Andreas Unterweger

„Das Rennen meines Lebens“ (Kronen Zeitung v. 05.07.2020)

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 5. Juli 2020

Heute in der Reihe „Steirische Perspektiven“ der Kronen Zeitung erschienen:

Ich danke Christoph Hartner für die ebenso exzellente wie charmante redaktionelle Betreuung!

Hier der Text, zur leichteren Lesbarkeit, in der Originalfassung und mit dem Originaltitel:

 

 

 

Das Rennen meines Lebens

 

 

„Iiiijum … Iiijum … Iiiiiiijum …“

Es gibt kaum ein Geräusch, das mich in solche Aufregung versetzt wie das von Formel-1-Autos. Aber auch kaum eines, das mich derart entspannt.

Die Aufregung mag ja noch verständlich sein – schließlich gibt es dafür, neben dem Sportsgeist, gleich mehrere gute Gründe (Lärmbelästigung, Umweltschutz …). Was aber soll an Mensch-Maschinen, die mit 200, 300 km/h im Kreis herumjagen, entspannend sein?

Nun, der Auslöser dafür liegt einige Runden zurück. Kurz nach dem Start, in der Anfangsphase meines Rennens, äh, Lebens, nämlich. Schon damals wurden die Motoren sonntags, um 14 Uhr, gestartet: gleich nach dem Mittagsessen. Während die Frauen des Hauses beide Hälften des Abwaschs erledigten, schalteten wir drei Männer, erschöpft von den drei Gängen des Menüs, einen Gang herunter. Wir lagerten uns um das Flackern des Fernsehers.

Kurz darauf gingen die roten Lichter aus, heulten die Motoren auf, und Heinz Brüller prüllte: „Start zum Grand Prix von [exotisches Land]!“

Nach den ersten bangen Sekunden – hatte es „hinten“ gekracht? Mussten die Froschmänner wieder einen Fahrer aus dem Hafenbecken ziehen? – pendelten sich die Drehzahlen in jenem nervenzerfetzenden Bereich ein, der mich Buben in Ekstase versetzte. Während ich mich in die Kurven legte, als ob die g-Kräfte auf mich einwirkten, hatte die akustische Dauerklimax auf meine beiden routinierteren Teamkollegen eine ganz andere Wirkung. Spätestens in der dritten Runde fielen meinem Großvater im Lehnstuhl die Augen zu, und zur Boxenstoppphase bog auch mein Vater von der Couch ins Land der Träume ab. Bald nahm ihr Schnarchen es dezibelmäßig locker mit den Motoren der Turboära auf.

Noch heute höre ich, wann immer das „Iiijum … Iiiijum …“ ertönt, diese Geräuschkulisse mit, die gleichbedeutend ist mit den entspanntesten Momenten meiner Kindheit: Klimpern und Lachen aus der Küche, dazu das Schnarchen im Wohnzimmer, gelegentlich unterbrochen von einem matten „Wer führt?“

Oh, friedlicher Nachmittag!

 

Auf der Strecke herrschte derweil Krieg. Wie ein dada-futuristischer Lyriker besang Heinz Prüller die Schönheit der Geschwindigkeit mit Lautgedichten: „Senna! Prost! Piquet! Boutsen! Alboreto!“ Und natürlich: „Niki Lauda!“

Als dieser 1984 zum dritten Mal Weltmeister wurde, erfuhr ich als Erster davon. Bei uns zuhause, zumindest. Die anderen waren ja mit unbezahlter Haushaltsarbeit und Powernapping beschäftigt.

Ich weiß noch, ich war fassungslos vor Staunen. Hatte ich doch gerade etwas Wichtiges gelernt. Das nämlich, dass manchmal auch die unwahrscheinlichsten Hoffnungen erfüllt werden. Schließlich ging Lauda nur vom elften Startplatz ins Rennen. Selbst sein Team glaubte nicht mehr an den Sieg – es hatte schon Poster für einen anderen Weltmeister drucken lassen …

Später, viel später, wenn ich mich an den Start eines Buchprojekts begab, empfand ich die Situation oft als ähnlich aussichtslos. Aber, wie Niki Lauda mir gezeigt hatte: Trotz unzuverlässigen Turbos, knappem Sprit und berechtigter Zweifel in der eigenen Mannschaft – am Ende kann einem so was doch glücken!

