Andreas Unterweger

In memoriam Mathias Grilj: Mythos Lord Jim Loge

Posted in Trauer by andreasundschnurrendemia on 21. September 2020

In memoriam Mathias Grilj (1954-2020).
Adieu, lieber Freund.

Kurzfristig online nachzulesen – ohne Abbildungen, aber mit allen 65 Fußnoten:

 

Daniela Jauk/Andreas Unterweger: Mythos Lord Jim Loge
Erschienen in: Sexy Mythos. Selbst- und Fremdbilder von Künstler/innen. Hg. v. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e. V. Berlin und Verein Forum Stadtpark Graz in Zusammenarbeit mit Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig: Berlin: 2006.

 

Mythos Lord Jim Loge

von Daniela Jauk und Andreas Unterweger

 

Für Wolfgang Bauer (1941 – 2005),
Jörg Schlick (1951 – 2005)
und ihre Göttinnen

 

Schattenhaft“ … „wie unter einer Wolke verborgen“ … „nicht klar[1] … So sieht Marlow, der Ich-Erzähler in Joseph Conrads Roman „Lord Jim“, die gleichnamige Hauptfigur. Ähnliches ließe sich auch über die nach dem Roman benannte Künstlerloge sagen, die uns – statt durch Anfang, Ende, Programm und Hierarchie wohl strukturiert – als vielstimmige, widersprüchliche öffentliche Performance entgegentritt. Dennoch wollen wir – ähnlich hartnäckig wie Marlow – versuchen, uns ein Bild, uns zumindest unser Bild von der Lord Jim Loge zu machen. Und damit unseren Teil zum Mythos beizutragen. Schließlich besteht dieser – wie es bei Claude Lévi-Strauss heißt – „aus der Gesamtheit seiner Varianten[2], der Summe der Bilder, die man sich von ihm macht.

 

1          Der Gründungsmythos

 

„Es wird bald irrwitzige Geschichten geben, es wird bald Leute geben, die sagen werden,

ich war ja damals dabei, außerdem war das nicht in der Haring, sondern im Steirerhof“ …[3]

Mathias Grilj über die Gründung der Lord Jim Loge

 

Alles beginnt im Dunst einer Bar mit Gesprächen über den Dunst der Macht: An irgendeinem Abend Ende 1984 oder Anfang 1985[4] äußerte Wolfgang Bauer gegenüber Mathias Grilj und Bernd Fischerauer[5] in der Grazer Likörstube Haring die Idee, eine Art „Künstlermafia“ nach „Vorbild“ der italienischen P2-Loge[6] zu gründen. Spontan – „das war ein Gottesgeschenk“ – fiel Grilj die passende Parole für eine nur aus Künstlern bestehende Loge ein: „Keiner hilft keinem“. Den Namen dieser „gegenteilige[n] Idee“ einer Loge[7] steuerte wiederum Wolfgang Bauer bei: „Lord Jim Loge“.[8] Einige Zeit später[9] – wiederum in der Haring – entstand auch noch ein Logen-Signet, das fortan systematisch die Arbeiten der Mitglieder kennzeichnen sollte[10]: Martin Kippenberger und Albert Oehlen – die Jörg Schlick in einem Wiener Gasthaus kennen gelernt und nach Graz geholt hatte[11] – kritzelten eine Sonne und einen Hammer auf ein Papier[12], mit dem Hinweis „Entdramatisieren![13] malte Bauer der Sonne einen Busen. Eben dieses Zeichen setzte der anwesende Grazer Künstler Jörg Schlick am nächsten Morgen auf das Plakat der Gemeinschaftsausstellung der vier Letztgenannten in der Galerie Bleich-Rossi[14].

