Andreas Unterweger

Literaare Thun

Posted in Grungy Nuts, manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 23. Mai 2022

Am 21.05. war ich mit „Grungy Nuts“ (Droschl 2018) und ein paar manuskripten zu Gast beim Literaturfestival Literaare in Thun (Schweiz).

(c) Tabea Steiner

Unter dem Titel „Geschichten aus dem Nachbarland“ repräsentierten Laura Freudenthaler, Sarah Kuratle, Kaśka Bryla und ich „die junge österreichische Literatur“. Vor der Lesung stieß auch Lauras und mein Droschl-Verlagskollege und Freund, Leipziger Buchpreis-Gewinner Tomer Gardi zu uns!

Um 21 Uhr durfte ich mich dann wieder einmal in der Doppelrolle als Moderator und Lesender, als manuskripte-Herausgeber und Autor üben.

(c) Österreichisches Kulturforum Bern

Im Zuge der Anmoderation bekam Laura Freudenthaler auch den manuskripte-Preis des Landes Steiermark 2021 überreicht, dessen Verleihung sie unlängst krankheitsbedingt verpasst hatte:

(c) Tabea Steiner

Meine Jurybegründung für Laura:

Laura Freudenthalers Prosa verzaubert durch Geradlinigkeit. Die Sätze, aus denen sie ihre faszinierend vielschichtigen Gefühls- und Bildwelten baut, kommen ganz ohne Showeffekte aus – gerät man aber erst einmal in ihren Sog, sieht man die Dinge (auch außerhalb der Buchdeckel!) mit anderen Augen.

Präzise Beobachtungen, ebenso formuliert, generieren eine zweite Wirklichkeit, die geradezu magisch aufgeladen ist mit hyperrealistischer Intensität. Freudenthalers Romane und Prosastücke, von ihr gerne schlicht als „Geschichten“ bezeichnet, rufen in Erinnerung, was Erzählen (bzw. erzählt zu bekommen) im Grunde darstellt: einen bewusstseinserweiternden Akt.

Die 1984 in Salzburg geborene Autorin gilt als eine der größten Hoffnungen der deutschsprachigen Belletristik. Die Literaturzeitschrift manuskripte ist seit 1960 ein fruchtbarer Nährboden solcher Hoffnungen. Laura Freudenthaler veröffentlicht seit 2010 regelmäßig in der Grazer Literaturzeitschriftund ist der Steiermark auch durch ihren Grazer Verlag Droschl verbunden.

(c) Tabea Steiner

In der abschließenden Diskussion versuchten wir so etwas wie eine Reflexion der Zuschreibung „junge österreichische Literatur“, unter der wir angekündigt worden waren.
„Jung“ war rasch widerlegt, „österreichisch“ langsamer. Es gibt zwar Gemeinsamkeiten – von den Wohnorten über dialektale Einflüsse bis zum Kanon bzw. den Lektüreerfahrungen („sprachkritische“ Literatur à la Handke, Jelinek, Bernhard) -, aber auch immer Ausnahmen oder Unbehagen, und so konnten wir uns am Ende quasi darauf einigen, dass wir weder jung noch österreichisch sind.

Nichtsdestotrotz wurden wir während Lesung und Gespräch von einheimischen Kunststudierenden porträtiert:

Herzlichen Dank an Tabea Steiner für die Einladung, die perfekte Organisation und die Fotos!
Der Reiz eines solchen Festivals misst sich für uns Teilnehmende immer auch an der Fülle und Güte der Begegnungen mit anderen Kunstschaffenden, und davon hatte Literaare jede Menge zu bieten!

(c) Tabea Steiner

Besten Dank für die Unterstützung des Abends auch an das österreichische Kulturforum in Bern, dessen stellvertretende Direktorin, MMag. Christiane Zaunmair, den Abend einleitete:

Schöne Reise, schöne Schweiz, schönes T(h)un!

1. Grazer Kaffeehausliteratur-Stipendium

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 13. Mai 2022

Das Grazer Kaffeehausliteratur-Stipendium wurde von Silvana Cimenti und mir, also der Redaktion der Literaturzeitschrift manuskripte, für die Murinsel Graz entwickelt.
Erster Stipendiat ist der Grazer Klassiker Willi Hengstler.

Pressetext und mehr:

Grazer Kaffeehausliteratur-Stipendium

Eine Kooperation von Murinsel Graz und der Literaturzeitschrift manuskripte

Auch in Zeiten von Coffee-to-go und Rückzug ins Home-Office hat das Kaffeehaus als Ort der Inspiration nichts an Faszination eingebüßt. Immer noch wird, wie zu Zeiten von Josef Roth, Peter Altenberg oder Alexander Roda Roda, in Cafés geschrieben – und welcher Ort eignete sich dafür besser als das Kaffeehaus auf der Murinsel, die ja selbst, unwahrscheinlich wie der Traum eines Dichters, zwischen den Ufern des Möglichen ankert?

Und so lädt das Murinsel-Café ab Mai 2022 Schreibende, die von der manuskripte-Redaktion ausgewählt werden, für einen bestimmten Zeitraum auf Kaffee ein. Die so entstehenden Prosaskizzen, lyrischen Impressionen und Gedankenspiele werden mit einer Lesung im Café präsentiert.

Mit dem Kaffeehausliteratur-Stipendium bietet Graz einem traditionellen Genre der Moderne eine zeitgenössische Plattform und erweist sich als Hauptstadt auch der Kaffeehauskultur!

