Andreas Unterweger

Familientreffen in der Allianz Arena (Stanglpass 13)

Posted in Stanglpass by andreasundschnurrendemia on 22. Januar 2010

Aus der aktuellen Ausgabe (Heft 55) der Münchner Fußball-Fachzeitschrift Der tödliche Pass:

Familientreffen in der Allianz Arena
oder

Wer solche Feinde hat, braucht keine Freunde
Drei Gespräche

Der Stanglpass
zugespielt von Andreas Unterweger aus Österreich

Sie sind das Feinbild des „klassischen“ Fußballfans à la Nick Hornby: Familien im Fußballstadion. Während man(n) in das „Stadion“ von früher noch wie in die Kneipe ging (und da wie dort dasselbe vorfand: Bier, einen Stehplatz, raue Gesänge …), so erwartet einen in der zeitgenössischen „Arena“ eine völlig andere Atmosphäre: statt des (einzigen) familienfreien Tages ein „Familientag“, statt Stehplätzen „Sitzfamilien“, statt des alkoholgeschwängerten Hexenkessels von einst „eine gediegene und angenehme Atmosphäre, in der sich alle Gäste wohl fühlen“ …

Die angeführten Zitate stammen alle von der Homepage der Münchner Allianz Arena – kein Wunder, dass die Vabitschs aus Graz ihr diesjähriges Familientreffen ausgerechnet dort stattfinden ließen. Sighild und Gerhard, die Eltern, reisten aus Graz an, Tochter Anna aus München-Nymphenburg, die Söhne Martin (mit Freundin Angelika) und Paul aus Wien, Sohn Johannes (mit Freundin Magdalena) aus Stuttgart. Als Ersatzmann für den erkrankten Bernhard (Annas Ehemann und der einzige „wahre“ Bayern-Fan in der Familie) wurde Horst, ein Münchner Freund von Johannes, nachnominiert.

Im Schatten des internationalen Vabitsch-Kongresses am 24.10.2009 fand auch ein Fußballspiel statt: Bayern München gewann gegen Eintracht Frankfurt mit 2:1.

Die Eltern: Sighild und Gerhard Vabitsch (beide 60 +), Pensionisten aus Graz

Andreas
Wie hat es Euch in die Allianz Arena verschlagen?

Sighild
Es war ein Geburtstaggeschenk für Gerhard – von den Kindern. Sie haben die Karten auf Ebay ersteigert. Die Bayern-Spiele sind ja alle ausverkauft.

Gerhard
Die Karten waren auch gar nicht billig. Ich glaube, eine Karte hat so um die 50 Euro gekostet.

Andreas
Warum ausgerechnet die Allianz Arena?

Gerhard
Als Architekt bin ich an dem Bau interessiert. Ich habe die Arena auch schon in der Bauphase besichtigt. Aber mit Fußball ist es natürlich interessanter.

Andreas
Hat die Arena Deine architektonischen Erwartungen erfüllt?

Gerhard
Der Bau ist sehr eindrucksvoll – von außen. Die beleuchteten Waben …

Sighild
… vor dem violetten Nachthimmel …

Gerhard
… das ist schon sehr schön. Von innen aber macht sie nichts her.

Andreas
Welchen Eindruck hattet Ihr von dem Umfeld des Stadions?

Sighild
Wir sind mit der U-Bahn angekommen – da war ein ziemliches Gedränge. Ich leide ja ein bisschen an Platzangst. Trotzdem habe ich nie das Gefühl gehabt, bedrängt zu werden. Der Strom teilt sich immer wieder, es war recht angenehm.

Gerhard
Die Logistik ist beeindruckend. Wie sie das voll kriegen – und dann wieder entleeren.

Sighild
Geschreckt habe ich mich ein bisschen vor der berittenen Polizei. Was tun die, wenn wirklich etwas passiert? Reiten sie in die Menge hinein?

Gerhard
Ja, da hat man schon Respekt …

Sighild
Und jeder wird ganz genau untersucht. Es gibt einen Frauen-Eingang und einen Männer-Eingang: Männer werden von den Männern abgegriffen, Frauen von Frauen.

Gerhard
Wobei das auch umgekehrt sein könnte. Das ist ja nicht abwegig, ich zum Beispiel hätte mir das durchaus vorstellen können …

Andreas
Wie hat Euch das Spiel gefallen?

Sighild
Die Spieler sind lange nur so herum gehüpfelt.

Gerhard
Ich war enttäuscht von dem Spiel!

Sighild
Zuerst waren die Frankfurter in Führung, dann haben die Bayern ausgeglichen …

Gerhard
Das war nicht besser als ein Spiel von Sturm Graz!

Sighild
… und schließlich haben die Bayern dann das 2:1 geschossen.