 

Wenn ich heute SchriftstellerkollegInnen von meinem Faible für die Formel 1 erzähle, stoße ich meist auf Ablehnung. Vorbei die Zeiten Wolfgang Bauers, der selbst Straßenrennen gegen Gegner wie Jochen Rindt bestritten haben soll. Vorbei nun leider auch die meines Freundes Alfred Kolleritsch, der gerne erzählte, dass Fahr- und Dichtkunst sprachlich eng beieinanderliegen: Schließlich sei die von ihm mitbegründete Grazer Autorenversammlung im Telefonbuch anfangs als Grazer Autorennversammlung geführt worden …

Nein, wenn ich das F-Wort in den Mund nehme, muss ich mich gegen allerlei Vorwürfe wappnen – von der Umweltsünde bis zum Chauvinismus. Dabei teile ich die Kritikpunkte am Motorsport. Dementsprechend froh bin ich darüber, dass die Formel 1 zuletzt an sich arbeitete (Hybrid-Motoren, Abschaffung der Grid Girls, Kostenobergrenze …).

„Für mich“, erzählte ich jüngst einer Kollegin, „sind Autorennen überspitzte Metaphern für das ganze Leben – wie eine Tragödie, z. B. Das Theater meiner Kindheit war eben der Fernseher, die Stücke teilten sich nicht in Akte, sondern in Runden, und so geht mir Hamiltons Schicksal auch heute noch näher als das Hamlets.“

Ihre Antwort: „Deine arme Frau!“

 

Wie bitte?! Meine Frau ist doch nicht arm! Im Gegenteil: Niemand profitiert mehr von meiner Freude an den Spielzeugautos auf dem Handybildschirm. Schließlich gibt es kaum eine Hausarbeit, die ich nicht gerne verrichte – so lange ich dabei nur Formel 1 schauen kann.

Nach dem Essen, wenn meine Frau und die Kinder sich auf die Couch zurückziehen, räume ich in der Küche das Geschirr weg – und dröhne mich dabei, mangels Live-Übertragungen (Corona), mit den Rennen vergangener Saisonen zu.

Neulich studierte ich etwa den Österreich-Grand Prix von 1984, Niki Laudas einzigen Heimsieg. Ich muss zugeben, ich hatte das Rennen ereignisreicher in Erinnerung. Um sicherzugehen, dass ich nichts übersah, zog ich mich in Runde 35 auf den Lehnstuhl zurück …

Als ich erwachte, war das Rennen zu Ende. Dafür liefen die Kinder johlend um mich herum: „Iiijum! Iiiiijum! Iiiiiijum!“

„Die Grazer Gruppe“ (Literaturhaus Graz, 23.06.2020)

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 25. Juni 2020

Nachtrag zum Termin:

 

 

Im impliziten Gedenken an unseren lieben Alfred Kolleritsch …

… ging am 23.06. die Vorpremiere von Markus Mörths Dokufilm „Die Grazer Gruppe“ im Grazer Literaturhaus über die Bühne.

Wieder beeindruckten mich der Drive und die Dichte des Films, der uns in 45 Minuten 5 Jahrzehnte Grazer Literatur (ab 1960) erleben ließ.

Anschließend Podiumsdiskussion …

 

Foto: (c) Literaturhaus Graz

… die sich u. a. um Alfred Kolleritschs bzw. der Grazer Gruppe Verdienste um das Label „Literatur-“ oder gar „Kulturhauptstadt Graz“ drehte – und darum, ob, nein, wie dieses Vermächtnis weiter besteht.

Um den großen Klaus Hoffer …

… zu paraphrasieren: „Was so begann, muss fruchtbar weitergehen!“

(c) Sepp Unterweger

Ich danke Klaus Kastberger und dem Literaturhaus Graz für die Einladung, meinen PodiumskollegInnen für die anregende Unterhaltung, dem Publikum für das ebenso zahlreiche wie angesichts der Corona-Abstände höchst disziplinierte Erscheinen und Markus Mörth für seinen gelungenen Film!

(c) Nora Edelsbacher

Finissage Isa Riedl, Vernissage Laura Manfredi (Galerie Marenzi)

Posted in In Zeilen wie diesen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 14. Juni 2020

Zweimal innerhalb einer Woche war ich nun in der Galerie Marenzi in Leibnitz zu Gast.