Jörg Schlick war es dann auch, der die Lord Jim Loge über den Rang eines bloßen Gags unter Künstlerfreunden hinaus hob, indem er sie von 1988 bis 1997 (dem Todesjahr Martin Kippenbergers) zu „seinem künstlerischen Konzept[15] machte – „Schlick ist die Loge, steht für die Loge, hat sie gemacht[16]. Größenwahnsinnig anmutende Vorhaben wie etwa jenes, das Logo der Loge als Gütesiegel „so berühmt […] wie Coca Cola[17] zu machen, konnten bzw. sollten gar nicht darüber hinwegtäuschen, das sich hinter den ebenso pathetisch wie tollpatschig anmutenden Logennamen und Logo sowie dem „doppeldeutigen Aufruf[18] „Keiner hilft keinem!“ im Grunde nicht allzu viel verbarg: „Das Geheimnis der Loge ist, daß sie kein Geheimnis hat“, konstatierte Walter Grond bereits im zweiten Heft des von Jörg Schlick herausgegebenen „Zentralorgans“ der Loge, der Zeitschrift „Sonne Busen Hammer“: „w e i l das Zeichen leer ist, schafft es Raum für Interpretation, fordert es zu Lesungen[19] und in weiterer Folge zur Mythenbildung heraus. Nur indem es ihr gelang, allerlei irrationale Vorstellungen rund um ihr so geheimnisvoll wirkendes Wesen zu evozieren, sorgte die Loge unter der Führung von „Lord Schlick[20] trotz ihrer Inhaltsleere mit provokanten, die Mechanismen der Konsum- und Warenwelt ironisierenden Aktionen[21] immer wieder für Aufsehen und heftige Reaktionen vonseiten des Publikums und der Medien. Dabei rekurrierten Schlick und Co. selbst auf zwei traditionelle mythische Felder: zum einen auf den männlich konnotierten „Mythos Loge“, zum anderen auf einen klassischen Künstlermythos, den „Mythos Bohemien“. Schließlich zieht sich neben Logo und Motto der Loge nur noch ein einziges Leitmotiv durch die Publikationen der Lords, und das sind die Lords selbst, die immer wieder hinter (bzw. vor/unter/über/neben …) den Logeninsignien in Erscheinung treten und für diese mit ihrem Leben (und Lebensstil)[22] einstehen. Es sind die Künstler selbst – oder, besser gesagt: ihr Habitus, die Verkörperung ihres künstlerischen Daseins und die Bilder, die sie von sich selbst vermitteln – welche die Aura des Mythos erzeugen sollen.

 

 

ABB. 1                                                            ABB. 2                                                ABB.3

(Kursiv = Bildunterschrift)

Abb.1: Heft 15/96: S. 2/3 (Martin Kippenberger mit Hochzeitsringen neben KEINER)

Abb.2: Heft 2: S. 4/5 (Jörg Schlick mit Cola Mütze neben HILFT) Doppelseite!!!

Abb.3: Heft 9/93: S. 6/7 (Jörg Schlick vor Schlickporträts + Zeichen KEINEM)
2          Mythos Loge

 

Ich weiß nicht, was die Leute geglaubt haben … Als wenn man

Beziehungen hätte, als hätte man Macht, als wäre man Freimaurer…“[23]

Mathias Grilj über den Nimbus der Lord Jim Loge

 

Die Loge“, postuliert Jörg Schlick,  ist kein Verein mit Statuten, Aufnahmezeremoniell und Mitgliederbeiträgen, sondern eine Gemeinschaft mehrerer Abenteurer und Individualanarchisten.“[24] Dennoch lassen sich klar definierte, unumstößliche Regeln der kollektiven Ein- und Ausgrenzung der Lord Jim Loge ausmachen:

1) Jedes Mitglied darf neue, lebende wie verstorbene Mitglieder aufnehmen, wobei keine wechselseitigen Vetorechte bei Neuaufnahmen bestehen.

2) Die Lord Jim Loge ist ein reiner Männerbund.

3) Wer fragt, ob er aufgenommen wird, wird nicht aufgenommen.

4) Niemand wird gefragt, ob er aufgenommen werden will.

5) Niemand, der aufgenommen wurde, darf wieder austreten.[25]