Der erste Grazer Kaffeehausliteratur-Stipendiat: Wilhelm Hengstler

Der erste Kaffeehausliteratur-Stipendiat, der von der manuskripte-Redaktion ausgewählt wurde, ist ein echter Grazer Klassiker: Wilhelm Hengstler zählte neben etwa Peter Handke und Alfred Kolleritsch zum innersten Kern der sogenannten „Grazer Gruppe“, die sich in den 60ern aufmachte, um vom Forum Stadtpark und den manuskripten aus „die Literatur zu erobern“.

Hengstler wurde 1944 in Graz geboren, promovierte 1969 als Jurist und arbeitete danach als Kulturjournalist u. a. für die »Volksstimme« und »Die Presse«. Als Regisseur drehte er die Jack-Unterweger-Verfilmung Fegefeuer (1989), Tief oben (1995) sowie mehrere Dokumentationen.
Zu seinen literarischen Werken zählen u. a. Die letzte Premiere (Suhrkamp 1987), fare (Droschl 2003) und flussabwärts, flussabwärts (Droschl 2015). 1995 wurde Hengstler mit dem Viennale-, 2004 mit dem manuskripte-Preis des Landes Steiermark ausgezeichnet. Heute lebt er in Judendorf bei Graz.

Die „Amtszeit“ des ersten Kaffeehausliteratur-Stipendiaten dauert bis Ende Juni. Seine Vorhaben? Im Gespräch mit Murinsel-Programmchef Wolfgang Skerget und der manuskripte-Redaktion kündigte Willi Hengstler an, sich auf der Murinsel regelmäßig mit Grazer Freunden zum Austausch treffen und ein Journal über seine Erlebnisse im Kaffeehaus führen zu wollen.
Am 3.6. um 18:30 liest Wilhelm Hengstler im Murinsel-Café aus seinem Insel-Tagebuch und diskutiert mit manuskripte-Herausgeber Andreas Unterweger und dessen Studierenden vom Institut für Sprachkunst Wien über Kaffeehausliteratur und andere Kurzprosaformen.

Wilhelm Hengstler und Andreas Unterweger im Murinsel-Café  mit den manuskripte-Ausgaben von Hengstlers erster und jüngster Veröffentlichung in der Grazer Literaturzeitschrift (Heft 17, 1966, und 235, 2022. Insgesamt sind es 27).
© manuskripte
Kulturzeitung 80 (Mai/April) über die Kooperation zwischen Murinsel und manuskripte

Kleine Zeitung Lesezeichen

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 7. Mai 2022

Die Kleine Zeitung hat gefragt, was ich gerade lese:

Heute erschienen im sehr empfehlenswerten „Lesezeichen“-Newsletter der Kleinen Zeitung, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Ich danke Bernd Melichar für die freundliche redaktionelle Betreuung!

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Thea Mengeler, Styria Artist in Residence des Landes Steiermark, vor ihrer Lesung in der Steiermärkischen Landesbibliothek …

… und in ihrem Grazer Schreibcafé:

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Alfred-Kolleritsch-Würdigungspreise

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 19. März 2022

Am 16.3. wurde im Literaturhaus Graz erstmals der Alfred-Kolleritsch-Würdigungspreis der Stadt Graz vergeben, der – laut Ausschreibung – „Persönlichkeiten und/oder Literaturinitiativen, Vereinen oder Institutionen zu[steht], die sich in ihrem literarischen Werk und/oder in ihrer Tätigkeit zur Vermittlung, Förderung und Verbreitung der zeitgenössischen Literatur herausragende Leistungen erworben haben“.
Der Preis des Jahres 2020 (Corona macht die späte Verleihung möglich) wurde geteilt und ging zu gleichen Teilen und gleichermaßen verdient an die Wiener Initiative Poesiegalerie und an den slowenischen Dichter und Literaturvermittler Aleš Šteger. Beiden gratuliere ich von Herzen, beide sind den Leser*innen dieser Seite bestens bekannt.*

Dass ich die Laudatio für meinen Freund Aleš Šteger halten durfte, war mir eine große Freude und Ehre.
Unten der laut Bernd Melichar in der Kleinen Zeitung „launig-liebevoll“ Text – auch als Leseprobe. Die Laudatio wird in manuskripte 235 gemeinsam mit jener Johanna Öttls für die Poesiegalerie abgedruckt (Präsentation am 31.3. im Forum Stadtpark).
In Heft 236 folgen Teresa Präauers Ladatio für die Franz-Nabl-Preisträgerin Kathrin Röggla (auch herzlichen Glückwunsch!) und deren Dankesrede.

