag mit vielen hochkarätig besetzten Lesungen, darunter etwa jene mit Alfred Kolleritsch und Sarah Kuratle (beim Interview mit Ilse Amenitsch vom ORF) am 27.08.17 …
 
In 2 von diesen 30 Sommern habe ich selbst auf der Seebühne gelesen, 2010 aus „Wie im Siebenten“ und den „Grazer Glossen“ und 2015 aus „Das gelbe Buch“.
Der ORF hat mich um eine Erinnerung gebeten – die ich niederschrieb, als ich gerade mitten in einer Alexandriner-Übersetzung steckte.
So sieht sie auf der digitalen Erinnerungstafel aus …
… und so auf der analogen im ORF-Park – zumindest dann, wenn die Sonne schon untergegangen ist:
 
#dastrunkeneschiff
(Vgl. dazu:  http://steiermark.orf.at/literatursommer, wo auch die Erinnerungen anderer SchriftstellerInnen zu lesen sind.)
*
Ich wünsche Ilse Amenitsch und ihrem Team noch einen schönen Lesesommer!
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7 Grazer Glücksversprechen II

Posted in Grazer Glossen, Trauer by andreasundschnurrendemia on 21. Juni 2015

Noch einmal mein Text aus dem von Luise Kloos 2012 bei edition keiper herausgegebene “Citybook” Graz (mit schönen Beiträgen von Werner Schandor, Andrea Stift u. a.) – von Schauspieler Rudi Widerhofer sehr, sehr gut vorgelesen (Beginn der Lesung ca. 2:50, Text darunter):

(Video vom arrivierten Jungregisseur Edwin Rainer alias voiceinspiration – besten Dank)

7 Grazer Glücksversprechen

 1

Schließ die Augen. Stolpere so bis zum Hochhaus am Lendplatz (dem mit der Uhr drauf), fahr
mit dem Lift bis ganz hinauf, zur Waschküche, taste dich an ein Fenster … Öffne die Augen.

2

Warte auf den heißesten Tag des Jahres. Wandere dann, auf dem größtmöglichen Umweg,
zum Landhaushof, setz dich unter die Arkaden. Die Bänke dort liegen seit 1505 im Schatten.

3

Geh die Keplerstraße auf und ab (oder die Kärntner Straße oder die Conrad-von-Hötzendorf-
Straße oder die Triester Straße oder die Grabenstraße …) – so lange, bis es zu regnen beginnt.

4

Leg dich unter den Hummelbaum – Yggradsilkrone aus summenden Blüten – im Innenhof der
Universität. Leg den Wittgenstein weg, die Zigaretten weg. Beginn die Hummeln zu zählen.

5

Lauf am linken (oder rechten) Murufer entlang nach Norden (oder Süden). Lauf unter der
letzten Brücke durch. Lauf, bis der Weg endet, die Welt endet, der Wald beginnt. Lauf weiter.

6

Lern Fahrradfahren im Volksgarten. Versuch es immer wieder – bis deine Zähne nicht mehr
den Boden berühren. Versuch das dann mit den Knien. Mit den Füßen. Dann: mit den Reifen.

7

Mach dir Freunde in Andritz. Tauch unter in ihrem Swimmingpool. Werde ein erstes gelbes
Blatt, ein Katzenhaar, ein Pingpongball. Treib so (so langsam es nur geht) aufs Meer hinaus.

Geh ´nause´!

Mein Beitrag zu:

k ein h aus

Szenischer Abend in 10 Stationen mit dramatischen Kurztexten von Valerie Fritsch, Anselm Glück, Elfriede Jelinek, Stefan Schmitzer, Monique Schwitter, Clemens Setz, Gerhild Steinbuch, Peter Turrini, Andreas Unterweger und Josef Winkler.
Zum 10. Geburtstag des Literaturhauses Graz

Mitwirkende SchauspielerInnen: Katharina Paul, Sebastian Reiß, Susanne Weber, Rudi Widerhofer
Musik: Robert Kreš (Geige), Lothar Lässer (Akkordeon)
Regie: Danielle Strahm, Regieassistenz: Julia Hager, Ausstattung: Manuela Pirozzi

Vorstellungstermine: 15., 16., 21., 24., 25., 26., 27. Mai und 1., 2., 3. Juni 2013, Beginn: jeweils 19.30 Uhr

Geh „nause“!

 10 x 3 Wegbeschreibungen

zum 10. Geburtstag
des Grazer Literaturhauses
(eröffnet ´03)

Schick deine Homies vor: nach Tokio, Narita Airport. Lass sie dort Gösser saufen, Schnitzel
futtern, furzen. Und die Gates mit Cif putzen – bis es riecht wie in Wien-Schwechat. Dann:

komm du.

*

Geh heute ausnahmsweise einmal zum Spar, nicht zum Billa. Such dort so lange nach deinem
Lieblings-Bio-Bulgur, bis du im Labyrinth schluchzend zusammenbrichst … Dann: geh rüber

zum Billa.

*

Mal die traurigen Hügel dort, die zum Weinen sind, wenn man sie in der Sonne anschaut. Mal
dir ein gelbes Haus darauf, mit großen Fenstern, einer roten Tür. – Öffne die Tür. Schließe sie

(hinter dir).