Auch vom übrig gebliebenen Rest der Menschheit konnte nur der Mitglied werden, der von einem Mitglied der Lord Jim Loge als „Lord“, als „einer von uns[26], erkannt wurde – was einen „Lord“ ausmacht, wurde allerdings „nie definiert“, so etwas, meint Grilj, spüre ein anderer Lord, „und wer es nicht spürt, der ist sowieso ein Trottel.[27] Was die Lord Jim Loge hauptsächlich von traditionellen Logen, wie etwa den Freimaurern, unterscheidet, ist somit weniger in der nur bedingten Statutenlosigkeit zu sehen, als vielmehr in der Tatsache, dass sich für ein neues Mitglied der Lord Jim Loge eigentlich nichts änderte: im Inneren der Lord Jim Loge wartete absolut nichts – kein geheimes Wissen, keine einflussreichen Beziehungen, ja, wie Griljs Parole vorgab, noch nicht einmal Hilfe von anderen Mitgliedern der Loge. Nur eines veränderte sich: war man zuvor „draußen“ gewesen, so war man jetzt „drinnen“, jetzt gehörte man dazu. Wie jede Loge teilte die Lord Jim Loge damit die Menschheit bewusst in eine Zweiklassengesellschaft: in Etablierte und Außenseiter. Dieser Ausgrenzungsmechanismus funktioniert auch bei der Lord Jim Loge als Attraktor. Ihr Nimbus lebt vom Aufnahmebegehr der Außenseiter und den daran geknüpften Vorstellungen und Mythen: „Die Sache war ein dermaßen kurioser Selbstläufer. Ich weiß nicht, was die Leute geglaubt haben … Als wenn man Beziehungen hätte, als hätte man Macht, als wäre man Freimaurer…“[28] Dabei bestand die ganze Macht eines Lords nur daraus, jemanden, der „draußen“ war, „hinein“ zu lassen oder eben auch nicht. Diese Macht, so gering sie angesichts eines inhaltsleeren Vereins wie der Lord Jim Loge auch erscheinen mag, war in manchen Fällen „ungeheuerlich“[29], groß genug, um die übliche soziale Ordnung auf den Kopf zu stellen, wie Mathias Grilj zu erzählen weiß: „Ein Grazer Millionär ist […] vor mir gekniet und hat gesagt: ,Bitte nimm mich auf.´ Zuerst wollte er mir Geld anbieten, und dann wollte er mir Demut anbieten. Dann habe ich ihn ausgelacht und gesagt: ,Aus, Herzi, jetzt bist du unten durch. Ein Lord kniet nur vor einer Frau nieder, aber nicht wegen so was …´“ Mit einem gewissen Stolz folgt dann eine andere Geschichte, die nicht nur an Robin Hood erinnert, sondern ihrerseits dazu beiträgt, den an dieser Stelle so sympathisch und greifbar wirkenden Mythos zu verstärken: „Einer kam aus dem Häfen wegen Rauschgift, und alle haben ihn geschnitten, keiner wollte mit ihm reden, es war in einem Lokal, und er war völlig fertig. Ich gehe hin und sage laut: ,Nur damit das klar ist: Du bist jetzt ein Lord.´ Die haben sich angeschissen vor Neid. Er hat geweint vor Glück. Also das hat es auch gegeben. [30]

Unter diesen Umständen erscheint es besonders prekär, Frauen den Zugang zur Loge a priori zu verwehren (s. o.). Diese Entscheidung schien den Lords nicht leicht gefallen zu sein – von den damaligen („wochenlangen[31]?!) Ungereimtheiten künden heute noch Ungereimtheiten in der Überlieferung:

So heißt es in Variante A (Wolfgang Bauer): „Lord Schlick hat jede Aufnahme von Frauen – auch von der Mutter Teresa, rein theoretisch – streng verboten und die neu aufgenommenen Lords gegen mich aufgehetzt. Ich bin niedergestimmt worden. Da ist mir eingefallen, es ist eigentlich einfacher, wenn die Frauen Göttinnen sind, die weit über den Lords stehen.“[32]

Gabriella Bleich-Rossi erzählt mit Variante B eine etwas andere Version, wie – bereits am Gründungsabend[33] – Frauen zwar zu Bedeutungsträgerinnen und Anbetungsobjekten gemacht, aber als gleichwertige Handlungspartnerinnen und eigenständige Subjekte aus der Loge verbannt wurden: „Bevor ich weggegangen bin, war auch Heidi Bauer dabei, und wir haben schon irgendwie bei dieser Loge mitmachen wollen. Wir Frauen. So irgendwie mitmachen. Wenn das alles Anarchisten und Individualisten sind und alles so emanzipiert ist, dann können sicher auch die Frauen dabei sein. Das war unser Wunsch. Niemand hat ,Nein´ gesagt. Nur Wolfi Bauer hat so charmant und diplomatisch geantwortet, er hat gesagt: ,Die Frauen sind die Göttinnen.´ Das werde ich nie vergessen. Damit war alles gesagt. Was willst Du mehr, als dass Frauen Göttinnen sind. Da war er sehr schlau und wir waren trotzdem glücklich.“[34]. Nun, wer auch immer die Idee durchsetzte, Frauen von der Loge auszuschließen, im Hinblick auf die Intensität des mythischen Nimbus der Lord Jim Loge erscheint es als „brillanter“ Schachzug, gleich einmal mehr als der Hälfte der Menschheit das Glück eines „Dazugehörens“ zu verwehren: „Wenn die Lord Jim Loge eine Angelegenheit gewesen wäre, wo man Frauen aufgenommen hätte – hätte sie diese mythische Kraft entwickelt? Ohne Verbot? Glaube ich nicht.“[35]