© Foto Fischer, Stadt Graz: 1. Reihe von links: Peter Clar (Poesiegalerie), Stadtrat Dr. Günter Riegler, Kathrin Röggla, Aleš Šteger, Teresa Präauer;
2. Reihe von links: Andreas Unterweger, Monika Vasik (Poesiegalerie), Udo Kawasser (Poesiegalerie), Klaus Kastberger

Universal Poet

Laudatio für Aleš Šteger anlässlich des Alfred-Kolleritsch-Förderpreises der Stadt Graz 2020

Wie jeden Text will ich auch diese Laudatio für Aleš Šteger mit einem wahren Satz beginnen. Dieser Satz lautet: „Er macht viele Dinge, in deren Mittelpunkt stets das Gedicht steht.“

Nun ist der Satz freilich nicht von mir, und er spricht auch nicht von Aleš Šteger, sondern er wurde von Aleš Šteger gesagt, und zwar über mich – bei einer Lesung, die er veranstaltete. Ich wurde zwar selten so schön vorgestellt, dennoch hatte ich schon damals den Eindruck, der Satz wäre noch wahrer, wenn Aleš ihn über sich selbst gesagt hätte. Dass sich mir nun Gelegenheit bietet, genau das zu tun, sprich: an seine Stelle zu treten und über ihn zu sprechen, indem ich ihn selbst zitiere, macht mich fast schwindlig – vor Freude. Schließlich wird so auf Anhieb klar, wie viele tragende Rollen im Gefüge der grenzüberschreitenden Poesie unser Preisträger zugleich spielt: sogar seiner eigenen Laudatio hat er noch selbst, mit Wort und Tat, den Weg bereitet.

Also, noch einmal, freudiger: Aleš Šteger macht viele Dinge, in deren Mittelpunkt stets das Gedicht steht!

Kaum festgehalten, tauchen freilich, wie immer bei ersten Sätzen, Zweifel auf. Schließlich geht es – das wissen wir, die schreiben, schon länger, als es „Fake News“ gibt – immer noch wahrer.

Und tatsächlich: Nachdem ich Aleš Štegers neun Gedichtbände, seine ebenso vielen Prosaarbeiten (darunter zwei Romane), die acht unter seiner Herausgeberschaft erschienenen und die elf von ihm selbst ins Slowenische übersetzten Bücher (etwa von Ingeborg Bachmann oder Pablo Neruda) aufmerksam gelesen und mit ihren 59 Übersetzungen in rund 20 Sprachen verglichen habe (darunter zwölf deutsche Ausgaben bei Suhrkamp, Hanser, Schöffling und ähnlich renommierten Verlagen), nachdem ich auch sämtliche Programme des von Šteger 1996 mitbegründeten und seither mitgeleiteten Verlags Beletrina durchgegangen bin, die Line Ups des von ihm 1995 mitinitiierten und meist auch kuratierten, in Punkto Literaturvermittlung weltweit Standards setzenden Poesiefestivals Dnevi poezije in vina/Days of Poetry and Wine in Ptuj (inklusive aller Offenen Briefen an Europa, die jeden Sommer in den größten europäischen Tageszeitungen erscheinen) studiert und zuletzt auch noch zumindest einige wenige der zahlreichen weiteren internationalen Literaturprojekte, an denen dieser Weltreisende in Sachen Weltliteratur zentral beteiligt war und ist, wie etwa die EU-weit operierende, von der EU-Kommission geförderte Dichter*innen und Lyrikfestivals vernetzende Poesieplattform Versopolis oder das weltumspannende Gedichtelichtermeer share a light durchgeklickt sowie, zum Abschluss, auch noch das jüngst unter seiner Mithilfe von der Südspitze Chiles ins Weltall gebeamte, die Stimmen der Menschheit in mittlerweile 23639 Versen vereinende Universal poem auswendig gelernt habe, muss ich feststellen: Aleš Šteger macht nicht nur Dinge um Gedichte herum, nein: Das, was er macht, ist auch ein Gedicht!

Darin bestätigt mich der heute gefeierte Dichter auf seiner Homepage, die ich nach mehr als 800 Seiten Romanprosa, 700 Seiten Essays und rund 200 Gedichten (um bei Štegers ins Deutsche übertragenen Werken zu bleiben), auch noch zu Rate gezogen habe. In den ersten neun Zeilen dort bekennt der Presiträger, dass er, der doch „am Anfang“ einfach nur „Gedichte schrieb“, mit der Zeit entdeckt habe, dass seine Dichtung doch auch ganz andere Formen annehmen könne.

Šteger-Leser*innen wissen: Auch ein Jugendroman über das Verschwinden des Winters kann ein Gedicht sein. Ein in Minamisōma nahe dem Atomkraftwerk von Fukushima innerhalb von zwölf Stunden ins Tagebuch stenographierter Written-on-Site-Essay kann ein Gedicht sein. Ein Roman über die toten Seelen der Protagonisten des Kulturbetriebs, der zwei so unterschiedliche Dinge zusammenzubringen weiß wie die erschütternde Aufarbeitung mitteleuropäischer Massaker in gar nicht so ferner Vergangenheit und den Raketenstart eines als Schauspielhaus getarnten UFOs, kann ein Gedicht sein. Von den nur neun Zeilen, die seine so treffende Selbstbeschreibung auf alessteger.com einnimmt, ganz zu schweigen.

Aber auch die Programmierung eines Verlags, so möchte ich dieses Proem weiterspinnen, kann ein Gedicht sein (jedes Buch ein Vers!), auch die Konzeption einer Online-Lyrikplattform (auf der jede der hunderten Zeilen einen europäischen Dichtenden bedeutet: jeder Vers ein Lebenswerk von Versen!), und wer je unter den blauen und roten Lampions der Days of Poetry and Wine (oder waren es die Sternschnuppen eines Sommernachtstraums?) nach einer Woche voller Verse zu den Akkorden eines slowenischen Bob Dylan durch Versopolis tanzte, der weiß, dass auch ein Poesiefestival, ja, dass das Leben selbst ein Gedicht sein kann …

Die Doppelbegabung, sowohl mit Wörtern als auch mit der Wirklichkeit dichten zu können, sprich: nicht nur mit eigenen Gedichten, sondern auch durch die Förderung anderer Dichter*innen die Poesie, die dem Leben doch, trotz allem, innewohnt, sichtbar zu machen, ist es auch, die unseren Preisträger mit dem Namen dessen, den sein Preis trägt, verbindet.