Am 06.06.2020 las ich bei der Finissage von Isa Riedls Ausstellung „Magic Spell“ aus „In Zeilen wie diesen“, meinen „Corona-Texten“, mit denen ich die Schau während der letzten Wochen durch Online-Lesungen in den Räumlichkeiten begleitet hatte.

Vor der Lesung verkündete Klaus-Dieter Hartl, der Leiter der Galerie, erfreulicherweise, dass die 20 Prosagedichte in einer von der Galerie Marenzi herausgegebenen Broschüre erscheinen werden, gemeinsam mit Fotos von Isas Arbeiten.

Dazu mehr in Kürze.

*

Am 12.06. hatte ich die Ehre, bei der Vernissage der Ausstellung „Tapete – Landschaft der Erinnerung“ der italienischen Künstlerin Laura Manfredi „zur Ausstellung“ zu sprechen.

Ich trug die Biografie der Künstlerin vor:

Laura Manfredi beantwortete meine beiden Fragen („Warum ,Landschaft der Erinnerung‘?“ „Warum ,Tapete'“?):

Zum Abschluss las ich, als literarische Reaktion auf Lauras serielle Variationen und Umformungen einzelner Erinnerungsbilder, einen meiner frühesten Prosatexte, „Ein Bild von dir“, von 2006.

 

V.l.n.r., mit dem gebotenen Abstand: Bgm. Helmut Leitenberger, Vize-Bgm.in Helga Sams, Laura Manfredi, A.U., Klaus-Dieter Hartl.

*

Ich habe die Begegnung mit beiden Künstlerinnen als große Bereicherung empfunden. Welch ein Glück, dass es in Leibnitz möglich ist, zeitgenössische bildende Kunst auf diesem hohen Niveau zu erleben! Laura Manfredis Ausstellung ist bis 25.7. zu sehen: Empfehlung!

Und herzlichen Dank für die Einladungen, lieber Klaus-Dieter Hartl!

Alle Fotos: (c) Sepp Unterweger

Update:

Bericht und Fotos auf meinbezirk.at

LeibnitzKult auf Instagram:

 

In Zeilen wie diesen #4 (feat. Isa Riedl, Galerie Marenzi)

Posted in In Zeilen wie diesen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 28. Mai 2020

20+20 Zeilen aus den Zeiten, die wir gerade erleben – Teil 4 meiner Auftragsarbeit für die Leibnitzer Galerie Marenzi, kuratiert von Klaus-Dieter Hartl, gefilmt von Max Pratter.
Dazu ein Gespräch mit der großartigen Grazer Künstlerin Isa Riedl, deren Arbeiten eben in der Galerie zu sehen sind. Wir sprechen über etwas, das uns verbindet: Zaubersprüche.

Hier zum Mitlesen:

*

Und meiner Timeline ward ein Mund gegeben, groß zu reden und
Lästerungen, und so tat sie ihn auf, zu lästern ein weltregierendes,
geheimes Wesen, das da hieß: Verschwörungstheorien. Mit denen
lief es wie mit negativer Theologie, dem Antikörpertest auf Gott,

sprich: Hätte man sie nicht verneint, man wäre nicht auf die Idee
gekommen, dass sie existierten. Sie hießen, hieß es, Dämonologie,
Reptiloiden, Homöopathie, Impfskepsis, Yoga oder Trump, und all
das, so hieß es weiter, sei nur ein Einziges, und sein Name sei: Nazi.

Ich hätte dazu, wie Columbo, noch ein Fräglein gehabt, doch siehe:
Als ich den Mund auftat, kam kein Sprech heraus, nur eine Blase.

*

Wie die Taschenlampenbücher für Kinder, bei denen man mit
Lichtkegeln aus Papier Tortenstücke des Sichtbaren aus der Tiefsee
oder dem Weltall schneidet, funktionierten die Straßenlampen der
Wagnastraße bei Nacht. Ich erkannte mich selbst auf der Leinwand,

wie ich aus einem dieser hyperrealistisch scharfen Schwarz-Weiß-
Film Stills, wie man sie sonst nur vom Nachtzug aus sehen kann,
ins nächste rannte, kaum wieder. War ich der letzte Mensch auf
diesem Set? Und welcher postapokalyptische Horror lauerte dort

im Dunkel?! Nur Flaggen, untote, lautete die Antwort, und Codes,
und Hausnummern … Du bist keine Legende, und wir sind Legion.