Andreas
Seid Ihr Fußballfans?

Sighild
Ja sicher!

Gerhard
Na ja …

Sighild
Der Fußballfan bei uns bin ich! Ich schaue immer!

Gerhard
Ich nur, wenn Österreich spielt. Und dann halte ich meistens für die Gegner.

Andreas
Beim letzten Länderspiel warst Du also für Spanien?

Gerhard
Ja. Aber ich habe mich gewundert, warum sie ausgerechnet gegen Spanien spielen. Spanien ist ja viel zu gut. Sie sollen gegen die Färöer spielen – aber sogar gegen die verlieren sie!

Sighild
Ein Tor haben die Österreicher aber gegen Spanien geschossen …

Gerhard
Aber dann war es auch wieder vorbei! Spanien hat 5:1 gewonnen!

Der Sohn: Johannes Vabitsch (32), Betriebswirt aus Stuttgart

Andreas
Wie ist die Idee entstanden, Deinen Vater zum Geburtstag in die Allianz Arena einzuladen?

Johannes
Wir hatten schon einmal, 2004 oder 2005, ein Familientreffen in München. Damals ist mein Vater allein zur Arena hinausgefahren und hat ganz begeistert die Bauarbeiten fotografiert. Zu seinem 65. Geburtstag haben wir ihm dann diesen Ausflug geschenkt. Nächstes Jahr wird er 70, wir haben also recht lange gebraucht …

Andreas
Warum hat es so lange gedauert?

Johannes
Wir waren so naiv zu glauben, dass man im freien Verkauf Karten für ein Bayern-Spiel bekommt … Meine Schwester ist dann nach einiger Zeit draufgekommen, dass Spiele des FC Bayern immer ausverkauft sind! Da sind zuerst einmal die Dauerkartenbesitzer. Dann kommen die Vereinsmitglieder: die haben Vorkaufsrecht. Und dann gibt es noch die bayrischen Sportvereine: auch sie haben Vorkaufsrecht. Und erst wenn dann noch Karten übrig sein sollten, kommen die in den freien Verkauf. Es bleiben aber nie welche übrig: weil die Sportvereine immer gleich mehrere Karten kaufen und die dann auf Ebay versteigern …

Andreas
Und zu einem Spiel von 1860 München wolltet Ihr nicht? Das wäre vielleicht einfacher gewesen …

Johannes
Wir haben schon daran gedacht. Aber mein Schwager Gerhard hat darauf beharrt, zu Bayern zu gehen. Es muss der FC Bayern sein, hat er gesagt. Und als es dann soweit war, war er krank!

Andreas
Wie hat es Dir in der Arena gefallen?

Johannes
Das Stadion ist beeindruckend. Wenn man hineinkommt, merkt man gar nicht, wie riesengroß es ist … Aber die Stimmung war nicht so gut. Meine Freundin Magdalena, Horst und ich, wir sind im Gästesektor gesessen. Dort haben die Frankfurt-Fans haben gesungen: „FC Bayern und schon wieder keine Stimmung!“ Das liegt wahrscheinlich daran, dass immer die gleichen Leute drin sitzen und es nie Karten für andere gibt …

Andreas
Mitten unter hartgesottenen Fußballfans – war das für Euch, die Ihr ja eher selten zum Fußball geht, nicht etwas befremdlich?

Johannes
Die Frankfurter, na ja, das waren schon harte Jungs. Hinter uns ist eine Familie mit drei Kindern gesessen: Bayern-Fans! Die haben sich natürlich dauernd beschwert, dass die Frankfurter stehen. „Setzt euch hin, wir sehen nichts!“, haben sie gerufen … Und dann waren sie schockiert über den rauen Ton, der da geherrscht hat …

Andreas
Dein Vater hat das Spiel FC Bayern München gegen Eintracht Frankfurt mit einem Spiel von Sturm Graz verglichen. War es wirklich so schlecht?

Johannes
Ich glaube, er hat sich zu viel erwartet. Wir kennen ja Bayern-Spiele nur aus dem Fernsehen. Die Fernsehübertragung aber vermittelt – durch die Kameras, die immer dem Ball folgen – den Eindruck einer größeren Geschwindigkeit, als sie tatsächlich vorhanden ist. Die Wirklichkeit erscheint im Vergleich dazu total langsam – vor allem, wenn man auf dem dritten Rang sitzt … Wo ist jetzt die Wiederholung, fragt man sich dauernd. Ein Stangenschuss oder eine Abseitssituation sind ja nur im Fernsehen spannend. Das Fernsehen erzeugt eine künstliche Spannung. Im Stadion wird man ja auch andauernd abgelenkt. Meine Freundin Magdalena z. B. hat das ganze Spiel lang die Fan-Choreografien beobachtet.