Rund drei Jahrzehnte Leitung eines der schönsten Poesiefestivals der Welt plus, parallel dazu, ebenso lang die eines Verlags, der in dieser Zeit vom Studentenprojekt zur wichtigsten Edition des Landes aufstieg, ergeben in Summe ein ähnliches Gesamtkunstwerk wie 60 Jahre Herausgeberschaft der Literaturzeitschrift manuskripte.

Diese Gleichung mutet insofern besonders richtig an, als sich die Wege dieser beiden Literaturvermittlungsgiganten aus zwei verschiedenen Generationen nicht nur häufig gekreuzt haben, sondern auch fast am selben Punkt begannen: Kolleritschs Geburtsort Brunnsee und Štegers Ptuj trennen nur rund 40 Kilometer – und eine Staatsgrenze, die diese beiden Steirer freilich eher als Aufforderung zur Überschreitung verstanden, und zwar zur Überschreitung jeglicher Grenze.

Während ich Aleš Šteger oft sagen hörte, dass die Veröffentlichung in der 132. Ausgabe der manuskripte, seine erste auf Deutsch, so etwas wie den Startschuss für seine internationale Karriere bedeutet habe, erzählte Alfred Kolleritsch gerne von einer Begegnung in den slowenischen Weinbergen. Am Straßenrand sei er gesessen, der Aleš, jung und schön, und dann habe er den im Auto wie zufällig vorbeikommenden Sonntagsausflug – Mutter Kolleritsch und Sohn – gleich mit zu sich nach Hause genommen. „Dort sind wir dann herrlich zusammengesessen.“

Dass dem Autor der Pfirsichtöter oder der geretteten Köche die Gedichte seines Gastgebers von Anfang an schmeckten, überrascht nicht. Schließlich sind auch die Gedichte aus Štegers Buch der Dinge oder Buch der Körper mit jenen magischen Abkürzungen gewürzt, die uns vom sehr Materiellen, sehr Physischen, im Wortumdrehen bei den ganz großen Fragen landen lassen – Fragen, wie sie sonst nur Tarotkarten oder die großen Philosophien stellen. Das Ei, etwa dem – am Pfannenrand erschlagen – „im Tod ein Auge wächst“: was sieht es? Oder Die Wurst, „bulimische Masse, gefangen im Darm der Sprache“, der „eine Extrawurst im Minirock“ ebenso umhüllt wie „sechs Millionen vergaste Salami“: „Knurrt es in dir?“

Noch besser verstanden sich die beiden aber womöglich ohne Worte. Schließlich ist das „herrlich Zusammensitzen“ (am besten unter Baumkronen, hinter Weingläsern, auf einem Hügel in der Štajerska) den großen gemeinsamen Nenner ihrer Poetiken – als Literaturvermittler. Und tatsächlich verschwimmen die Geschichten, kann man oft nicht mit Sicherheit sagen, ob sich diese oder jene begeistert vorgetragene Anekdote bei einer der manuskripte-Buschenschankrunden der 70er oder im Rahmenprogramm von Dnevi poezije in vina 30, 40 Jahre später zutrug. Eines aber steht fest: In der entgrenzten Atmosphäre des „Gleich-mitgenommen“-worden-Seins konnte die Muse der zwischenmenschlichen Poesie zu Höhenflügen ansetzen, kamen zwei sonst getrennte Dinge zusammen, wurde etwas Drittes, zuvor nicht zu träumen Gewagtes, wahr.

Zwei Dichter, die an diesem Abend nebeneinandersitzen, werden sich bald schon gegenseitig übersetzen, eine Lyrikerin, die sich bei der Ankunft noch wie auf einem fremden Stern fühlte, wird noch im Lauf des Abends als Stargast zu einem Poesiefestival in Südamerika eingeladen werden, ein blasser Student, der euphorisiert vom Anstoßen mit seinen Vorbildern durch die Reben torkelt, gewinnt ein paar Weinlesen später den Literaturnobelpreis.

Und alle, alle werden sie erzählen, dass sie all das nur einem verdanken: dem Kolleritsch-

Preisträger.

Anders gesagt: Wäre Alfred Kolleritsch in der Jury des Alfred-Kolleritsch-Preises gesessen, er hätte sich auch für Aleš Šteger entschieden.

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Presse:

Der schöne Artikel Bernd Melichars in der Kleinen Zeitung:

Der offizielle Bericht der Stadt Graz.

5min.at

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Save the date:

04.04.2022, 19:00, Andreas Unterweger moderiert Aleš Štegers Lesung aus seinem neuen Roman „Neverend“ (Wallstein 2022).
Literaturhaus Graz, Elisabethstraße 30, 8010 Graz.

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* Lesungen und Begegnungen mit Aleš Šteger: Galerie Marenzi Leibnitz 2022, Hommage an Alfred Kolleritsch Graz 2020, Frankfurt Versopolis 2019, Ljubljana 2019, Ljubljana 2017 usw. – tatsächlich endete die Reihe erst im Jahr 2008, bei Dnevi poezije in vina, damals noch in Medana, und damit vor Beginn dieser digitalen Aufzeichnungen.