*

Als ich auf Twitter lesen musste, dass wir, weil wir uns nun ja Tag
für Tag rund um die Uhr sähen, keine Sehnsucht nacheinander
mehr hätten, war die Sehnsucht am größten. Und sie hörte nicht
auf, selbst dann, als wir, nebeneinandersitzend, Erdäpfel schälten.

Schon immer musste man weit weggehen, um zu sich zu kommen.
Erst jetzt wurde klar, wie weit, und dass zu sich auch hieß: zu dir.

Als der Ärger am größten war, war es auch die Sehnsucht. Als die
Pfanne am schwersten wog, tat es auch die Sehnsucht. Als ich
erstmals wieder außer Haus ging, unter all die anderen maskierten
platonischen Körper, machte ich mich auf den Weg zurück zu dir.

*

Dann war es endlich wieder soweit. Die Investoren jubelten. Man
riss uns, als wären wir Bildmotive Dürers, aus der Natur. Das nicht
entfremdete, anständige Leben
, in dem es uns genügt hatte, eine
Wohnung und unsere Nächsten in ihr drin zu haben, war vorüber.

Es war unser ganzes Glück zu verlernen, wie man ruhig in einem
Zimmer bleibt. Wir kurvten zum Baumarkt, bildeten Schlangen.

Die Vögel gingen auf Abschiedstournee, die Rehe schauten das
Licht, die Igel wurden mit Reifenprofilen horizontal plakatiert. Nur
das untote, stumpfsinnig repetitive, präsexuelle Leben machte, in
seinen freilich mikroskopischen Dimensionen, weiter wie bisher.

***

Der 5. und letzte Teil folgt nächste Woche!

 

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In Zeilen wie diesen #2 (feat. Isa Riedl, Galerie Marenzi)

Posted in In Zeilen wie diesen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 15. Mai 2020

20+20 Zeilen aus den Zeiten, die wir gerade erleben – Teil 2 meiner Auftragsarbeit für die Leibnitzer Galerie Marenzi.
Dazu ein Gespräch mit der großartigen Grazer Künstlerin Isa Riedl, deren Arbeiten eben in der Galerie zu sehen sind. Wir sprechen über etwas, das uns verbindet: (Bilder von) Einfamilienhäuser(n).

Zur leichteren Verständlichkeit der gelesenen Passagen (allem, was in der Galerie Marenzi passiert, widerfährt gewaltiger Nachhall!), hier der Text zum Mitlesen:

***

IN ZEILEN WIE DIESEN 2

*

In jenen Tagen boomte die Gattung Tagebuch. Das verschärfte
natürlich die Krise, zumal bei Schriftstellern wie mir, deren Bücher
schon davor Tagebücher gewesen waren. Bald würde man wohl
einen Roman schreiben müssen, um als formal originell zu gelten!
Vorerst aber käuten wir alle täglich dieselben Schlagzeilen wieder.

Gemeinsam entdeckten wir etwa Banksys neues Bild. Es zeigte
einen Superhero, der war weder Bat- noch Gürteltierman, sondern
eine anonyme Krankenschwester in Supermanpose. Alle auf der
Station jubelten. Erst als einer rief, auch Banksy habe damit einfach
nur sich selbst dargestellt, löste die Polizei die Versammlung auf.

*

Nein, es war nicht die Zeit, Verschwörungstheorien zu verbreiten.
Aber wirkte es denn nicht suspekt, dass just jener Kanzler, von dem
ein späterer Literaturnobelpreisträger schon vor Jahren gesagt
hatte, er ähnle einer der Masken aus Gummi, die sich Bankräuber
übers Gesicht ziehen
, nun eine ausgeweitete Maskenpflicht ausrief?

Kein Wunder, dass alle dieselben Alpträume kriegten: War man
früher vor Un-Toten geflüchtet, so waren es nun Un-Maskierte, die
einen verfolgten … Wir Kunstschaffenden freilich hatten auch dies
längst vorhergesehen. In meinen eigenen Träumen (= Büchern) z.
B. trugen die Leute, und zwar alle, seit jeher schon keine Masken.

*

Auch Einfamilienhäuser sind Menschen, und ich war nicht allein,
wenn ich am Abend Richtung Wagna joggte. Der eine blinzelte
mir, aus geröteten Bewegungsmeldern, argwöhnisch entgegen, der
andere schloss die Rouleaus vor Angst, und dieser hier, hinter
seinem Quarantänevollbart aus Thujen, knurrte mich sogar an.