Andreas
Das Spiel hat Dir also gefallen?

Johannes
Es war nicht schlecht … Schön war jedenfalls, dass Frankfurt eine Zeit lang geführt hat. Man hat es in den leuchtenden Augen der Frankfurt-Fans gesehen: Endlich, endlich einmal werden wir gegen die Bayern gewinnen! – Am Ende waren die natürlich alle am Boden zerstört. Diese harten Jungs haben Tränen in ihre Jeansjacken und Wimpel geweint … Wie gesagt: Es war wirklich sehr schön.

Der Ersatzmann: Horst Waggershauser, Germanist (31) aus München

Andreas
Horst, Du hast die Familie Vabitsch in die Allianz Arena begleitet…

Horst
Ich bin gemeinsam mit Johannes und Magda bei den Frankfurt-Fans gesessen. Da musste man aufpassen, was man sagt. Sonst wurde man gleich blöd angeschaut.

Andreas
Wie gefällt Dir die Arena?

Horst
Rundherum ist es halt sehr hässlich. So kahl, nur diese Betonwege … Auch die Vabitschs haben sich darüber aufgeregt, dass man etwas so hässlich gestalten kann.

Andreas
Und wie ist es Dir
in der Arena ergangen?

Horst
Es war alles so kompliziert! Johannes und ich, wir wollten vor dem Spiel noch ein Bier und eine Wurst kaufen. Da haben wir uns also angestellt, um dann zu erfahren, dass man da so eine Karte braucht, auf die man erst einmal Geld raufladen muss (Anm.: die „Arena Card“). Und auch dafür mussten wir uns anstellen! Das war super umständlich. Das Spiel hat schon angefangen, bis wir endlich ein Light Bier und eine Wurstsemmel gehabt haben … Und als wir dann los wollten, hat uns der Blockwart – „Blockwart“, wie im Gefängnis! – mit dem Bier und der Wurstsemmel nicht auf die Tribüne gelassen. Wir mussten in den Katakomben fertig essen und trinken, erst dann durften wir raus … Wozu das denn? Damit man keine Würste auf das Spielfeld wirft?! Die Becher sind ja eh aus Plastik! – Das machen die nur mit den gegnerischen Fans. Die anderen habe ich essen und trinken gesehen …

Andreas
Bier- und Wurstverbot als reine Schikane?

Horst
Ich weiß nicht … Muss wohl so sein! So etwas macht einem jedenfalls das ganze Fußballerlebnis kaputt. Das schränkt den Fußballgenuss ein, sozusagen! – Andererseits: die Frankfurt-Fans bekommen wohl zu Recht keine Würste!

Andreas
Warum?

Horst
Die Frankfurter Fans haben den FCB ununterbrochen als „Judenverein“ bezeichnet! Der FC Bayern ist ja im Dritten Reich tatsächlich positiv aufgefallen. Die hatten einen jüdischen Präsidenten, zu dem sie gestanden sind … Eine tolle Geschichte. Umso schockierender, dass ihnen das jetzt auf diese Art und Weise vorgehalten wird. „Judenverein“ – und die rufen das auch noch laut! Es gibt doch sicher auch bei der Eintracht Fanbeauftragte. Die müssten da was machen!

Andreas
Das sehe ich auch so. – Und wie war Dein Eindruck vom Spiel?

Horst
Net so toll. Bayern halt. Wir sind einem 0:1 hinterher gerannt und haben dann doch noch irgendwie 2:1 gewonnen …

Andreas
Aus dem „wir“ schließe ich, dass Du – als Münchner – FC Bayern-Fan bist?

Horst
„Wir“? Hab ich das wirklich gesagt? … „Fan“ nicht, eher „Sympathisant“. Ich verfolge eben, was mit dem FC Bayern passiert. Das hat ja hohen Unterhaltungswert … Eigentlich bin ich aber eine Champions League-Schlampe. Ich bin immer für die, die in der Champions League sind!

Andreas
Liebe Familie Vabitsch, lieber Horst – herzlichen Dank für Eure Zeit und die aufschlussreichen Gespräche!

(Weitere Stanglpässe: Weil einen sonst keiner fragt [10/09], Goldene Nordwest-Mitte [07/09])

Weil einen sonst keiner fragt (Stanglpass 12)

Posted in Stanglpass by andreasundschnurrendemia on 31. Oktober 2009

Liebe Wesen
lesen
was?

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Den neuesten
Tödlichen Pass!
Und darin, unter andrem, das:

Weil einen sonst keiner fragt

Der Stanglpass
zugespielt von Andreas Unterweger aus Österreich

AU      Herr Unterweger, in der neuesten Ausgabe des Tödlichen Pass führen Sie ein Interview mit sich selbst – warum?