Lesungen und Veröffentlichungen in der Poesiegalerie: Lesung Wien 2021, „Blicke“, Erstveröffentlichung der Übersetzung von Guillaume Métayer 2021, „Kabul“, Gedicht von heute 2021, „Für einen, den ich kannte“, Gedicht von heute 2020, Lesung Wien 2019. Mastermind Udo Kawasser bin ich übrigens Anfang 2009 in Granada, Nicaragua, erstmals begegnet – auch vor Beginn dieser digitalen Aufzeichnungen … Schön langsam wird’s hier historisch.

Mit Aleš Šteger in der Galerie Marenzi

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 13. Februar 2022

Welch Freude, den slowenischen Dichter Aleš Šteger in Leibnitz willkommen zu heißen!

Die drei Literatur-Musketiere von Leibnitz: Aleš Šteger, Bürgermeister Helmut Leitenberger und yours truly (v.r.n.l.).
Nicht im Bild: Unser D’Artagnan, Galerie-Leiter Klaus-Dieter Hartl, der sich leider im zeittypischen Krankenstand befindet.
(c) Sepp Unterweger

Dieser Meinung waren auch Bürgermeister Helmut Leitenberger, Vize-Bürgermeisterin Helga Sams und mehrere Dutzend weiterer Leibnitzerinnen und Leibnitzer, die – motiviert wohl nicht zuletzt durch Daniela Winklers schönen Ankündigungsartikel in der Kleinen Zeitung – erfreulicherweise alle Sitzgelegenheiten im Hauptraum der Ausstellung „fresh evidence – work in progress“ von Helmut Tezak in der Galerie Marenzi besetzten.

Die Lesung, eine gemeinsame Initiative der Galerie Marenzi und der Literaturzeitschrift manuskripte („manuskripte in der Region“), entpuppte sich in mehrerlei Hinsicht als Dialog: zwischen bildender Kunst und Literatur …

Der Dichter und der Fotograf.

… zwischen Österreich und Slowenien, zwischen Aleš Šteger und mir:

(c) Sepp Unterweger

Nach meiner Einführung las Aleš Šteger mehrere Gedichte aus seinen Gedichtbänden „Buch der Körper“ (Schöffling 2012) und „Über dem Himmel und unter der Erde“ (Hanser 2019), danach aus seinem wunderbaren, sehr empfehlenswerten, ebenso schrägen wie erschütternden Maribor-Roman „Archiv der toten Seelen“ (Schöffling 2016), was nicht zuletzt mit Helmut Tezaks Bildserie über die nordslowenische Stadt korrespondierte.

Nach einem Gespräch über den Roman und seine zahlreichen Ebenen (von der schreiend komischen Kulturbetriebs- und Lokalpolitiksatire über Fantasy- und Thriller-Elemente bis zur Aufarbeitung historischer Traumata) lasen Aleš und ich gemeinsam unseren literarischen Dialog aus den manuskripten 233.*

Cover der manuskripte 233 von studio ASYNCHROME

Nach der Lesung fand sich noch Zeit für einen gemeinsamen telegenen Spaziergang über den Leibnitzer Hauptplatz, der vom „SLORF“ („slowenischer ORF“ aka Volksgruppen-ORF), der dank Redakteur Simon Ošlak erfreulicherweise quasi live berichtete, eingefangen wurde …

https://tvthek.orf.at/profile/Dober-dan-tajerska/342675/Dober-dan-tajerska/14126019/Branje-teger-Lesung-in-Leibnitz-Lipnica/15114791

… und in einer kleinen, aber süßen Jause im Café Elefant kulminierte.

Herzlichen Dank für den schönen Samstagnachmittag, lieber Aleš!

Ljubljana 2019
(c) Guillaume Métayer

Termine mit Aleš Šteger in naher Zukunft:

  • 16.3.2022, 19 Uhr, Verleihung des Franz-Nabl-Preises und der Alfred-Kolleritsch-Förderpreis der Stadt Graz. Ich halte die Laudatio für Aleš Šteger (Alfred-Kolleritsch-Förderpreis). Literaturhaus Graz
  • 04.04.2022, 19 Uhr, Aleš Šteger liest aus seinem neuen Roman „Neverend“ (Wallstein 2022). Ich moderiere. Literaturhaus Graz

*Mehr zu „Neverend. Literarische Dialoge zwischen Nord und Süd“, einem Projekt von Monique Schwitter und mir sowie eine Kooperation der Literaturzeitschrift manuskripte und der Freien Akademie der Wissenschaften und Künste Hamburg, gefördert im Rahmen von „Internationale Literaturdialoge“ vom Bundesministerium für Europäische und internationale Angelegenheiten, findet sich übrigens hier:

Finissage Grazer Poesieautomaten

Posted in gedichte, manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 11. Februar 2022

Im Literaturhaus Graz kam es am 3.2. zum Abschluss eines der originellsten und sympathischsten Literaturprojekte, an denen ich in den letzten Jahren beteiligt war: Die drei Poesieautomaten, die im letzten Jahr Graz bereicherten, wurden mittels der Präsentation einer sehr gelungenen Anthologie ins nächste Level ihres Daseins verabschiedet.

Die Anthologie wurde von Elisabeth Fiedler (Kunst im öffentlichen Raum Steiermark) und dem Autor Matthias Göritz herausgegeben, die das Projekt auch entwickelt hatten.