*

Überschütte dich mit Benzin. Leg den Sprengstoffgürtel an, die Schlinge um. Steck dir die
Pumpgun in den Mund, die Pillen, setz die Rasierklinge an … Steig aufs Brückengeländer.

Spring – nicht.

*

Streichle deine Katze – mit der Nasenspitze – im Nacken, wo sie es am liebsten hat. Atme den
Wellenrausch der Wiese ein, die Gischt des Taus, das gelbe Flimmern, das so schläfrig macht.

Bleib so.

*

Spring in den Bach neben der Autobahn. Tauch ein – in seine ganze Länge: stell dir den Biber
vor, mit dem du dir das Wasser teilst, den Wels; denk an den Aal auf seinem Trip ins Meer …

Folge ihm.

*

Gib die Kontaktlinsen raus – und fahr mit U-Bahn, Tram und Bus (wobei du mindestens
fünfmal umsteigst) zu einer Adresse, wo du noch nie zuvor gewesen bist. Gib dort die Linsen

wieder rein.

*

Warte auf die erste Schneesturmnacht des Jahres. Steig dann in deinen Truck und fahr über
den Wechsel (oder die Rocky Mountains [oder sonst ein Gebirge]). Halte beim erstbesten

Parkplatz danach.

*

Dreh die Zeit zurück – bis zu jenem Sonne-auf-Augen-zu-gelben Augenblick, der deiner
ersten Erinnerung unmittelbar vorausgeht. Schau dich um. Präge dir alles ganz genau ein, und

„vergiss“ es.

*

Zieh ins Tonstudio. Nimm dort – Nacht für Nacht, sobald sie schläft – die Atembrandung
deiner Liebe auf. Gib die Ohropax raus, die Kopfhörer rein – wenn du allein bist, später dann,

im Sarg.

*

Erbe das Rezeptbuch deiner Großmutter. Entziffere ihre Handschrift. Bereite das „Hendl“ zu,
die „Fülle“, den „Saft“ – ganz genau so, wie sie es immer gemacht hat. Koste. – Nein, das

funktioniert nicht.

*

Warte auf die Regenzeit. Steig dann – allein – auf den Hohenstein (oder den K2 [oder sonst
einen Berg]). Krall dich in den Fels. Zieh dich hoch. Kriech zum Schutzhaus. Rette dich: in

den Notraum.

*

Trag immer bei dir: das Frosch-Spülmittel, den Denk mit-Schwamm, das Geschirrtuch aus
Frankreich (mit den roten Birnen drauf). Und wohin es dich auch verschlagen mag: mach du

den Abwasch.

*

Erbe den Toaster deiner Großmutter. Stell ihn auf den Küchentisch – wie eine Vase (Urne?) –,
steck ihn an. Schieb keine Scheibe Toast hinein. Setz dich. Drück den Hebel nach unten. Und

jetzt: schnuppere.

*

Komm nicht auf blöde Ideen wie diese. Hab nicht so viel getrunken, nichts geraucht, sei gar
nicht erst mitgegangen. Und: schau nur, geh nicht hinein. Nein, schau nicht einmal. Geh nicht.

Geh nicht.

*

Erbe die Uhr deines Großvaters. Leg sie in dein Bett, neben dich – und wenn du nachts nicht
schlafen kannst, dann schau, wie früher, zu ihr hin: Wie ihr Ziffernblatt leuchtet! Wie sein

Herz tickt!

*

Hör heute ausnahmsweise einmal früher auf zu arbeiten. Nein: fang gar nicht erst an. Lass dir
zum Frühstück Pizza kommen, Eis und Bier, hau dich aufs Sofa, schau Sitcoms. Und hab ein

gutes Gewissen.

*

Finde deinen Platz. Such das Haus ab, den Garten, die Straße. Versuch´s unter der Tanne, auf
ihr, in der Restmülltonne. Such, bis es Nacht wird – Tag wird – such weiter … Bleib dort, wo

du zusammenbrichst.

*

Tausch Platz mit deinem Spiegelbild. Sei Immigrant im Wunderland, lern Jabberwocky,
gewöhn dich an den Linksverkehr. Schau dich an – im Rückspiegel. Und erkenne dich selbst

nicht wieder.

*

Zieh aufs Klo. Lern im Sitzen zu schlafen, mit Fliesen zu kuscheln, sprich mit dem Klobesen,
wenn du ihn gießt … Wisse: du kannst aufatmen. Jetzt (endlich!) bist du in keinem Haus mehr

ein Fremder.

*

Zieh ins Literaturhaus. Geh dabei so vor: Versteck dich während dieser Vorführung (z. B.
hier, im Text), lass dich einsperren. Und wenn alle fort sind: hol die neue Mickey Mouse raus

und lies.

*

Warte auf den heißesten Tag des Jahres. Wandere dann, auf dem größtmöglichen Umweg,
zum Grazer Landhaushof, setz dich unter die Arkaden. Die Holzbänke dort liegen seit 1505

im Schatten.