AU      In letzter Zeit war ich hin und wieder in der für mich völlig neuen Situation, ein Interview geben zu dürfen. Dabei hatte ich häufig den Eindruck, der/die Interviewende stelle mir, beeinflusst von den Konventionen der Textsorte „Interview“, andere Fragen als jene, die er/sie mir in Wirklichkeit stellen möchte. Und mit meinen Antworten ging es mir ähnlich: im Nachhinein betrachtet, habe ich mich bei vielen Antworten gewissen Spiel- bzw. Sprachregeln angepasst, anstatt die – natürlich viel schwieriger zu ergründende – Wahrheit zu sagen … Anders, und kürzer ausgedrückt: bei Interviews scheint mir häufig, beide Beteiligten würden eigentlich lieber über etwas ganz anderes reden.

AU      Worüber würden Sie denn gern reden?

AU      Im Moment: über Fußball!

AU      Verstehe. Deshalb also dieses Interview im Tödlichen Pass … Wenn sie aber über Fußball reden möchten, warum halten Sie sich dann so lange beim Thema „Interview“ auf?

AU      Weil das Interview die mit Abstand wichtigste Textgattung im fußballerischen Diskurs ist! Von den Statements, die Spieler und Trainer vor, nach und auch während des Spiels in die Mikrophone der Fernseh- und Radio-Reporter abgeben, über das Frage-Antwort-Spiel bei Pressekonferenzen bis hin zu Zeitungsartikeln, die meist auch wieder auf Gesprächen mit Insidern basieren – der Fußball spricht zu einem großen Teil durch die Form des Interviews zu uns. Interviews aber bestehen, zumindest nach meinen Beobachtungen, über weite Strecken aus einem konstanten Aneinander-vorbei-Reden. Eine Art doppelt missglückter Kommunikation, aus der sich die rezipierende Öffentlichkeit dann ihre „Wirklichkeit“ konstruiert. Solch ein grundlegendes formales Problem muss in einer Fußballfachzeitschrift doch einmal angesprochen werden – finden Sie nicht?

AU      Das kommt wohl ganz auf die Qualität der Zeitschrift an. – Ein Interview mit sich selbst ist aber auch keine neue Idee …

AU      Natürlich nicht. Gerade in letzter Zeit war diese Form regelrecht in Mode. Juri Andruchowytschs Roman Geheimnis etwa besteht aus einem langen Gespräch zwischen dem Autor und Egon Alt, seinem Alter Ego. In Wolf Haas´ Roman Das Wetter von vor fünfzehn Jahren interviewt eine (erfundene) Journalistin den Autor Wolf Haas. Und Franz Schuhs Memoiren führen den (gattungsbezeichnenden) Untertitel Ein Interview gegen mich selbst.

AU      Der Philosoph Konrad Paul Liessmann hat diesen literarischen Selbstbefragungen in einer Radiosendung einmal vorgehalten, sie würden im Grunde nur deshalb unternommen, „weil einen sonst keiner fragt“ …

AU      Diese Sendung habe ich auch gehört – und Liessmanns Bemerkung war ebenso witzig wie berechtigt. Aber man könnte es auch so sehen: Man interviewt sich selbst, weil einem eben sonst niemand jene Fragen stellt, die sich einem tatsächlich stellen.

AU      Welche Fragen stellen sich Ihnen denn?

AU      Angesichts Ihres Mediums und meines Auftrages als sein Österreich-Korrespondent frage ich mich heute*, einen Tag vor Redaktionsschluss für Heft 54 natürlich, warum im österreichischen Fußball in letzter Zeit ein solcher Aufwärtstrend zu beobachten ist.

AU      Tatsächlich? Soweit ich weiß, hat sich – im Gegensatz zu fußballerisch vergleichbaren Ländern wie Ungarn, Israel oder Zypern – kein österreichischer Klub für die Champions League qualifiziert.

AU      Das schon. Andererseits aber haben es alle vier international vertretenen österreichischen Klubs in die Gruppenphase der Europa-League geschafft – und dort einen gelungenen Einstand gefeiert. Rapid Wien, in der Qualifikation u. a. gegen Aston Villa erfolgreich, hat den deutschen Tabellenführer HSV 3:0 geschlagen. Und Red Bull Salzburg hat zum Auftakt in Rom gegen Lazio gewonnen.