Die erste Idee dazu hatten die beiden übrigens erstmals beim Begräbnis von Alfred Kolleritsch – als ob dessen Superkräfte als Literaturvermittler auch über den Tod hinaus gewirkt hätten. Insofern ist es nur stimmig, dass die manuskripte den Fortbestand des „Gefühlsechte Gedichte“-Automaten (eines ehemaligen Kondomautomaten, der 2021 am Standort Forum Stadtpark für 50 Cent Liebesgedichte ausgab, darunter je eines von Alfred Kolleritsch und mir) …



Der Automat „Gefühlsechte Gedichte“ am Standort Forum Stadtpark, eingebettet in die Installation „One Monument in Time“ von Werner Reiterer
(c) Katrin Köhler

… gewährleisten. Von März 2022 bis zur Leipziger Buchmesse 2023 soll er als manuskripte-Poesieautomat unter dem Titel „Liebe aus Österreich“ am Standort Schauspiel Leipzig österreichische zeitgenössische (Liebes-)Lyrik ausgeben (kuratiert von Matthias Göritz und mir, eine Kooperation mit Literaturhaus Leipzig). Dazu bald Genaueres.

Hier jedenfalls alle Details von der Finissage letzte Woche:

Ankündigung Literaturhaus Graz
Die gelungene Anthologie.
(c) Thomas Raggam
Hausherr Klaus Kastberger begrüßt.
(c) Thomas Raggam
Herausgeberin Elisabeth Fiedler moderiert.
(c) Thomas Raggam
Matthias Göritz, Mastermind des Projekts, spricht aus dem Schneesturm in St. Louis zu uns.
(c) Thomas Raggam
Amalija Macek, die Co-Kuratorin des Automaten mit slowenischen Gedichten, „Mein Nachbar auf der Wolke“ (s.u.), moderiert die Lesung von Ana Pepelnik (r.) und Tone Skrjanec.
(c) Thomas Raggam
Ich moderiere die Lesungen aus dem Automaten „Gefühlsechte Gedichte“ (s.o.).
(c) Thomas Raggam
Volja Hapeyeva, rotahorn-Preisträgerin 2021, liest aus München.
(c) Thomas Raggam
Der Wiener Lyriker Ferdinand Schmatz wird live zugeschaltet.
(c) Thomas Raggam
Ich lese das Gedicht „Nebel ist die Musik“ von Alfred Kolleritsch in zwei Versionen und mein Gedicht „Nahuatl“ (s.u.).
(c) Thomas Raggam

Bilder vom Eröffnungsspaziergang am 28.05.2021:

„Mein Nachbar auf der Wolke“: Slowenische Gedichte auf dem Schlossberg, nachzulesen auch in manuskripte.
(c) Johanna Lamprecht
Elisabeth Fiedler
(c) Johanna Lamprecht
Der Abstieg: Matthias Göritz, ich, Elisabeth Fiedler, Heidrun Primas …
(c) Johanna Lamprecht
Matthias Göritz erklärt mir den Automaten.
(c) Johanna Lamprecht
Ich lese …
(c) Johanna Lamprecht
… erst Alfred Kolleritschs Gedicht („Nebel ist die Musik“ aus „Befreiung des Empfindens“, Droschl 2004) …
(c) Johanna Lamprecht
… dann mein eigenes Gedicht aus dem Automaten, „Nahuatl“.
(c) Johanna Lamprecht

Das Buch Grazer Poesieautomaten kann am Institut Kunst im öffentlichen Raum Steiermark und in einigen Buchhandlungen in Graz, etwa im Kunsthaus-Graz-Shop, für € 12,50 erworben werden. Mehr Informationen dazu hier.

„kaspar aus stein“ in Literadio

Posted in kaspar aus stein, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 14. Januar 2022

Kürzlich war ich bei Daniela Fürst im Online-Literaturradio Literadio zu Gast, um über Laure Gauthiers poetische Erzählung „kaspar aus stein“ zu sprechen.
Das Buch ist 2021 in meiner Übersetzung bei Edition Thanhäuser mit Illustrationen von Christian Thanhäuser erschienen.

Daniela und ich unterhalten uns über den Kaspar-Hauser-Mythos und seine literarischen Ausarbeitungen, die sprachlichen, formalen und inhaltlichen Besonderheiten des Zugangs von Laure Gauthier, die Entwicklung unserer Zusammenarbeit und darüber, inwiefern Laures Texte zu übersetzen dem Auspacken von Überraschungseiern gleicht.
Dazu gibt es sehr schöne Lesungen aus dem Buch von Laure Gauthier (französisch/deutsch).

Zum Hören bitte hier oder unten klicken!

https://literadio.org/hoerbeitrag/laure-gauthier-kaspar-aus-stein/

Herzlichen Dank für die freundliche Atmosphäre, die exzellente Vorbereitung und die schöne Gestaltung der Sendung, liebe Daniela!

Herzlichen Dank für Dein Vertrauen, liebe Laure!

Mehr zu „kaspar aus stein“ von Laure Gauthier findet sich u.a. hier.

„Leibnitzer Notizen“ (Lesung in der Galerie Marenzi)

Posted in Das kostbarste aller Geschenke, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 23. Dezember 2021

Die schönsten Lesungsplakate verdanke ich immer Klaus-Dieter Hartls Galerie Marenzi in Leibnitz!