*

Stell den Schuh wieder hin. Nimm den Finger vom Sprayknopf, kehr das Backpulver auf,
kämm das Schneckenkorn aus der Wiese. Zieh den Gelsenstecker raus. Entrolle die Zeitung.

Tu´s nicht.

*

Frag dich auf Stoasteirisch durch Mumbai (oder Guǎngzhōu [oder Seoul [oder Lagos]]) – bis
dir jemand auf Stoasteirisch antwortet. – Aber nein. Das vergiss gleich wieder. Dieser Weg ist

zu einfach.

*

Lies alles über Bob Marley. Tourtagebücher, Memoiren, das Rastafari Kochbuch. Analysier
seine Riffs, die Chiffren, sezier die Verwandlung von Fleisch in Musik. Dann aber: steh auf

und tanze.

*

Schau deinem Laptop dabei zu, wie er abstürzt. Wie das Warnfenster flackert, die Lüftung
aufjault, diese Zeile erlischt. Erlebe drei bange Minuten. Schalte das Ding wieder ein. Siehe:

alles okay.

*

Fahr in die Arktis, stürz dich von einer Klippe, werde die Möwe, die du in Wirklichkeit bist.
Merke: du bist der größte, stärkste Vogel hier draußen – niemand fliegt so hoch wie du. Dann:

lande wieder.

*

Lass dich von deinem Schatten scheiden. Wisch die Angst aus deinen Augenwinkeln, leg den
Trauerflor ab, der dich fesselt. Sag den Gleichnissen adieu, den Höhlen. Dreh dich um, blinzle

ins Licht.

*

Hör auf den Herzschlag deiner Mutter. Schaukle im Wellenrausch des ersten Meers, Eigelb
und Flimmernis … Dann aber: dreh dich, winde dich da raus. Wir versprechen dir: es kommt

noch besser.

*

Mach nur noch das, was deine Tochter sagt: Räum die Sonne weg! Blas die Brennnesseln aus!
Entschuldige dich bei den Regentropfen! Komm immer mit/schau immer zu/bleib immer da!

Geh „nause“!

7 Grazer Glücksversprechen

Posted in Grazer Glossen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 17. Mai 2012

Letzte Woche wurde in der Grazer designHalle das von Luise Kloos (s. u.) bei edition keiper herausgegebene „Citybook“ Graz präsentiert (mit schönen Texten von Werner Schandor, Andrea Stift u. a.) – ich durfte freundlicherweise eine Art Vorwort beisteuern, das Schauspieler Rudi Widerhofer sehr gut vorgelesen hat (Beginn der Lesung ca. 2:50):

(Video vom arrivierten Jungregisseur Edwin Rainer alias voiceinspiration – besten Dank!)


7 Grazer Glücksversprechen

 1

Schließ die Augen. Stolpere so bis zum Hochhaus am Lendplatz (dem mit der Uhr drauf), fahr
mit dem Lift bis ganz hinauf, zur Waschküche, taste dich an ein Fenster … Öffne die Augen.

2

Warte auf den heißesten Tag des Jahres. Wandere dann, auf dem größtmöglichen Umweg,
zum Landhaushof, setz dich unter die Arkaden. Die Bänke dort liegen seit 1505 im Schatten.

3

Geh die Keplerstraße auf und ab (oder die Kärntner Straße oder die Conrad-von-Hötzendorf-
Straße oder die Triester Straße oder die Grabenstraße …) – so lange, bis es zu regnen beginnt.

4

Leg dich unter den Hummelbaum – Yggradsilkrone aus summenden Blüten – im Innenhof der
Universität. Leg den Wittgenstein weg, die Zigaretten weg. Beginn die Hummeln zu zählen.

5

Lauf am linken (oder rechten) Murufer entlang nach Norden (oder Süden). Lauf unter der
letzten Brücke durch. Lauf, bis der Weg endet, die Welt endet, der Wald beginnt. Lauf weiter.

6

Lern Fahrradfahren im Volksgarten. Versuch es immer wieder – bis deine Zähne nicht mehr
den Boden berühren. Versuch das dann mit den Knien. Mit den Füßen. Dann: mit den Reifen.

7

Mach dir Freunde in Andritz. Tauch unter in ihrem Swimmingpool. Werde ein erstes gelbes
Blatt, ein Katzenhaar, ein Pingpongball. Treib so (so langsam es nur geht) aufs Meer hinaus.