AU      Auf die österreichische Nationalmannschaft scheinen die Erfolge auf Klubebene aber keinen Einfluss zu haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach fährt sie nicht zur Weltmeisterschaft nach Südafrika. Und erst vor einem Jahr hat man sich mit einem 1:1 auf den Färöer Inseln erneut blamiert …

AU      Seit letztem Jahr hat sich viel getan. Unter dem neuen Trainer Dietmar Constantini hat das Team durchaus ansprechende Leistungen und Resultate gebracht: vier Punkte in den zwei Spielen gegen Rumänien, eine ebenso knappe wie unverdiente Auswärtsniederlage gegen Tabellenführer Serbien und ein überzeugender 3:1-Heimsieg gegen die gar nicht mehr so schwachen Färöer … Mehr als der undankbare dritte Platz hinter Serbien und Frankreich, aber noch vor Rumänien, ist im Moment wohl einfach nicht drinnen.

AU      Was macht Constantini anders als seine Vorgänger Karel Brückner und Josef Hickersberger?

AU      Constantini hat die Mannschaft radikal verjüngt – und anders als seinen Vorgängern stehen ihm dafür auch plötzlich zahlreiche junge, ebenso talentierte wie gut ausgebildete Spieler zur Verfügung. Seit Jahrzehnten spricht man von einer zu intensivierenden Nachwuchsarbeit, die nun tatsächlich Früchte zu tragen scheint. Klubs wie Rapid Wien (Trainer Peter Pacult) und Sturm Graz (Franco Foda) tun sich dabei besonders hervor. Ihre Jungkicker – Yasin Pehlivan (20 Jahre), Christopher Drazan (19), Daniel Beichler (21), Jakob Jantscher (20), um nur ein paar zu nennen – kommen erst in der österreichischen Bundesliga regelmäßig zum Einsatz und wissen dann auch im Team zu überzeugen.

AU      So phänomenal kann die Nachwuchsarbeit hierzulande aber auch nicht sein: ein Ausnahmetalent wie der 20-jährige Marko Arnautović wurde aus den Jugendmannschaften von fünf österreichischen Klubs geworfen.

AU      In seinem speziellen Fall war das vielleicht besser so. Arnautović ist daraufhin schon als Teenager ins Ausland gegangen, hat sich bei Twente Enschede durchgesetzt und war dort letzte Saison mit zwölf Toren zweitbester Torschütze. Und wer hätte je zu träumen gewagt, dass José Mourinho einen österreichischen Stürmer als Ersatz für Zlatan Ibrahimovic zu Inter Mailand holt? Um zehn Millionen Euro?

AU      Diese Ablösesumme macht Arnautović zum teuersten österreichischen Fußballer aller Zeiten.

AU      Und er ist nur die Spitze des Eisbergs – oder zumindest des Eiszapfens. Erwin „Jimmy“ Hoffer (22) ging für fünf Millionen Euro zum FC Napoli, sein Ex-Sturmpartner, der 27-jährige Stefan Maierhofer (die beiden haben letzte Saison 50 Bundesliga-Tore für Rapid Wien gemacht) für zwei Millionen Euro zu den Wolverhampton Wanderers, wo er im ersten Spiel sein erstes Tor erzielt hat. Und mal sehen, wie lange Marc Janko (26), der letzte Saison 39 Tore für Red Bull Salzburg geschossen und Dritter in der Rangliste zum Goldenen Schuh wurde, noch in Österreich bleibt.

AU      Ist die Leichtigkeit, mit der sich diese neue Spieler-Generation im Nationalteam durchsetzt, nicht etwas verdächtig? Zeigt sie denn nicht nur, wie schwach ihre direkten Vorgänger waren?

AU      Es ist jedenfalls schön zu sehen, dass die junge Konkurrenz eine belebende Wirkung auf so manchen Spieler hat, der bereits als ewiges Talent abgeschrieben war. Andreas Ivanschitz (26) – 2003 mit neunzehn Jahren Teamkapitän, danach aber immer erfolgloser – kommt beim FSV Mainz 05 wieder in Schwung. Roman Wallner (27) – der vor zehn Jahren als großes Stürmertalent galt, danach aber eher durch Alkohol-Eskapaden aufgefallen ist – führt nach neun Runden mit acht Toren die österreichische Torschützenliste an. Die meisten Zuspiele bekommt er übrigens von Thomas Prager (24), um den es in den letzten zwei Jahren auch viel zu still geworden war.

AU      Zum Abschluss eine persönliche Frage: Tut es Ihnen nicht weh, den Aufschwung des österreichischen Fußballs mitzuverfolgen, während Ihr persönlicher Herzensclub, der Grazer AK, nach seinem Zwangsabstieg 2006 immer noch in der Regionalliga festsitzt?