Mit „Leibnitzer Notizen“ waren einzelne Sätze gemeint, die ich in den letzten 5 Jahren, seitdem ich in Leibnitz wohne, in meine Notizbücher geschrieben habe.
Bis auf „Das Gelbe vom Jahr / Zugnotizen, September“ (manuskripte 214) habe ich nur Unveröffentlichtes gelesen.

(c) Katrin Köhler (danke!)

Die Grundannahme der Lesung: Während für Norbert Trummers schöne Arbeiten die Zeichnung die Basis bildet, ist es bei mir der einzelne („wahre“) Satz, die Notiz.

Kurz habe ich auch darüber gesprochen, dass das Notizbuch für mich zwei Gesichter hat:
Einerseits ist es die Grundlage vieler „größerer“ Texte, auch Bücher, die ich zum Teil aus solchen Notizen komponiert habe („Das kostbarste aller Geschenke“, etwa).
Andererseits scheint mir, dass ich viele Dinge nur ins Notizbuch schreibe, um sie nicht woanders, beim richtigen Schreiben nämlich, zu verwenden.

Insofern ist das Schreiben von Notizen vielleicht am ehesten mit dem Träumen vergleichbar, das ja auch abwechselnd als Geheimerzählung unserer selbst einerseits und andererseits als Störgeräusch, das der neuronale Mistkübel beim Shreddern macht, interpretiert wird.
Dazu passt, dass ich traumlos schlafe, wenn ich gerade intensiv an einem Buch schreibe. Schreibe ich nicht, träume ich – und schreibe Notizen.

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Mein Dank gilt Klaus-Dieter Hartl für die Einladung, Norbert Trummer für die wunderbare Kulisse und dem trotz Corona und Corona-Demo tapfer erschienenen Publikum! Dass auch Bürgermeister Helmut Leitenberger Zeit gefunden hat, hat mich besonders gefreut.

8. internationales Symposium der Literaturkritik in Ljubljana

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 10. Dezember 2021

Für das 8. internationale Symposium der Literaturkritik/Mednarodni kritiski simpozij in Ljubljana habe ich mich mit der slowenischen Literaturkritikerin Tanja Petrič über Literaturkritik im deutschsprachigen Raum unterhalten.

Seit der Premiere am 10.12.21, um 17:30, ist das Gespräch hier abrufbar:

Wir sprechen – auf Deutsch mit slowenischen Untertiteln – darüber, welche Formen der Literaturkritik in Österreich existieren, wo sie stattfinden (Spoiler: Literaturzeitschriften habe ich vergessen zu erwähnen …), wie sie sich in den letzten Jahren verändert haben, wer als Kritiker tätig ist, wer es überhaupt sein sollte und viele weitere spannende Fragen.

Das Gesamtprogramm des Symposiums mit dem schönen Jahrestitel „Die Kunst der Kritik – wer ist ein Kritiker?“, in dem auch mein geschätzter Berliner Bekannte Tom Bresemann zu Wort kommt, findet sich hier.

Mein Dank gilt Tanja Petric für die Einladung, die fundierte Vorbereitung und das so freundliche Gespräch, Aljaž Koprivnikar für die reibungslose Organisation sowie Henrike Blum, die mir beim Training für diesen Auftritt mit all ihrem Wissen zur Seite stand. Eine unschätzbare Hilfe!

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Bonus-Content 1: Eine Auswahl an mehr oder weniger Literaturkritikähnlichem, von mir selbst geschrieben:

aus fischhaut, aus stein. Poetische Porträts aus der Edition Thanhäuser. Kultum. Programmzeitung. Sep-Okt 2021, Graz 2021, S. 16 f.

Mit spitzen Fingern. Sarah Kuratles literarische Überschreitungen der Wirklichkeit. ARTfaces Galerie des Landes Steiermark.

Wir brauchen Tausende Don Quijotes! Fiston Mwanza Mujila, der kongolesische Sprachsaxofonist aus Graz. In: Landes Kunst und Kulturpreise 2018. Hg. v. Land Steiermark, 2018, S. 20-25.

Der schüchterne Frechdachs. Franz Weinzettl und seine Suche nach dem Glück zwischendurch. Art Faces Galerie des Landes Steiermark.

Wortnetze, in denen man sich gern verfängt. [Über Hans Eichhorn: „Im Ausgehorchten“] In: Kleine Zeitung v. 12.11.2017, S. 68.

Die Geldnot, der Glanz, das Elend. [Zu F. Scott Fitzgerald: „Für dich würde ich sterben“.] In: Kleine Zeitung v. 20.05.2017, S. 66 f.

Gänzlich unbeschützt im Weltenall. [Zu Iris Hanika: „Wie der Müll geordnet wird“] In: Kleine Zeitung v. 22.03.2015, S. Sonntag 11.

Übersetzen. Schreiben. Lesen. Zu Laure Gauthier: marie weiss rot. marie blanc rouge. In: manuskripte. Zeitschrift für Literatur. Heft 206. Graz: 2014.

Peripheres Porträt. 7 x 10 Zeilen für Klaus Hoffer. In: manuskripte. Zeitschrift für Literatur. Heft 198. Graz: 2012, S.34 – 36.

Die Welt von gestern. Karl Bruckners Fußballroman „Die große Elf“. In: Der tödliche Pass. Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels. Heft 60. München: 2011, S. 40 f.

Mehr unter Bibliographie.