Und doch, welch Glück, gesehen zu werden (oder zumindest:
beobachtet)! Und Menschen zu sehen – selbst solche, steif und von
geradezu rührend altmodischer Abgründigkeit: „Gestatten, Riedl!“
„Hopper, angenehm!“ „Na, und wer bist du?“ „Ich bin der kleine
Psycho!“ – Menschen zu sehen, also: Mensch, was für ein Glück!

*

In Frankreich hieß es: état de guerre sanitaire. Dort reimte sich
wieder alles – wie bei Baudelaire die Ästhetik des Hässlichen. Von
Flaubert und seiner noch nervöseren Poetik der Gehässigkeit ganz
abgesehen. Aber, bei aller décadence, am Ende war es dann doch
nur eine Frage, die zählte: L´état de guerre sanitaire, c´est moi?

 

Und die, wie alle FAQs, ist sociale … Und während „wir“ im
Frühjournal kaum noch ins Ausland kamen, während le village
global
so rasch wuchs wie der Ölpreis fiel, zogen die banlieues im
selben Maß, mit dem ihr body count jenen des XVIème Arr. hinter
sich zurückließ, ihren Belagerungsring enger um die/das capital€.

***

Aus der Serie „Mutationen“ von Isa Riedl:

Mehr Fotos von den Dreharbeiten in der Galerie Marenzi …

… finden sich hier!

Literarni nokturno (Radio Slovenija v. 04.05.20)

Posted in gedichte, Poèmes, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 5. Mai 2020

Gestern auf Radio Slovenija und nun online nachzuhören: Einige meiner Gedichte* in der exzellenten Übersetzung von Urška P. Černe, formidabel gelesen von Schauspieler Gregor Zorc und mit beeindruckenden Soundcollagen unterlegt.

Wer die Sendung hören möchte, klicke bitte auf diese Zeile oder obiges Bild und dann auf den Button „Poslušaj“.

Einige der Gedichte (s.u.) sind online auf Deutsch nachzulesen, die kursiv geschriebenen finden sich im dreisprachigen Gedichtband „Poèmes“ (La Traductière 2019), der bei den Buchhandlungen Bücherstube Angelika Schimunek in Graz und Draxlers Büchertheke in Leibnitz zu erwerben ist.

Ich danke Urška P. Černe ganz herzlich für Ihren Einsatz! Diese Sendung ist ganz allein ihr Verdienst.
Und ich danke Daniela Kocmut, die mich zur Lesung bei den „Slowenischen Buchtagen Maribor 2019“ eingeladen hat. Die meisten der Gedichte wurden für diese Gelegenheit übersetzt.
Hvala lepa!

 

*Die Eltern, Kein Gedicht, „Beziehungsexperten“, GroßVaterSprache, Die Sonnenblumen, An einen, den ich kannte

***

Moje prve pesmi …

In Zeilen wie diesen #1 (feat. Galerie Marenzi)

Posted in In Zeilen wie diesen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 4. Mai 2020

20+20 Zeilen aus den Zeiten, die wir gerade erleben – Teil 1 meiner Auftragsarbeit für die Leibnitzer Galerie Marenzi.
Dazu ein in Zeiten des (eingebildeten) Lockdown-Müßiggangs übersetzter Song (Original von Conor Oberst, „Gossamer Thin“).

Produziert/kuratiert von Klaus-Dieter Hartl (Galerie Marenzi), gefilmt von Max Pratter in der Galerie Marenzi, wo eben die Ausstellung von Isa Riedl läuft, zu sehen auf dem YouTube-Kanal von Leibnitz Kult:

 

 

Der Ton ist noch nicht perfekt – hier zur leichteren Verständlichkeit bis zum Erscheinen der zweiten Folge der Text zum Mitlesen:

***

IN ZEILEN WIE DIESEN

In jenen Tagen aber sah ich ein Tier aus meiner Timeline steigen,
das hatte weder Häupter noch Hörner, trug dafür eine Art Krone –
aus Klopapier oder aus der Façon geratenem Haar. Und doch war
es zweifellos jenes, über das der sonst so unapokalyptische Dichter
Catull gemeint hatte, es habe schon könige und blühende länder

völlig vernichtet … Und auch Sie, geneigte/r Zeitzeuge/in, passen
ins Beuteschema des Tiers, auch Sie tragen womöglich schon sein
Malzeichen (auf der Stirn, in der Lunge?). Und gewiss hängt Ihnen
sein Name längst zum Ohr heraus. Er lautet: otium (= Müßiggang,
Ruhe, Lockdown: viel Zeit, um müßige [sinnlose] Dinge zu tun).