Bis zum Steirischen Herbst des Jahres 1992 bleibt die Loge somit – mit Ausnahme des Zentralorgans Nummer 5, „Die Damennummer“ (in der neben Frauenakten aus Männerhand einige deutsche Künstlerinnen genannt werden) – frauenfrei. Hier tritt Lena Braun aka Barbie Deinhoff aka Queen Barbie auf den Plan, die Jörg Schlick beim Heurigen im Gespräch über Kernöl und Rippchen kennen lernt.[36] 1993 wurde von Lena Braun mit der Queen Barbie Loge ein weibliches Pendant zur Lord Jim Loge gegründet – die erste Nummer des Zentralorgans dieser Loge (benannt nach dem adaptierten Logo: Mond tritt Schwanz) erschien 1993 in der Reihe „Sonne Busen Hammer als „Die Frauennummer“. Im Gegensatz zur relativ statutenlosen Lord Jim Loge existieren in der bis heute aktiven Queen Barbie Loge mehrere theoretische Schriftstücke zu den Zielen: Es gilt „gesellschaftsverändernde bittersüße Kunstfigur“ zu sein und nicht ein Lord[37]. Die Triebkraft des aktiven Logenpendants – inzwischen sind 29  Zentralorgane, „Outing Elements der Queen Barbie Loge“, entstanden[38] – soll jedenfalls trotzdem nicht (nur) Feminismus sein: Die Gründung einer Frauenloge ist für uns nicht ausschließlich Akt des Feminismus, sondern bedeutet hauptsächlich, dass die Loge für uns als Kunstprodukt und Kommunikationsmittel fungiert.“ [39]

In diesem Zusammenhang sei bemerkt, dass die Gründung der Lord Jim Loge Mitte der 1980er in eine Zeit der Institutionalisierung der „neuen“, zweiten Frauenbewegung in Graz fällt. Nebst mehreren sozialpolitischen Frauenprojekten, die sich in zunehmender Vernetzung, Spezialisierung und Dichte entwickeln, wird auch der Grazer Kunstraum mehr und mehr mit supraindividuellen feministischen Positionen konfrontiert (z. B. Eva & Co.[40]), im Lichte derer man die Gründung der Loge als „Reaktion“ zu lesen geneigt ist. Veronika Dreier erklärt: „Die Reaktionen auf unser ‚Künstlerinnenmeeting’ waren sehr bös allgemein … die haben gesagt: ‚Die Frauen organisieren sich, daher brauchen die Männer jetzt einen Bund.“39

 

 

ABB. 4                                                            ABB. 5                                                ABB.6

(Kursiv = Bildunterschrift)

Abb.4: Cover der Zeitschrift Eva & Co, Heft 1, 1982

Abb.5: Postkarte und Cover zur „Frauennummer“, Zentralorgan der Queen Barbie Loge

Heft 1/93

Abb.6: Cover des Zentralorgans der Queen Barbie Loge Heft 28/05, Die Wo geht’s hier nach Walhala Nummer

 

 

 

3          Mythos Bohemien

 

Wir sind eben barock, bacchantisch, versoffen, laut, grell, peinlich,

überbordend. Alles das. Das ist sozusagen Teil der Lebensstimmung.

Mathias Grilj über Künstler wie z. B. Wolfgang Bauer, Jörg Schlick und sich selbst

 

Jahrelang diente die Grazer Likörstube Haring nicht nur arbeitsscheuen Beamten[41] und Obdachlosen[42], sondern vor allem Künstlern als fixer Treffpunkt[43]. Wolfgang Bauer schrieb 1991 einen mittlerweile selbst legendären Nachruf auf die legendäre Kneipe, dessen Kern eine lange Aufzählung von „Bilder[n] mit Gästen[44] darstellt, ein Panoptikum aus sprachlichen Polaroids, dem man getrost auch den Titel „Scènes de la vie de bohème“[45] geben könnte: Eine Hauptrolle in diesem „shakespearehafte[n] Getriebe“ spielt neben Alkohol[46], asozialem Verhalten[47] und Sexualität[48] natürlich auch die Kunst bzw. kreative Akte[49], wie etwa die ungefähr in der Mitte dieser Passage verzeichnete Gründung der Lord Jim Loge.[50]

Der von Bauer in diesem Text eindringlich charakterisierte „vulkanische Cocktail“ des Bohème-Künstler-Milieus stellt eindeutig das Lebenselixier der Lord Jim Loge dar. Nicht nur, dass die ursprüngliche Idee aus eben solcher Ursuppe geschöpft wurde und die Treffen der Logenmitglieder stets in geselligen Runden stattfanden, auch neue Mitglieder wurden in ähnlichem Rahmen aufgenommen,[51] ja, es scheint sogar, dass die Trinkfreudigkeit und -festigkeit von potentiellen Lords neben dem männlichen Geschlecht eines der wenigen fassbaren Kriterien für die Aufnahme oder Nicht-Aufnahme in die Lord Jim Loge darstellten. So sei der ehemalige Formel 1-Weltmeister Niki Lauda deshalb zum Lord geworden, „weil er mit dem Wolfi [Bauer] gesoffen hat, das hat schon gereicht[52] (Bauer selbst sprach übrigens von der „abenteuerlichen Gesinnung“ des „waschechte[n] Lord[s]“ Lauda)[53]. Auch Jörg Schlicks Selbstinszenierung in manchen Heften von „Sonne Busen Hammer“ atmet den Geist der Haring:

 

Optional: Abb.10: Jörg Schlick in „Sonne Busen Hammer“, Heft 10 (S. 21)

 

Allerdings zeigt das Zentralorgan der Loge auch, wie bewusst das Image des Bohemiens angenommen wird. Besonders deutlich wird dies im von Albert Oehlen in Bravo-Manier gestalteten Heft 13: Die Posen, die Schlick (alias Popstar J. B. Slick) vor der Kamera Oehlens einnimmt, persiflieren nicht nur das Pop- und Rockbusiness, sondern sind wohl durchaus auch als augenzwinkernde Selbstentlarvung zu verstehen:

 

ABB. 7                                                            ABB. 8                                                ABB.9

(Kursiv = Bildunterschrift)

Images von Jörg Schlick, aus „Sonne Busen Hammer“, Heft 13/95 (keine Seitenzahlen)

Abb.7: Tokio Joes

Abb.8: Muschi Joe

Abb.9: Image ist alles

 

Den größten Effekt im Spiel mit dem Bohemien-Image der Lords erzielte Schlick zweifellos 1990, als er im Rahmen des Steirischen Herbstes vorhatte, gemeinsam mit dreizehn Freunden[54] das „Konzil der Lord Jim Loge in Singapur“ zu veranstalten: „Wir fliegen mit der besten Fluglinie nach Singapur, wohnen drei Tage im besten Hotel und geben ein Jahr danach eine Dokumentation mit dem Titel „Dank an den österreichischen Steuerzahler“ heraus.“[55]Die Parole war“, so Grilj, „,Mit schönen Frauen Geld verhauen´ – und Neid schüren. Das Konzept war Neid. Das war das Material, mit dem er [Schlick] gearbeitet hat.[56] Dieses Konzept löste einen bis dato in der Steiermark ungekannten Sturm der medialen Entrüstung aus[57], der Horst Gerhard Haberl, den damaligen Intendanten des Steirischen Herbstes, dazu bewog, den bereits unterzeichneten Vertrag mit Schlick zu brechen und das Konzil nicht zu finanzieren. Überdies kam es in der Folge dieses Skandals sogar zu einem tätlichen Angriff auf die führenden Logenmitglieder: Bei der Eröffnung von Wolfgang Bauers Ausstellung „Zahlnensistemowits“ im Forum Stadtpark am 4. Oktober 1990 attackierte „ein Verführter der Medienkampagne[58] Bauer, Grilj und Schlick mit einer ätzenden Entrosterflüssigkeit[59]. In den Medien kam es neben dem Tumult um das „Säureattentat“ indes zu einem „grotesken Streit“ über die Freiheit der Kunst, in dem das abgeblasene Konzil der Lord Jim Loge zwischen den Polen „hochkünstlerische[s] und tiefmoralische[s] Vorhaben“ (Jörg Schlick) und „Saufausflug ohne künstlerischen Auftrag“ (Horst Gerhard Haberl)[60] hin und her schwankte. Eine salomonische Lösung dieses heiklen Konflikts wird in einer Äußerung Wolfgang Bauers angedeutet, die dieser angesichts eines provokanten Vorwurfs der ganzen Lord Jim Loge gegenüber tätigte: „A b´soffene G´schicht? ,Na, des darf ma net sagen. Wir saufen, aber wir machen keine b´soffenen G´schichten.´“[61]

Heute scheint der Künstlertyp „Bohemien“ aus der Mode gekommen zu sein. In einem Nachruf auf Martin Kippenberger heißt es, Kippenberger sei „der letzte Bohemien [gewesen], bevor Ich-AG und Mineralwasser mehrheitsfähig wurden“, auch ein Nachruf auf Wolfgang Bauer konstatiert einen neuen Wind in der Kunstwelt: „Heute sind […] Labors nicht mehr duster und durchwölkt vom Grogdampf, sie sind nüchtern und kühl.[62] Doch macht gerade sein Anachronismus das von Bauer, Kippenberger und Schlick verkörperte romantische Künstlerbild so ungeheuer faszinierend – bzw. mythisch. Schließlich bezieht sich „ein Mythos […] immer auf vergangene Ereignisse: ,Vor der Erschaffung der Welt´ oder ,in ganz frühen Zeiten´ oder jedenfalls ,vor langer Zeit´“[63]

 

Optional: Abb.11 und 12: Postkarten zum Konzil der Lord Jim Loge und Postkarte mit Gorbatschow (auch ein Mitglied?)