Sodom und Gomorra

Posted in Grazer Glossen, Trauer by andreasundschnurrendemia on 11. Juli 2011

Gestern in G7, der Sonntagsbeilage der Kleinen Zeitung in Graz: 

SODOM UND GOMORRA

Die einzige WG, in der ich jemals gewohnt habe, war eine Utopie. Wobei der Ausdruck „Utopie“, also „Nicht-Ort“, irreführend ist. Schließlich gab es den Ort, die leerstehende Wohnung meiner Großeltern im Lendplatz-Hochhaus, ja tatsächlich – nur lebte darin eben nicht (NOCH nicht, wie ich damals dachte) jene Wohngemeinschaft, die die Welt verbessert hätte: mein Freund Tom Tom und ich.
Wir waren siebzehn Jahre alt. Morgen für Morgen schleppten wir uns zur Schule, um dort über imaginären Zahlen, toten Sprachen und anderen Scheinproblemen zu brüten. Das Leben war anderswo. Im Café Cäsaro etwa, wo wir in langen, von süßem Cider und starkem Tobak befeuerten Dialogen das Wesen des Glücks definierten – jenes WG-Glücks, das uns, wie wir hofften, schon bald („nach der Matura!“) erwarten würde.
Ich will hier nicht auf die Details unserer Vision eingehen – erstens sind es zu viele, zweitens kommt es darauf nicht an. Sagen wir einfach so: Wie alle (positiven) Utopisten seit Platon schafften auch wir jene Dinge ab, die uns auf die Nerven gingen, und erhoben die zum Gesetz, die Spaß machten, aber verboten waren. Freilich: Gegen das, was Tom Tom und mir vorschwebte, stank der platonische Ideal-Staat ab wie eine von da Vincis Flugmaschinen gegen Keith Richards´ Party-Jet.

Es versteht sich von selbst, dass die Verwirklichung unseres WG-topias letztlich verhindert wurde. Für eine so gute Idee wie diese wird die Welt (die immer eine von Eltern regierte sein wird) nie bereit sein. Was uns jedoch niemand nehmen konnte, war das Wissen, dass unser Traum in jenen Momenten, da wir ihn GEMEINSAM geträumt hatten, ohnehin bereits wahr geworden war …
Als wir uns (heimlich) den Schlüssel nachmachen ließen, z.B.: erst die Angst, von Mister Minit als Einbrecher entlarvt zu werden – dann: unsere diebische Freude … Oder, kurz darauf, die erste (inoffizielle) Wohnungsbesichtigung: Wir schlichen durch die Zimmer, flüsterten, machten nicht einmal Licht an – niemand war jemals so frei … Und natürlich – ein Jahr vor dem avisierten Bezugstermin (wann sonst?) – der Kauf des WG-Haustiers.
Ein Wellensittich sollte es sein – weil jemand erzählt hatte, dass er den seinen darauf dressiert habe, ihm Zigaretten zu bringen. Und da jemand anderes meinte, allein zu wohnen sei auch für ein Vogerl kein Glück, kauften wir – um unser ganzes Geld – zwei: ein quirliges, gelb-grün gezeichnetes Männchen und ein Albino-Weibchen, groß und stark. Es war Tom Tom, der ihnen ihre Namen gab – die coolsten Namen, zweifellos, die Wellensittiche jemals getragen haben (s. Titel).

Schon bald werden sie am Himmel unserer Künstler-WG fliegen, jeder eine Zigarette im Schnabel: eine für dich, eine für mich… Schon bald wirst du mein WG-Bruder sein, werden wir im gelobten Lend logieren, wird uns ganz Graz, diese verkappte Paradise City, where the grass is green and the girls are pretty, zu Füßen liegen …
Bis dahin aber bleiben die zwei Vögel noch bei den Eltern wohnen (meinen), zwitschern ein bisschen, fressen, dösen – und nur wenn sie, im Spiel, die Flügel öffnen, kommt Leben in ihren goldenen Käfig. 

Für Thomas Mossböck (1977 – 2011)

Keep on singing

Posted in Grazer Glossen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 15. Juni 2011

Aus der aktuellen Ausgabe des Grazer Straßenmagazins „MEGAPHON“:
ein Portät der MEGAPHON-Verkäuferin Rose Egbo.

 Keep on singing

Singen. Rose Egbo singt und tanzt – in der Sporgasse, auf dem Hauptplatz, vor der Uni – wo
immer sie das Megaphon verkauft. Schriftsteller Andreas Unterweger traf sie zum Gespräch.

Sprechen wir über das, was gut ist. Sprechen wir über die freundlichen, die lieben Menschen.
Sprechen wir nicht über das, was der Mann – du dachtest, es sei einer von den Guten, weil er
nahe herankommt, dich noch näher winkt – dir ins Ohr gezischt hat. Sprechen wir nicht über
Rassisten. Sprechen wir über das, was schön ist – an deinem neuen Leben, hier, in Österreich.

Sprechen wir über das Singen, das Schwimmen, das Fußballschauen – sprechen wir über die
Wohnung, die du dir mit einer Freundin teilst. Sprechen wir über die Schokolade, die dir
geschenkt wird, die Kärtchen, die CD, die Komplimente … Sprechen wir über die Bücher, die
du liest, die Messen, die du hörst, deinen Glauben … Sprechen wir über deine Arbeit hier.

Sprechen wir nicht zu viel, nicht zu lang – du, Rose, singst ohnehin viel lieber. Du bist die
Megaphon-Verkäuferin, die singt und tanzt. Bestimmt kenne ich dich vom Sehen. Ob ich dir
ein Heft abgekauft habe? Weiß ich nicht. Ja, es gibt viele Verkäufer, sehr viele … Aber reden
wir nicht davon – sprechen wir lieber darüber, dass du so das Geld für die Miete verdienst.