*

In Zeiten wie diesen posierten Betriebswirte in ihren Penthouses
als Der arme Poet, die Nachbarin strich ihre frisch gestrichenen
Fensterläden, und nur der Landtagsabgeordnete aus der party der
Fleißigen ging weiter aus, verließ seine Geheimfinca, wankte der
vorfahrenden Polizeistreife entgegen. Weil er das Auto für bestellte
Pizzen hielt? Ja, aber es schwebte doch auch etwas Gewichtigeres

in den Aerosolen … Ich verlachte diese Possen, neidete den Kunst-,
Kinder-, Homeofficelosen aber bald ihr Zuviel an Zeit. Und so
machte ich mich selbst an die „Arbeit“, spiegelte einen Song aus
glasklarem Amerikanisch in meinem trüben, zerkratzten Deutsch.

**

Es fuhren kaum Autos, aber wenn einen dann doch eines überholte
(in der Wagnastraße etwa, abends, beim Joggen), wurde wieder
klar, wie laut so ein Auto eigentlich ist. Und: wie sehr es stinkt.
Aber es fuhren ja kaum Autos, und wenn, dann waren es keine
echten Autos, sondern bestellte Pizzen. Pakete. Ein Taxi. Ein Igel

spazierte nachdenklich die Leitlinie entlang … Kaum Autos also,
und wenn doch eines vorbeidröhnte, überwog die Erleichterung.
Worüber? Über die alte Abnormalität: den Lärm, den Rauch! Nun
endlich konnte man (ohne dass Hunde und Lichter ansprangen:
Alarm!) zwang- und hemmungslos, vogelfrei (wie früher!) husten.

*

Nach außen hin hielten wir uns an die Vorschriften, insgeheim aber
bereiteten wir uns vor, wieder und wieder in Wasser zu ertrinken.
Dazu hatte das Mail eines berühmten Dichters geraten, das ein noch
berühmterer bald als Kettenbrief entlarvte. Ab da trugen die Wörter

Masken (Max Sessner) … Ich verstand in der Angstzeit statt: in der
Amtszeit
, tippte in der Stummung statt: in der Stimmung, las statt
ab Montag: ab Nontag. Was nun richtig war und was falsch, war,
wenn überhaupt, erkennbar nur noch beim Homeschooling. Wer
eine Maske trägt, hat Gold im Mund?
Falsch! Richtig: Wer eine
Maske trägt, kann
nicht erwarten, dass man seine Tränen sieht.

***

Ich danke für den Auftrag sowie Klaus-Dieter Hartl und Max Pratter für die gute Zusammenarbeit – bald mehr!

***

Ach ja, der Song!
Das Original stammt, wie gesagt, von Conor Oberst, heißt „Gossamer thin“ und findet sich auf den Alben „Ruminations“ und „Salutations“.
Ich habe mit 16 oder 17 erkannt, dass es völlig sinnlos ist, Songs aus dem Englischen, das ohnehin jeder versteht, 1:1 ins Deutsche zu übersetzen … In Zeiten wie diesen habe ich aber einmal eine Ausnahme gemacht.

 

SPINNWEBENDÜNN

 

Ringe um die Augen
Spuren am Arm
Seine Fans schlagen Schaum, seine Freunde Alarm
Seine Frau sagt kein Wort
Doch sie hasst´s, wenn er fort ist
Sie zählt jeden Rock in seiner neuen Gefolgschaft

Und die sind spinnwebendünn,
Alternativ, Bohèmiens
Und sie tanzen, walzen mit Stil
Sie wirbeln herum, knicksen und kichern viel
Lehnen an seinem Knie, lesen nur Poesie
Und sie widersprechen ihm nie

Sie glaubt an den Papst
Und nicht an den Teufel
Sie treffen sich in einem geheimen Hotel
Sie spielt mit seinem Haar
Und sie küsst seinen Hals
Wenn sie schreit, klingt es lustvoll, wenn sie stöhnt nur nach Angst

Und hej, was geht es mich an
Dass sie mehr als einen Mann lieben kann
Doch sie sind spinnwebendünn
vom Abgund entfernt, hängen am letzten Zwirn
Strapazieren ihr Glück, über Gebühr,
Weil man voll riskiert, wenn man liebt