AU      …

AU      Und das, wo man letztes Jahr doch so knapp am Aufstieg zumindest in die zweithöchste Spielklasse dran war! Schließlich war der GAK vor der letzten Runde noch Tabellenführer! Hat den direkten Konkurrenten TSV Hartberg in der Vorschlussrunde vor für die dritte Spielklasse unglaublichen 7.500 Fans 2:0 besiegt! Und hat danach auch noch das letzte Spiel gewonnen! Der GAK war praktisch schon Meister …

AU      Bitte …

AU      … hätte, ja, hätte nicht Hartberg im letzten Spiel mit 6:0 über einen verdächtig inferioren SAK Klagenfurt triumphiert und damit plötzlich die um zwei Tore bessere Tordifferenz aufgewiesen … Wie so viele GAK-Fans müssen auch sie …

AU      Bitte!

AU      … geschockt gewesen sein! Wie soll es nur mit dem GAK jetzt nur weitergehen? Durch die Reduktion der zweiten Spielklasse auf zehn Klubs wird der Aufstieg nicht leichter und auch finanziell sieht es wieder einmal nicht unbedingt rosig …

AU      BITTE!!!

AU      Ja?

AU      Ich möchte nicht mehr über Fußball sprechen.

AU      Oh. Na dann, danke für das Gespräch!

* 24.09.09

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Goldene Nordwest-Mitte (Stanglpass 11)

Posted in Stanglpass by andreasundschnurrendemia on 17. Juli 2009

Seit der WM 2006 habe ich die Ehre, Österreich-Korrespondent der Münchner Fachzeitschrift „Der tödliche Pass. Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels“ zu sein. Meine Kolumne betrachtet den österreichischen Fußball und heißt deshalb auch „Der Stanglpass“ (der ja, im Gegensatz zum deutschen „tödlichen Pass“, nicht zwangsläufig zum Tor führt …).
Unten stehend, als kleine Werbemaßnahme, der aktuelle Stanglpass aus dem Heft 53. Allen, die wissen wollen, was sich auch außerhalb von Grafenwörth fußballmäßig wirklich abspielt, empfehle ich, die Fachzeitschrift „Der tödliche Pass“ auf der Stelle zu ABONNIEREN!!!

Die Wahrheit liegt in der 1. Klasse Nordwest-Mitte
Fünf Erkenntnisse

Der Stanglpass
zugespielt von Andreas Unterweger aus Grafenwörth (Österreich)

Der Sportplatz liegt am südlichen Ende von Grafenwörth. Danach kommt nicht mehr viel: ein Erdwall, Teil des Hochwasserschutzes Tullnerfeld Nord, dahinter der Auwald, durch den die Flüsse Krems und Kamp fließen, ein altes Forsthaus, ein paar Biberburgen, dann das Ende der Welt: die Donau.
Vor ein und halb Jahren bin ich von Graz hierher, in die Donauauen zwischen Krems und Tulln, gezogen. Zwar hatte meine Übersiedlung aufs Land nichts mit Fußball zu tun (nein, sie war keine Reaktion auf den kurz davor erfolgten Zwangsabstieg des insolventen Grazer AK in die Regionalliga!); natürlich aber wirkte sie sich, zumal ich seitdem auch ohne Fernseher lebe, gehörig auf Quantität und Qualität meiner Wahrnehmung von Fußball aus.
Das 2:1 Österreichs gegen Rumänien, erstes Spiel des Teams unter dem neuen Trainer Didi Constantini, verfolgte etwa ich „nur“ im Radio, dass Red Bull Salzburg österreichischer Meister geworden ist, erfuhr ich aus der Zeitung, aufregendere Dinge als die österreichische Bundesliga (Champions League oder Regionalliga Mitte: da spielt jetzt der GAK …) beobachte ich, wenn möglich über Live-Ticker, im Internet.
Wie auch immer: bis vor einer Woche erschien mir Fußball als etwas, das von meinem Leben hier genau so weit entfernt ist wie etwa die Piratenangriffe vor dem Somalischen Horn, die ich auch nur vom Hörensagen kenne. Wäre ich nicht Österreich-Korrespondent der internationalen Fachzeitschrift Der tödliche Pass, ich wäre wohl kaum auf die Idee gekommen, mir ein Spiel des hiesigen Vereins anzusehen. Und hätte ich letzten Samstagabend nicht auf dem Grafenwörther Sportplatz, beim Match USC Grafenwörth gegen USV Kühnring verbracht, ich hätte es wohl nie bemerkt: so nah wie hier war ich dem Fußball, dem wahren Fußball, noch nie!