Sprechen wir über dich, Rose: Rose Egbo, geboren 1981 in Benin City, Nigeria – seit 2006 in
Österreich. Sprechen wir nur über dein Leben hier, dein „neues Leben“ – und nicht über dein
altes, in Nigeria. Oder gar über das, was dich daraus vertrieben hat. Wir sprechen über nichts,
worüber du nicht reden willst – versprochen. Sprechen wir nicht mehr über das, was war.

Sprechen wir lieber über das, was sein wird. Dein Bürojob etwa. Davor: Erteilung der
Aufenthaltsbewilligung. Davor: Abschluss des Sprachkurses, den du dir selbst bezahlst.
Sprechen wir nur über dieses eine mögliche Zukunftsszenario, kein anderes. „I will NOT go
back“, sagst du – und hoffst dabei auf Gott. Sprechen wir über Hoffnung, nicht über Angst.

Sprechen wir über das, was gut ist: das Bad zur Sonne; ein Sieg von Arsenal; ein Gospel, den
du im Sonnenschein singst. Sprechen wir über die lieben Leute hier – nicht über das, was uns
die Angst ins Ohr zischt. Sprechen wir über deine Hoffnung, Rose, dein Lächeln. Man muss
stark sein, man muss immer lächeln, sagst du. Und (zu mir? zu dir selbst? zu uns beiden?):

„Keep on singing.“

P.S.
Die Veröffentlichung des Artikels an dieser Stelle will übrigens nichts weniger, als Sie, geneigte Userin/geneigter User, vom Kauf eines MEGAPHON-Heftes, womöglich aus den Händen von Rose Egbo, abhalten …

P.P.S.
Außerdem möchte ich Ihnen jene Veranstaltung ans Herz legen, zu der dieser Link (oder ein Blick nach rechts oben: „Termine“) führt.

Der letzte Dichter

Posted in Grazer Glossen, Trauer by andreasundschnurrendemia on 18. März 2011

Heute (18.03. – St. Wolfi´s Day?) wäre Wolfgang Bauer 70 Jahre alt geworden.
Aus diesem Anlass habe ich im Auftrag der Kleinen Zeitung folgenden Text geschrieben (dort erschienen am 14.03.):

DER LETZTE DICHTER

1

Als ich siebzehn war, waren alle Dichter schon tot. Für Rimbaud, Trakl oder Brinkmann ohnehin zu spät geboren, hatte ich es (knapp, aber doch) auch verpasst, Charles Bukowski und Kurt Cobain zu ihren Lebzeiten wahrzunehmen. Der einzige, der noch die Stellung hielt – und das in meiner allernächsten Nähe (zu der ich, mit siebzehn, freilich ein eher distanziertes Verhältnis hatte …) – war Wolfgang Bauer.

An manchen Morgen sah ich ihn, ein paar Schritte voraus, über den Tummelplatz trotten. Mein Weg führte in die Schule, seiner nach Hause, nach Singapur oder noch weiter. Der traumverlorene Gang und das zerzauste, nach Eigendefinition wie „verbogene Antennen“ hochstehende Haar ließen „Wolfi Bauer“, wie ihn alle Welt nannte, in der putzmunteren, glatt frisierten Stimmung eines Grazer Innenstadtmorgens geradezu außerirdisch fremd erscheinen – wie eines jener „grünen Männchen“, die durch manche seiner Stücke geistern.

Auch wenn ich von diesen damals noch nicht viel mehr mitbekommen hatte, als dass sie irgendwie „cool“ waren – dem unheilbar an Pubertät erkrankten Kind, das ich war, schien allein schon das Auftreten ihres Autors nobelpreiswürdig. Verbürgte mir doch Bauers bloßes Da-Sein, dass es so etwas wie „Dichter“, und damit: die Dichtung (sprich: das richtige Leben), nicht nur in den Büchern der Toten, sondern auch in Wirklichkeit gab.

2

Ein paar Jahre später erst wurde mir klar, dass Wolfgang Bauer nicht nur äußerlich meiner Vorstellung eines großen Dichters entsprach, sondern auch die entsprechenden Texte schrieb. Von Anfang an begeisterten mich v. a. einige seiner weniger bekannten Arbeiten: die beiden Gedichtbände, die Kurzprosa, Stücke wie Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?, Das kurze Leben der Schneewolken oder Skizzenbuch.

Heute habe ich den Eindruck, dass Bauer – abgesehen von Magic Afternoon, mit dem er, womöglich aus einem Missverständnis heraus, den Zeitgeist der späten 60er genau getroffen hat – mit vielen seiner zahllosen Ideen „zu früh“ dran war. So nehmen etwa die absichtlich schlecht (!) geschriebenen Gedichte des Bands Das stille Schilf jenen Humor, der später durch Leute wie Helge Schneider oder Stermann und Grissemann populär wurde, (besser – nein: schlechter!) vorweg.