 

 

 

 

 

Epilog: Der Mythos lebt

 

Medienecho, Empörung, Erzählungen, die Bewunderung des Publikums bis hin zu heftiger Ablehnung – kurz: diverse Mythen – bestätigen noch heute die Durchsetzungskraft einer Loge, von der niemand weiß, wer tatsächlich ihre Mitglieder sind. Allerdings gingen von der Loge seit dem Ableben Martin Kippenbergers im Jahre 1997 keine Aktionen mehr aus, 2005 sind auch noch Wolfgang Bauer und Jörg Schlick verstorben … Dennoch soll Lord Jim 2006 zu neuem Leben erwachen: „Im nächsten April kommt eine Überraschung“ kündigte Jörg Schlick in einem Telefonat wenige Tage vor seinem Tod an[64]. Was im April 2006 genau passieren wird, weiß niemand. Die Grazer Fama spricht von einer „feindlichen Übernahme“ des Logos „Sonne Busen Hammer“. Und von einer jungen Künstlergruppe. Es sind diesmal nicht die Lords, sondern eine „Göttin“, die involviert ist und in deren Galerie diese Überraschung stattfinden soll: „Das Logo lebt weiter, aber nicht mehr mit diesen drei, vier Begründern natürlich, sondern mit den anderen, das ist wie eine Globalisierung.“[65] Als Neider/innen, als Interessierte, als Außenseiter/innen, als Schreibende, als Kritiker/innen sind wir Teil dieser „Globalisierung“: Die Lord Jim Loge lebt.

 

Zitierte Literatur und Quellen:

 

Bauer, Wolfgang. 2002. „Das war die Haring“ in Europa erlesen. Graz, hg. v. Markus Jaroschka u. Gerhard Dienes. Klagenfurt: Wieser.

Braun, Lena. 1993. „Das Schweigen Der Lämmer“ in Barbie’s Queen Mary’s Doll House . Berlin: Boudoir.

———. 2005. „Lord Jim und Queen Barbie.“, unveröffentlichtes Manuskript

———. „Wer Ist Die Queen Barbie Loge?“ Undatiertes Manuskript.

Conrad, Joseph. 2002. Lord Jim. Eine Geschichte. Aus dem Engl. neu übersetzt, mit Quellentexten, Anmerkungen und einem Nachwort von Klaus Hoffer. München Zürich: Piper.

Die P2 Loge in Informationsdienst gegen Rechtsextremismus,
http://lexikon.idgr.de/p/p_2/p2/p2.php, v. 01.01.2006

 

Dusini, Mathias: Hier kommt der Eiermann, http://www.falter.at/print/F2003_23_2 v. 20.11.2005

 

Fiedler, Elisabeth. 1992. „Jörg Schlick oder ,Keiner Hilft Keinem´.“ Kontinuität und Identität. Festschrift Für Wilfried Skreiner., Hg. Peter Weibel, Christa Steinle, und Götz Pochat. Wien Köln Weimar: böhlau.

Fritzsche Bence. 1993. „Künstler als Logenbrüder.“ Atelier 6:14-17.

Grilj, Mathias. 2005. „Schizophren, aber locker. Der Dichter Wolfgang Bauer als Ikone.“ v. Falter Steiermark 35/05 vom 2.9.2005

I1 „Interview Mathias Grilj, 6.12.2005.“ Jauk Daniela; Unterweger Andreas.

I2 „Interview Gabriella Bleich-Rossi, 19.12.2005.“ Jauk Daniela, Unterweger, Andreas.

I3 „Interview Veronika Dreier, 27.12.2005.” Jauk Daniela.

Lévi-Strauss, Henri. 1967. Strukturale Antropologie. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Programmfolder Forum Stadtpark Oktober 1990

Rigler, Christine Hg. 2002. Forum Stadtpark – Die Grazer Avantgarde von 1960 bis heute. Wien Köln Weimar: böhlau.

Schlick, Jörg. 1994. Sonne Busen Hammer. Zentralorgan der Lord Jim Loge, Heft 1/1991 – 15/1996, Übersicht in Fiedler, Elisabeth. 1992. S.

———.Lebenslauf auf http://www.camera-austria.at/ca_bio.cfm?id=1272207132, 20.10.2005

 

Trenkler, Thomas. 1996. „Kulturzone Künstler ,Mafia´.“ Pp. 193-95 in Styrian Window. Bildende Kunst in Der Steiermark 1970-1995, Hg. Christa Steinle and Alexandra Foitl. Graz: Droschl.

———. 2005. „Jörg Schlick 1951 – 2005“. Der Standard v. 30.12.2005. Wien.

Wieser, Ilse. 2004. „Eva & Co – Künstlerinnengemeinschaft Und Erste Feministische Kulturzeitschrift Europas.“ WOMENT! Eine Würdigung Der Grazer Frauenstadtgeschichte. Dokumentation Und Lesebuch., Hg. Bettina Behr and Ilse Wieser. Innsbruck: Studienverlag.