Ist das eine Art Bewusstseinserweiterung
Dass mein Bier zittert in meiner Hand?
Bleibt das so? Nun, ich werd mich gewöhnen dran
Ein Blumenstrauß nur, den man neu arrangiert

Ich hab keinen Hunger, will nicht aus dem Haus
Ich denke an das, was man Therapeut weiß
Das höhere Selbst und das Es und das Ich
Und du bist wer du bist, und du bist es auch nicht

Aber ich bin spinnwebendünn
Wie der Delicate Arch, feingeschliffen vom Wind
Es steht eine Glas-Psyche am Spiel
Wirf rüber den Ziegel, mal sehen, was passiert
Denn das Hirn und der Geist sind ja nicht ganz das Gleiche
Doch sie wollen beide weg von hier

 

***

 

Fotos von den Dreharbeiten, (c) Klaus-Dieter Hartl, an der Wand Arbeiten von Isa Riedl:

„Klimatologen“ (Poème hebdomadaire)

Posted in Poèmes, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 7. April 2020

Juhu, mein Gedicht „Klimatologen“* ist „poème hebdomadaire“ (das wöchentliche Gedicht? Gedicht der Woche?) des Österreichischen Kulturforums in Paris!

Die französische Übersetzung stammt von Guillaume Métayer, Dichter und Übersetzer aus Paris.

Ich danke dem Team des forum culturel autrichien à Paris, insbesondere Alexandra Filippi, für diese Auszeichnung und die freundliche redaktionelle Betreuung!

„Klimatologen“ als „poème hebdomadaire“ ist derzeit zu lesen auf Instagram …

… Twitter …

… und Facebook:

Hier in Originalgestalt:

 


 

 


 

„Klimatologen“ wurde 2014 geschrieben, und zwar jenseits aller Ausgangsbeschränkungen, irgendwo zwischen den schottischen Föhren des Schlossparks von Grafenegg und niederösterreichischen Weiden am Spielplatz in Kirchberg am Wagram.

Aus dem für mich sehr erfreulichen französischen Begleitschreiben:
„Das Gedicht ‚Klimatologen‘ ist charakteristisch für [Andreas Unterwegers] Schreiben – Musikalität, formale Ästhetik, leise Melancholie, die subtil eine Kritik äußert – oder eine Befürchtung?“


* „Klimatologen wurde auf Deutsch erstveröffentlicht in manuskripte. Zeitschrift für Literatur. Heft 213. Graz: 2016.

Die französische Übersetzung von Guillaume Métayer erschien 2016 in Place de la Sorbonne. Révue internationale de poésie de Paris-Sorbonne.

Beide Fassungen sind Teil von „Poèmes“, meinem 2019 dank Versopolis bei La Traductière erschienenen dreisprachigen Gedichtband.

„Poèmes“ ist erhältlich in Angelika Schimuneks Bücherstube in Graz und in Draxlers Büchertheke in Leibnitz.

Drei Handkedoten („Europe, centrale. 2“ Po&Sie 171)

Posted in Mikroessays, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 19. März 2020

„Wie aus einer Parallelwelt, die nicht mehr ist und nie mehr die gleiche sein wird“*: Mein Beitrag zu Ausgabe 171 der renommierten französischen Literaturzeitschrift Po&Sie mit dem Thema „Europe, centrale“* sind drei Kurzprosagedichte (oder so etwas Ähnliches) über meine Erfahrungen mit den Büchern von Peter Handke.
Ein Auftragstext, den ich ursprünglich dreist „Drei Handkedoten“ genannt hatte.
Übersetzt und eingeleitet von meinem bewunderswerten Freund, dem Dichter Guillaume Métayer, der auch das Heft redigiert und ein äußerst Leseappetit anregendes Vorwort beigesteuert hat.

Die Texte der Ausgabe lassen sich nicht nur analog, sondern auch online anlesen und kaufen (ein Text kostet 3 Euro).

Die französische Leseprobe besteht aus zweieinhalb Handkedoten.