Und ihrer Zeit voraus waren wohl auch Bauers ab Mitte der 70er entstandene „Traumtheater“-Stücke. Einem konsequenteren Realismusbegriff als dem landläufigen verpflichtet, bringen diese die innere Wirklichkeit ihrer Hauptfiguren auf die Bühne: Sie zeigen ein und dasselbe Szenario aus dem doppelten Blickwinkel des Schizophrenen, bestehen aus den Erinnerungsfetzen eines Sterbenden, stellen ihren eigenen Entstehungsprozess im Kopf eines gewissen „Wolfi Bauer“ dar …

Leider wurden diese Meisterleistungen des dramatischen Schreibens bis heute nicht gebührend gewürdigt. Während die auf ähnlichen Plots und Verfahrensweisen basierenden Filme eines David Lynch oder Charly Kaufman ein Millionenpublikum erreichen, sind Bauers Stücke nicht einmal auf den österreichischen Bühnen zu sehen.

3

Dass Wolfgang Bauer gestorben war, erfuhr ich in Frombork, an der polnischen Ostsee. Die Notizen, die ich mir an jenem Morgen machte, sind geprägt von ungläubigem Staunen. Dem Tod, gerade wenn er in weiter Ferne eintritt, haftet ja immer etwas Unwirkliches an – wie oft ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass es ihn gar nicht gibt …

Doch in die Bestürzung über den Verlust des lieben Bekannten (so ließe sich mein persönliches Verhältnis zu dem Dichter, über dessen Arbeit ich mittlerweile germanistische Texte verfasst hatte, umreißen), mischte sich noch etwas anderes – etwas, das mich dazu drängte, ausgerechnet die Tatsache, dass es mir die Sprache verschlagen hatte, in Worte zu fassen.

„Ich sitze“, so und so ähnlich notierte ich also, „hier ganz allein mit meinem Schreibblock – und kann über nichts anderes schreiben, als dass ich hier mit meinem Schreibblock sitze, ganz allein“ …

Aus dieser Verlorenheit heraus schrieb ich ein paar Tage später meine erste eigene Erzählung.

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Zeit aus den Fugen

Posted in Grazer Glossen, Im Auftrag des Herrn unterwegs by andreasundschnurrendemia on 6. März 2011

Geschrieben im November 2010, heute Morgen in G7, dem Grazer Stadtmagazin der Kleinen Zeitung, und auch heute Abend noch aktuell:

ZEIT AUS DEN FUGEN

Für Christian

Wer in die Stadt seiner Jugend zurückkehrt, reist immer auch durch die Zeit. Es ist wie in einer jener Filmszenen: Der (Anti-)Held, den man verkörpert, schaut oben aus dem Hotelfenster – und sieht sich selbst unten die Straße entlang stolpern: so viele Jahre jünger, so viele Erfahrungen ärmer, unterwegs im Labyrinth seiner Vergangenheit.
Wie verschlungen deren Wege auch gewesen sein mögen – diesem längst enteilt geglaubten Passanten heftet man sich gern an die Fersen. Zumindest mir ergeht es so. Wann immer ich nach Graz komme, folge ich freudig meinen alten Spuren – gegen den Strom (und oft leider auch gegen die Zeichen…) der Zeit.
„Schau, dort habe ich Zivildienst gemacht!“, rufe ich etwa meiner Frau zu, während wir durch die Münzgrabenstraße fahren. Sie seufzt, denn sie hat das schon 57 Mal gehört – hört es jedes Mal, wenn sie mit mir in Graz ist. Und dass ich, beidhändig deutend, das Auto fast in den Gegenverkehr lenke, kann ihre Begeisterung für meine autobiographische Schnitzeljagd auch nicht steigern…

Schon wahr: oft verstellt mir der „Nostalgiequatsch“, wie Element Of Crime so schön singen, den Blick auf das Graz der Gegenwart. Da dieses aber zweifellos auch viel zu bieten hat, begab ich mich jüngst, begleitet von einem lieben „alten“ Freund, auf Expedition. Ausgestattet mit einem ganzen Abend Freizeit (welch Luxus für uns Familienväter!), machten wir uns auf, den nostalgischen Schleier über unserem Stadtbild zu lüften – und uns als das zu präsentieren, was wir doch immer noch sind: radikal heutig, kompromisslos zeitgenössisch, Wellenreiter auf der Schaumkrone des ewig flüchtigen Jetzt!
Das erste Lokal, das uns (von früher) bestens vertraut war, bestätigte unsere Selbstwahrnehmung. An der Theke saßen (alte) Bekannte, auch den Kellner kannten wir (von früher), und dass uns selbst die Anekdoten, die er zum Besten gab, bekannt vorkamen, ließ unsere Vermutung, dass sich (seit damals) nichts, oder zumindest nicht viel, geändert hatte, fast Gewissheit werden.
Umso härter trifft uns der Lokalwechsel um Mitternacht. Ist die gewählte Kneipe „damals“, als wir noch studiert haben, von Gleichaltrigen frequentiert worden, so wimmelt es jetzt dort vor Halbwüchsigen. Selbst die Kellnerin ist noch ein Kind – kaum zu glauben, dass sie schon Vorlesungen besucht. Und doch: „Grüß Gott“, schmettert sie meinem Freund, der an der Uni lehrt, entgegen, ,,HERR PROFESSOR!!!“
An diesem Punkt des Abends gerät irgendetwas (die Zeit?) aus den Fugen. Es ist wie in einer jener Filmszenen: Die gesetzten „HERREN“, als die wir entlarvt worden sind, ergreifen umgehend die Flucht – werden jedoch von ihren jüngeren Doppelgängern, die eben hereinstolpern, zurückgehalten – ins Getümmel gezerrt – und auf Bier eingeladen…
Schnitt.
„Der gemeinsame Abend“, schrieb mir mein Freund am Tag danach, „war sehr gelungen. So alt und zugleich so jung, das ist schon etwas, worauf man stolz sein kann!“ – Ja, lieber Christian, das finde ich auch. Manches wird eben erst mit dem Alter zur Leistung. Und selbst wenn es, wie diesmal, Kopfschmerzen verursacht – die Gegenwart ist immer eine Zeitreise wert.