[1] Conrad 2002:219 u. 556.

[2] Lévi-Strauss 1967:239

[3] I1. Mathias Grilj alias Max Gad: Journalist, Dramatiker, Regisseur und bildender Künstler, lebt in Graz.

[4] Dies ist nach unserem Wissensstand die genauest mögliche Zeitangabe. Jörg Schlick spricht von 1984 (vgl. I2).

[5] Schlick erwähnt als Gründungsmitglieder auch sich selbst und den Künstler Claus Schöner (vgl. I2). Dieser wiederum wird auch von Veronika Dreier erwähnt, die auch bei einer begründenden Sitzung dabei war, die in der Wohnung Schöners in unmittelbarer Nähe zur Haring stattgefunden habe (vgl. I3). Nach anderen Varianten habe Bauer Schlick am nächsten Morgen getroffen (vgl. I1) bzw. Schlick und Schöner am nächsten Morgen angerufen (vgl. Trenkler 1996:193). Grilj erwähnt den Maler Franz Ringel als stillen Beobachter (vgl. I1), lt. Gabriella Bleich-Rossi waren auch noch sie selbst, ihr Mann Alexander Bleich-Rossi und Bauers Frau Heidi Bauer anwesend (vgl. I2).

[6] Die „Propaganda 2“-Loge wurde 1981 beginnend mit einer Hausdurchsuchung bei dem Finanzmagnaten und Gründer Licio Gelli in Italien ausgehoben. Die rund 2500 Mitglieder hatten die Jahre zuvor durch Skandale, Morde und Bombenattentate an einem Staatsstreich gearbeitet. Vgl. Informationsdienst gegen Rechtextremismus. 2005.

[7] Vgl. I2

[8] Österreich ist zu dieser Zeit vom „Rechberger-Skandal“ gebeutelt („jeder dem anderen etwas zugeschoben hat“, Grilj) und Bauer liest gerade den Roman „Lord Jim“ von Joseph Conrad, der übrigens auch der RAF als Identifikationsliteratur diente, vgl. I1. „Mir ist der Lord Jim eingefallen“, erklärt Bauer, „weil das eine leicht suspekte, aber doch idealistische Figur ist.“ (Trenkler 1996:193)

[9] Diese recht neutrale Zeitangabe stammt von Thomas Trenkler (Trenkler 1996:193). Grilj spricht allerdings vom „nächsten Tag“, und zwar Vormittag, Bauer habe, so Grilj, „durchgemacht“ und sei dabei auf Schlick, Oehlen und Kippenberger gestoßen, die ebenfalls durchgemacht hätten. (vgl. I1)

[10] Bildende Künstler wie Kippenberger und Schlick bauten das Logo in ihre Werke ein, schreibende wie etwa Bauer signierten ihre Manuskripte mit einem von Schlick gestalteten Logenstempel. Überdies ließ Schlick, wie Mathias Grilj mitteilt, in der Schweiz luxuriöse Krawatten produzieren – „das Stück teurer als ein Puch-Moped“ (ein Mofa).

[11] Vgl. I1

[12] Bei Grilj (I1) „ein Bierdeckel“, bei Trenkler (Trenkler1996:193) und Gabriella Bleich-Rossi (I2) „ein Zettel“.

[13]Das Menschliche im Logo hat gefehlt“ wird Bauer zitiert von Bleich-Rossi I2 und Trenkler 1996:193.

[14] Gruppenausstellung 14. Februar – 12. März 1985 „Kritische Orangen für Verdauungsdorf“ – Wolfgang Bauer, Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Jörg Schlick, vgl. http://www.bleich-rossi.at v. 01.01.2006.

[15] Trenkler 1996:194

[16] I1. Zwei Interviewpartner sagen vorerst ein Interview ab, da es eine „Anmaßung“ sei, über die Lord Jim Loge zu sprechen, und weisen darauf hin, dass nur Jörg Schlick darüber sprechen könne. Dieser „autorisiert“ aus Krankheitsgründen nach zwei Telefonaten (28.11. und 5.12.2005) Gabriella Bleich Rossi, mit uns über die Loge zu sprechen. Jörg Schlick verstirbt während der Arbeit an diesem Artikel am 29.12.2005.

[17] Trenkler 1996:195, Fiedler 1992:121

[18] Wolfgang Bauer: „Die impressionistische Loge“ – der Text findet sich in „Sonne Busen Hammer Heft 1/1991“:22 Eine vollständige Bibliographie von „Sonne Busen Hammer. Das Zentralorgan der Lord Jim Loge“ findet sich in Rigler 2002:316f.