Den dritten Text biete ich hier im deutschen Original an, als zusätzliche Leseprobe:

Beeindruckend das Line Up des Hefts: Neben Juri Andruchowytsch (UKR), Aleš Šteger (SLO) und István Kemény (UNG) springen der heimischen Literaturfreundin/dem heimischen Literaturfreund wohl die nicht nur aus den manuskripten bestens bekannten Herren Michael Donhauser**, Leopold Federmair (beide übersetzt vom großartigen Laurent Cassagnau) oder Michael Hammerschmid ins Auge.
Und natürlich Alfred Kolleritsch, dessen neu übersetztes Gedicht „Für P.H.“ gemeinsam mit meinem Beitrag den Schwerpunkt im Schwerpunkt (zum Thema Handke) bildet.

Vielen Dank, lieber Guillaume, für die gelungenen Übersetzungen und die gewohnt charmant-professionelle redaktionelle Betreuung!

*****

*Guillaume Métayer über Po&Sie 171 auf Facebook.

** (~ Mitteleuropa/Europa im Mittelpunkt)

*** Sein Text „Vier Bilder“ erscheint Ende März im deutschen Original erstmals in Ausgabe 227 der manuskripte.

„Von Äpfeln, Glasaugen und Rosenduft“. Mit Gerhard Melzer im Literaturhaus Graz

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 2. Februar 2020

Am 29.1. hatte ich die Ehre, die Präsentation von Gerhard Melzers neuem Buch im Literaturhaus Graz zu moderieren: Von Äpfeln, Glasaugen und Rosenduft, eben bei Sonderzahl erschienen.

Darin versammelt der Germanist und ehemalige Leiter des Grazer Literaturhauses, der die Kulturstadt Graz der letzten Jahrzehnte mitgeprägt hat wie wenig andere, 25 in der Kleinen Zeitung erschienenen „Literaturgeschichten“ über das Werk jeweils einer österreichischen Autorin/eines österreichischen Autors.
Drei davon, Barbara Frischmuth, Valerie Fritsch und ich, nahmen mit ihm auf der Bühne Platz.

(c) Literaturhaus Graz

Markenzeichen der „Literaturgeschichten“: Sie rücken jeweils eine leitmotivische Nebensächlichkeit aus dem Werk des/der jeweiligen AutorIn in den Vordergrund (vgl. dazu den Titel).
Bei Barbara Frischmuth etwa die Tiere. Nachdem Melzer seinen Text über sie gelesen hatte, las sie zur Bestätigung seiner Beobachtungen zwei Geschichten über Pferde.

Valerie Fritsch (ihr Motiv sind die Glasaugen) hatte Polaroids zu dem Buch beigesteuert, die in Vitrinen beäugt werden konnten.

Zwischen den Lesungen der Autorinnen und des Autors führten wir ein beherztes Gespräch, das ich mit folgenden beiden Statements beschließen durfte:

1.

„Weil er nicht da ist, möchte ich Franz Schuh widersprechen, der in seinem ansonsten großartigen Nachwort behauptet: ,Eine Interpretation kann eine Nach-Erzählung,, sollte aber selbst keine Dichtung sein.‘
Warum sollen sie das nicht? Jedenfalls gibt es gute Interpretationen, die gleichzeitig gute Dichtung sind. Texte von Jorge Luis Borges fallen mir dazu ein, von Klaus Hoffer und von Franz Schuh selbst. Aber auch Gerhard Melzers Buch gehört in diese Reihe. Andere schreiben über Äpfel und Scheibtruhen, Melzer über Äpfel und Scheibtruhen, die in den Büchern anderer auftauchen. Was Sprache, Formbewusstsein und Wirkung anbelangt, sind seine Literaturgeschichten sehr wohl literarische Texte.“

 

2.

bedankte ich mich im Namen aller im Buch besprochenen AutorInnen.
Ich jedenfalls war tief berührt, als ich Gerhard Melzers „Literaturgeschichte“ über meine Bücher erstmals gelesen habe. Selten genug, dass man gelesen wird, aber dann auch noch so – ein Wunder.
Das vehemente Nicken der beiden anderen Autorinnen auf der Bühne bestätigte, dass ich das nicht allein so empfand.

Hier „Der Traum der Katze. Andreas Unterweger und die schwankenden Böden der Wirklichkeit“ noch einmal zum Nachlesen:

Ich danke Gerhard Melzer für die Einladung, dem Team des Literaturhaus Graz um Klaus Kastberger für die professionelle Betreuung, dem Publikum für seine Herzlichkeit und Michael Tschida von der Kleinen Zeitung für diesen Bericht:

Beim Après-Moderation:

(c) Valerie Fritsch