USC Grafenwörth gegen USV Kühnring, 16.05.2009

Nach einer durchwachsenen Saison, überschattet vom Tod des Trainers Jiri Bures bei einem Verkehrsunfall Anfang November, liegt der Union Sport-Club der 3.000 Einwohner zählenden Marktgemeinde Grafenwörth derzeit am letzten Tabellenplatz der 1. Klasse Nordwest-Mitte (das ist die siebenthöchste, andersrum ausgedrückt: die vorvorletzte Spielklasse im österreichischen Fußball). Vier Runden vor Schluss zählt im Kampf gegen den Abstieg jeder Punkt, jedes Tor: Konkurrent Mautern hält auch bei 16 Punkten aus 22 Spielen, hat allerdings die um vier Tore bessere Tordifferenz (minus 17). Mit dem USV Kühnring hat der USCG einen starken Gegner zu Gast: die Mannschaft aus dem 400 Seelen-Dorf im Waldviertel ist Fünfte (von 14), liegt somit kurz vor Saisonende in jener komfortablen Tabellenzone, in der es um nicht mehr viel geht.
So weit die nackten Zahlen, die sich problemlos im Internet recherchieren lassen. Die folgenden Erkenntnisse (sofern es Erkenntnisse sind: für mich, Passivfußballer und ehemaliger Dauerkartenbesitzer bei einem Großstadt-Bundesligaklub, waren sie jedenfalls bahnbrechend …) wurden jedoch vor Ort gewonnen – am Rande des Auwalds, auf dem Sportplatz von Grafenwörth …

Erste Erkenntnis: Fußball muss nicht teuer sein.
Die erste Erkenntnis auf dem Sportplatz ist – die wirtschaftliche Dauerkrise des Schriftstellerlebens schult den Blick für so was – ebenso trivial wie erfreulich: Fußball ist gar nicht so kostspielig, wie ich es von meinen Besuchen in der Grazer UPC-Arena (vormals: Arnold Schwarzenegger-Stadion) in Erinnerung habe.
Die Eintrittskarte macht drei Euro fünfzig, der weiße Spritzer, den ich mir in der Pause genehmige, einen Euro. Mein Ausflug auf den Sportplatz kostet mich, der ich überdies mit dem Fahrrad, nicht mit dem Auto, gekommen bin, insgesamt also nicht mehr als vier Euro fünfzig – wenn ich mich recht erinnere, war das in etwa der Preis (samt Becher-Pfand) für ein großes Bier oder eine Cola im Grazer Stadion.

Zweite Erkenntnis: Ich bin der zwölfte Mann!
Zwar war ich als Zuseher im Grazer Stadion, vor dem Fernseher, ja, sogar vor dem Live-Ticker, theoretisch betrachtet immer Teil des Spiels – doch was Teil-des-Spiels-Sein bedeuten kann, wusste ich nicht bis zu jenem Abend auf dem Grafenwörther Sportplatz, wo ich, auf meinem Stehplatz am Spielfeldrand, nur durch die Bande von den heftigen Zweikämpfen der Flügelspieler getrennt bin. Die Aufmerksamkeit ist einfach eine ganz andere, wenn man jeden Augenblick damit rechnen muss, einen Pressball auf sich zudonnern zu sehen!
Dass das Publikum tatsächlich auch aktiv zum Spiel beiträgt, zeigt sich dann in den hektischen Schlussminuten. Während die gegnerische Verteidigung die (nur in begrenzter Anzahl vorhandenen) Bälle keineswegs blindlings weg-, sondern zielgenau Richtung Auwalddickicht drischt, liegt es allein an den Grafenwörther Fans, diese (bzw. den Spielfluss ihrer Mannschaft) so rasch wie möglich zurückzubringen.
So gesehen ist der zwölfte Mann keine Legende, keine Metapher, keine leere Phrase aus dem Sportjournalistenjargon. Der zwölfte Mann ist der Mann da drüben, der den Ball holen gelaufen ist – der zwölfte Mann, das bin ich!

Dritte Erkenntnis: Fußball ist ein Sprachspiel.
Wie jedes Spiel ist Fußball ein „Sprachspiel“ im Wittgenstein´schen Sinn – wie wichtig die verbale Kommunikation auf dem Platz aber tatsächlich ist, weiß ich erst seit letztem Samstag. Nach den ersten Minuten am Spielfeldrand hatte ich sogar den Eindruck, die Worte, die zwischen den Spielern gewechselt werden, seien das eigentliche „Spielgerät“, nicht der Ball.
Dass mir das volle Ausmaß der Bedeutung des Sprechens beim Kicken bis dato nicht bewusst war, mag daran liegen, dass man – unter dem Stadiondach oder vor dem Bildschirm sitzend – die Kommunikation, die zwischen den Spielern da unten vonstatten geht, kaum mitbekommt. Außerdem schieben sich da noch die (allzu oft entbehrlichen) Kommentare der Sitznachbarn oder des Fernsehmoderators dazwischen.
Es ist aber auch möglich, dass just bei meinem USCG (schon nach ein paar Minuten ist es „meiner“!) außerordentlich viel gesprochen (bzw. geschrien) wird. Hauptredner der Mannschaft ist die Nummer 10, der im Winter als Verstärkung geholte Sergülen Aslan. Während Trainer Uwe Fallmann stoisch schweigt, kommentiert Regisseur Aslan nahezu jede Aktion, gibt Anweisungen, spendet Lob, Kritik, muntert auf – und das, wie mir scheint, in mehreren Sprachen.
Für einen sprachfixierten Menschen wie mich ist dieser direkt aus dem Spiel emergierende „Primärtext“ eine einzige Freude – andere sehen das vielleicht nicht so. In der zweiten Hälfte, als die Nerven bereits blank liegen, knurrt etwa meine ansonsten sehr stille Stehnachbarin plötzlich Richtung Libero: „Jetz red ned imma so gscheid – tua was!“