P.S.
Auf dem Kopf stehender Scan der Zeitungsseite mit der sehr schönen Illustration von Anna-Maria Jung (man beachte 1. die naturalistischen Porträts der beiden gertenschlanken Protagonisten und 2., dass sie lustigerweise Band-T-Shirts von Element Of Crime tragen) – hier klicken!

P.P.S.
Rätsel der Literatur:

Wer weiß, wie der Autor des Romans „Zeit aus den Fugen“ heißt, dessen Titel ich für meinen Artikel gezuguttenbergt habe?
Die erste richtige Antwort* gewinnt das Buch** aus meiner überquellenden Privatbibliothek!

* Googeln gilt nicht!
** Einmal gelesen, ohne Eselsohren und Klopapier-Lesezeichen, Neupreis: € 10,30.

So regen wir die Ruder…

Posted in Grazer Glossen by andreasundschnurrendemia on 5. Oktober 2010

Vorgestern in G7, dem Grazer Stadtmagazin der Kleinen Zeitung, aber auch übermorgen noch aktuell:

SO REGEN WIR DIE RUDER …

 Meine erste Erinnerung ist ein Traum. Ich stehe auf dem Balkon unserer Wohnung in der Körösistraße, drei Stockwerke plus drei Käse hoch über dem Murkai, dessen Bäume im Wind rauschen, und mein Kuschelbär „Petzi“ ist, ich weiß nicht wie, oben hin auf den Handlauf des Balkongeländers geraten – von wo er jeden Moment abzustürzen droht – wenn ich ihn nicht rette.
Dass ich den Bären mit der Hand erreichen kann, ist wohl nur im Traum möglich. Nur im Traum (und im Mythos) aber führt auch jener Sadismus Regie, der mich das Stofftier zwar berühren, aber nicht und nicht zu fassen kriegen lässt. Wie Tantalos, dem die köstlichsten Früchte auf ewig unerreichbar vor der Nase hängen, strecke ich mich vergebens. Und da Petzi jedes Mal, wenn er mir entgleitet, ein Stückchen weiter rutscht, findet er sich bald schon jenseits des Geländers – gehalten nur noch von den Wäscheleinen, die vor den Balkon gespannt sind.
Mittlerweile hänge aber auch ich, der ich Petzi nachgeklettert bin, halb über dem Abgrund. Die Füße baumeln in der Luft, im Bauch spüre ich den Handlauf, in der linken Hand eine zum Zerreißen gespannte Wäscheleine – während die rechte immer weiter nach vorne greift…
Dann: unser Absturz. Der freie Fall (diese wilde Freude: wie eine Möwe, der aufs Meer hinab stößt!), gefolgt vom Aufprall, der, so hart er ist, den Flug davor nicht überschatten kann… Und außerdem: uns passiert nichts. Petzi bleibt zwar, offensichtlich benommen (doch nicht benommener als üblich…), liegen – ich aber stehe gleich wieder auf, nehme den Bären (problemlos!) an mich, gehe ins Haus hinein und hinauf in die Wohnung, raus auf den Küchenbalkon, wo Petzi plötzlich oben auf dem Geländer liegt – und das Spiel dieses Traums von Neuem beginnt…
„Eine Endlosschleife“, hatte ich bis vor Kurzem gedacht, „aus der ich irgendwann wieder erwacht bin“ – doch erst jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen (genau hier, an dieser Stelle, an der ich, ratlos, wie es weitergehen solle, vom Laptop auf- und um mich geblickt habe), wurde mir klar, dass das nicht zwangsläufig der Fall ist. Denn: was ich sehe, ähnelt der Kulisse meines Traums auf geradezu unheimliche Weise!
300 Kilometer und 30 Jahre von jenem Balkon entfernt, rauschen vor dem Küchen(!)fenster, an dem ich sitze, auch die Bäume, liegt dahinter auch ein Fluss, steht da auch, nein, immer noch die große Tanne (in Graz längst gefällt), und selbst Freund Petzi ist da: braun-kuschelig wie eh und je und mit denselben gelben Augen, nur dass er heute schnurrt statt brummt und „Mia“ heißt – wobei ich ihn meist ohnehin nur „Schatzbär“ nenne (oder auch „Nervbär“, je nach Laune).
Und jetzt fällt mir auch auf, dass tatsächlich alle Orte, an denen ich jemals gewohnt habe (wo auch immer das war: in Lend, Wien, Frankreich…), meinem allerersten Zuhause, der Wohnung in der Grazer Körösistraße, in bestimmter Hinsicht sehr ähnlich waren. Meist lagen sie an einem Fluss, oft etwas erhöht, und überall rauschten draußen, vor dem Fenster, die Bäume…