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Bonus-Content (Werbung) 2:

Das Spekulieren darüber, ob die Literatur durch die oft nur noch auf Floskeln wie „Phantastisch!“ und „Phänomenal!“ reduzierte Literaturkritik nicht selbst zum Phantasma oder Phänomen werde, hat mich an folgende Stelle aus wärmeren Zeiten bzw. aus „Das gelbe Buch“ erinnert:

Frühstück mit Biber

Seitdem er denken konnte, träumte Biber davon, am Fluss zu frühstücken. Morgen für Morgen, wenn er, „pudel, ja, bernhardinernass“, wie er sagte, am Flussufer stand und die Tröpflein auf seiner Haut in den Strahlen der Morgensonne rot erglitzerten, stellte er sich vor, wie unvorstellbar schön es wäre, hätte er heute Morgen, wie jeden Morgen, in seiner Badevorfreude nicht darauf vergessen, die Jause, die Großvater gewiss für ihn bereit gestellt hatte, an den Fluss mitzunehmen …

Er sah sich in ein Semmelchen beißen, sah sich Malzkaffee schlürfen, Haferbrei löffeln – ja, er sah es nicht nur, sondern hörte es auch, hörte die Semmel krachen, roch den Kaffee, spürte, wie der Brei warm auf der Zunge schmolz – und wenn, wie jeden Morgen, Briefträger Schnecke just jetzt vorbeischlich und den nackt, mit verzücktem Blick ins Nichts beißenden Buben fragte: „Na, wie schmeckt´s?“, dann entsprach Bibers Antwort, wie verträumt sie auch wirken mochte, voll und ganz der Wahrheit:

„Phantastisch!“

(c) Literaturverlag Droschl 2015

Music & Poetry 1, manuskripte-Förderpreis an Gabriel Proedl, Eröffnung Buch Wien …

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 17. November 2021

Am 9.11. wurde der manuskripte-Förderungspreis im Kunsthaus Graz an den jungen Grazer Autor und Journalisten Gabriel Proedl verliehen. Doch Graz machte seinem selbst verliehenen Ruf als „Kulturhauptstadt“ alle Ehre, indem Proedl zeitgleich schon für eine Lesung verpflichtet war – und zwar im Café der Grazer Murinsel, zum Auftakt einer Kooperation von Gamsbart Jazz und manuskripte.

So nahm manuskripte-Redakteurin Silvana Cimenti den Förderungspreis an seiner Statt aus den Händen des alten und neuen Kulturstadtrats Dr. Günter Riegler entgegen – als erster Mensch erhielt sie den Preis damit zum 2. Mal.

(c) manuskripte
(c) manuskripte

Und ich, der ich das Event auf der Murinsel gemeinsam mit GamsbartJazz-Chef Gerhard Kosel moderierte, nutzte die von mir verfasste Jurybegründung, um Gabriel Proedl im nahezu ausverkauften Café vorzustellen:

manuskripte-Förderungspreis der Stadt Graz 2021 für Gabriel Proedl – Jurybegründung

Gabriel Proedl ist erstaunlich. Erstaunlich jung, zum Beispiel, aber auch schon erstaunlich bekannt. Mit Reportagen, deren thematische Bandbreite vom Doppelleben des Schulbusfahrers seiner Kindheit über französische Starautoren bis zu Mode aus dem Senegal reicht, hat er sich als Journalist für Medien wie Die Zeit, Stern oder Der Falter einen Namen gemacht.

In manuskripte 231 legte er im Mai 2021 mit der erstaunlich abgebrüht vorgebrachten Erzählung Wahnsinnsnacht, Mama auch sein literarisches Debüt vor, das er bei der Präsentation der Ausgabe im Lesliehof erstaunlich selbstbewusst vortrug.

Wie die Reportagen Proedls zeichnet auch seine literarische Prosa eine seltene Beobachtungsgabe aus, die trotz ihrer fast schon hyperrealistischen Genauigkeit beiläufig genug bleibt, um hohes Lesevergnügen zu garantieren. Der in einzelnen Details aufblitzende Röntgenblick für Menschen und die skurrilen bis tragischen Verwicklungen der Situationen, in denen sie sich befinden, geht Hand in Hand mit einem angenehm schrägen Humor, der stellenweise an Wolfgang Bauers absichtlich schlechte Lyrik erinnert.

Der 1998 in Graz geborene Journalist und Autor ist Mitbegründer von Hermes Baby, einer Gemeinschaft für Erzähljournalismus mit Sitz in Hamburg, schrieb das Drehbuch für den international prämierten Film Taste Of Love und strotzt nicht nur vor Ideen, sondern auch vor Energie, diese umzusetzen.

Von Gabriel Proedl werden wir bestimmt noch viel lesen!

Andreas Unterweger, Herausgeber manuskripte

Anschließend las Gabriel Kurzprosa aus dem Jahr 2020 und 2 seiner Zeit-Reportagen – eine erstaunlich gut funktionierende Mischung!

Herzlichen Glückwunsch, lieber Gabriel!

Nachtrag:

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Tags darauf reisten Silvana und ich zur Eröffnung der Buch Wien, wo wir zwar unzählige nette Leute trafen, aber für Fotos kaum Zeit blieb.

Eröffnungsrede von Isolde Charim
Mit Theodora Bauer und Cordula Simon
Mit Daniela Kocmut

Ein Teil der österreichischen Literaturzeitschriftengeschichte im Zeitraffer am Stand der IG Autorinnen und Autoren:

(c) Daniela Kocmut

Schön war’s in Wien! Nicht umsonst nennt man es das Paris von Mitteleuropa …

… oder gar sein Venedig.