Vierte Erkenntnis: Fußball ist uuuuur spannend!
Vielleicht habe ich es in den letzten Monaten, allein mit dem Live-Ticker, vergessen – aber: Fußball ist ein unglaublich spannendes Spiel!
Anfangs verläuft alles noch in recht ruhigen Bahnen. Goalgetter Patrick „Pazi“ Fischer bringt den USC Grafenwörth in der 22. Minute mit seinem vierzehnten Saisontreffer in Front. Der USCG hat in der ersten Halbzeit leichte Vorteile: sein kampfbetont interpretiertes 3-4-3-System hält die technisch versierteren Einzelspieler vom USV Kühnring in Schach.
Doch in der zweiten Hälfte legen die Kühnringer einen Gang zu. Angetrieben vom ebenso überragenden wie -gewichtigen Spielmacher Jürgen Schönweis, der sicherlich auf den Spitznamen „Waldviertel-Maradonna“ hört, spielen sie eine Chance nach der anderen heraus. In der 60. Minute ist es schließlich so weit: nach Vorarbeit von Schönweis erzielt Stefan Attorf das 1:1. Danach drängt Kühnring auf die Entscheidung: in der 63. Minute rettet Grafenwörth auf der Linie, in der 64. und 65. Minute wird Tormann Wolfgang Rieger vom Waldviertel-Maradonna schwer geprüft.
Mit Glück und Kampfgeist übersteht der USCG diese Drangperiode ohne weiteren Gegentreffer – und setzt postwendend selbst zum Sturmlauf an. Erst knallt ein Kopfball Fischers an die Latte (69.), dann rettet Kühnring-Tormann Skalnik (72.), schlägt ein Verteidiger den Ball in höchster Not auf der Linie weg (82.). Überhaupt sieht es in dieser Phase ganz so aus, als sei Ballwegschlagen das einzig verbliebene Mittel der in den Seilen hängenden Waldviertler (s. o.). Grafenwörth hingegen wirft alles nach vorne: Aslan rückt ins offensive Mittelfeld, Kapitän Peter Leitenhuber übernimmt dessen Liberoposten.
Ausgerechnet diese eine taktische Verschiebung wird den Grafenwörthern bald darauf zum Verhängnis: in der 91. Minute, kurz nachdem der USCG einen weiteren Stangenschuss verzeichnen konnte, bleiben Aslan und Leitenhuber unmittelbar nacheinander bei Dribbelversuchen im dichten gegnerischen Abwehrriegel hängen. Damit ist der Weg zum Konter völlig frei: Schönweis leitet ihn ein und Harald Zechmeister erzielt das überraschende (und wirklich unverdiente!) 2:1.
Der Frust ist … übermenschlich. Ein Grafenwörther Spieler tritt brüllend gegen die Torstange („Glück hamma auch keins!“), ein anderer bricht schluchzend an der Outlinie zusammen, die Zuseher murren, ich nehme erstmals die Gelsenschwaden wahr, die aus den nahen Ausümpfen aufgestiegen sind …
Während ich wütend auf die Mücken einschlage, die es sich bereits auf mir gemütlich gemacht haben, bemerke ich aus den Augenwinkeln, dass ein paar meiner gelb-blauen Grafenwörther (darunter der Tormann!) mit letzter Kraft, im Zuge der letzten Aktion, in den gegnerischen Strafraum taumeln. Plötzlich kommt einer zu Fall, und Schiedsrichter Jürgen Becker, der bei einer ähnlichen Szene in der 88. Minute noch auf „Schwalbe“ entschieden hat, pfeift: Elfmeter!
Die Mücken verschwinden wieder, der Grafenwörther erhebt sich wieder, und ohne ein einziges Wort legt Sergülen Aslan den Ball auf den Elfmeterpunkt, tritt an und – lüpft ihn lässig über den Tormann hinweg ins Tor …

Fünfte Erkenntnis: So wunderschön kann Fußball sein!!!