„So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.“ (F. Scott Fitzgerald)

 

(In G7 erscheinen die Texte der Kolumne „Exit Graz“, die hier „Grazer Glossen“ genannt werden, mit schönen Illustrationen von Anna Maria Jung. Mangels eigenen zeichnerischen Talents behilft sich der Webmaster dieser Homepage neuerdings mit Fotos, die der Autor, leider beileibe kein Fotokünstler, selbst geschossen hat. Dies gilt übrigens auch für die älteren Grazer Glossen.   

Als das Wünschen noch geholfen hat

Posted in Grazer Glossen by andreasundschnurrendemia on 22. August 2010

Vorvorgestern auf der ORF-Hör- und Seebühne, heute in G7, dem Stadtmagazin der Kleinen Zeitung, und ein Leben lang aktuell:

ALS DAS WÜNSCHEN NOCH GEHOLFEN HAT

Meinem Opapa (1922 – 1994)

Lange Zeit dachte ich, das Leben sei SO. Da ich aber damals, als ich so dachte, in Graz gelebt habe, besteht Grund zu der Annahme, dass nicht das Leben im Allgemeinen, sondern nur das in Graz SO ist – wodurch das SO-Sein des Lebens glatt zum Thema für diese Kolumne wird… „Wie SO?“, fragen Sie jetzt vielleicht, „WIE ist das Leben denn?“ Nun, ich bitte um etwas Geduld: Wie die meisten Versuche, diese Frage zu beantworten, ist auch dieser hier eine Erzählung, keine Erklärung.

1

1983 zählte ich zu den Gewinnern eines Malwettbewerbs, den ein Grazer Kaufhaus ausgeschrieben hatte. Man sollte seinen größten Wunsch abbilden; als Belohnung winkte die Erfüllung desselben. Natürlich hatte ich weder Weltfrieden noch Literaturnobelpreis gezeichnet, sondern – mit fünf war ich noch Pragmatiker – ein Spielzeug-Piratenschiff. An meinem Schiff war alles dran: Segel, Totenkopfflagge, Kanonen – und noch heute, wenn ich vor dem Bild stehe (es hängt in der Privatgalerie meiner Omama), frage ich mich, wie um alles in der Welt man das dargestellte Objekt denn NICHT für ein Piratenschiff halten kann… Fakt ist: Mein Opapa, der den Gewinn abholen ging, brachte ein Raumschiff mit nach Hause.

2

Was mit dem Zeichnen nicht klappte, mochte mit dem Schreiben gelingen. Einer meiner ersten literarischen Versuche – Titel: „Brief an das Christkind“ – begann mit der krakeligen Evokation: „PIRATENSCHIFF!“ Man könnte meinen, eine so schlichte Wunschäußerung lasse keinerlei Deutungen zu. Aber entweder das Christkind litt an Leseschwäche oder, das war schon damals mein Verdacht, es hatte meinen Opapa mit der Besorgung beauftragt. Fakt ist: Als ich das Päckchen unter dem Christbaum öffnete, befand sich darin: das Modell eines Fischkutters.

3

Bald darauf war ich selbst ein Pirat – in meinen Träumen: Ich träumte davon, mit den „BMX-Piraten“ zu segeln, einigen älteren Buben, die mit ihren tolldreisten Manövern den Volksgarten-Spielplatz in Atem hielten – um dazuzugehören, fehlte mir aber das passende Schiff, äh, Fahrrad. Dem Osterhasen war das wohl zu Ohren gekommen, denn als ich den großelterlichen Garten nach Eiern absuchte, stand ich plötzlich vor – ich konnte es nicht fassen – wuchtigen gelben Reifen – einem silbernen Rahmen – kantigen Pedalen – und: was, nur einer Bremse?! Fakt ist: Ich besaß nun zwar das heiß ersehnte BMX, allerdings eines, das den Piratenappeal eines Dreiradlers versprühte – es war MIT RÜCKTRITT… („Das ist sicherer“, so Opapa.)

Fassen wir zusammen:

Statt Seeschlacht, Plünderung und Geiselnahme spielte der Fünfjährige, der ich war, Heringfang und Mondlandung. Und statt mit quietschenden Reifen Kleinkinder zu erschrecken, rollte er weiterhin neben seinem Opapa durch den Volksgarten, stellte ihm tausend Fragen und hörte aufmerksam zu.

Anders ausgedrückt: Statt karibischer Outlaws und frühpubertärer Parkrowdys waren meine ersten Role Models: heroische Raumfahrer, Helden der Arbeit und ein geduldiger, besonnener, weiser und sehr, sehr lieber alter Mann.

Oder sagen wir SO: Statt dem, was ich mir gewünscht hatte, bescherte mir Graz eine glückliche Kindheit.

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