[19] Grond Walter: „Exzess des Paradoxen“, „Sonne Busen Hammer, Heft 2/1991, „Die Jubiläumsnummer“:35, Hervorhebung von den Autor/innen. Eine vollständige Bibliographie von „Sonne Busen Hammer. Das Zentralorgan der Lord Jim Loge“ findet sich in Rigler 2002:316f.

[20] Wolfgang Bauer in Trenkler 1996: 194.

[21] Trenkler 2005:26

[22] Siehe Abbildung: Das letzte Zentralorgan Heft 15/1996 – Die „Ex Junggesellennummer“ – ist allein der Hochzeit von Martin Kippenberger und Elfie Semotan gewidmet.

[23] I1

[24] Schlick zitiert von Bleich Rossi, I2.

[25] Vgl. u. a. I1, I2.

[26] Jim sei ja doch „einer von uns“, beteuert der Erzähler Marlow in Joseph Conrads Roman „Lord Jim“ seinen Zuhörern wieder und wieder (vgl. auch Fiedler 1992:115).

[27] Vgl. I1

[28] I1

[29] ebd.

[30] ebd.

[31] Dusini 2003

[32] Trenkler 1996:194

[33] Sic! Weder in einem der uns bekannten Texte noch in den Interviews mit männlichen Gründungsmitgliedern wird jemals die Anwesenheit von Frauen bei der Gründung erwähnt.

[34] I2, Hervorhebung von den Autor/innen.

[35] I1

[36] Vgl. Braun 2005.

[37] Vgl. Braun 1993:2

[38] Vgl.Braun undatiertes Manuskript

[39] Vgl.Wieser 2004:122-125

[40] Eva&Co, „die erste feministische Kulturzeitschrift Europas“ wird 1982 in Graz gegründet, gefolgt von der Gründung der Künstlerinnengemeinschaft Eva & Co 1986. 1992 wählt Eva&Co nach 24 Heften und vielen Aktionen mit einem Manifest von Veronika Dreier, Reni Hofmüller, Erika Thümmel und Eva Ursprung den „Freitod“.(vgl. Wieser 2004: 122-125 und I3).

 

[41] Vgl. I1 u. Bauer 2002:287

[42] Vgl. I1

[43]Ab Mittag hat man gewusst: wenn ich hineingehe, treffe ich Künstler.“ (I1)

[44] Bauer 2002:288.

[45] Henri Murgers im Vergleich zu Bauers Schilderungen geradezu bieder wirkender Roman „Scènes de la vie de bohème“ v. 1851, Vorbild für Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ (1896).

[46] Z. B.: „Artmann bestellte Branntwein für alle“, „Falk bestellt das Bier nur noch zehnfach“ … 288 f.

[47] Die Bandbreite reicht von Gesellschaftskritik („Gunter Falk entwickelt ebenso wie Oswald Wiener oder Hans Pögl Utopien“) über Blasphemie (Eugene Ionesco erklärte einen Dackel zu Gott) bis zur Gewalttätigkeit („Waldorf bringt einen Nierenschlag an“), vgl. Bauer 2002 288 f.

[48] „Allan Ginsberg […] lächelt den Buben zu, dazwischen oft aufregend schöne Frauen, die von dieser Höhle magisch angezogen werden, denn hier spielt sich´s ab, hier ist was los“, Bauer 2002:289

[49] „Bisinger schreibt ein Gedicht“, „Max Milo und Marin Petko intonieren eine Schreioper“, „Jörg Schlick weiß, wie´s in der Kultur langgeht“, Bauer 2002:289

[50]Fischerauer, Grilj und Bauer gründen die Lord Jim Loge, Kippenberger und Oehlen entwerfen den Stempel dafür“, Bauer 2002:289

[51] Vgl. I1

[52] Vgl. I1

[53] Trenkler 1996:195

[54] Wolfgang Bauer, Bernd Fischerauer, Günther Förg, Helmut Gansterer, Mathias Grilj, Martin Kippenberger, Michael Krebber, Christian Nagel, Albert Oehlen, Marin Petko, Jörg Schlick, Claus Schöner, Helmut Seiler, siehe Programm Forum Stadtpark Oktober 1990

[55] Vgl. I2: Vorgesehen war ein Band mit Fotos aus Wegwerfkameras.

[56] I1

[57]I1: „Erstmals haben Zeitungen gegen eine Kunstaktion Stellung bezogen.“ Jörg Schlick in: I2: „Die gesamte Presse war sich einig und reagierte mit einem Ton gegen uns, wie man vor fünfzig Jahren gegen die Kunst hetzte.“

[58] I1

[59] Vgl. Fritzsche Bence 1993:14, I2, Programmfolder Forum Stadtpark Oktober 1990

[60] Trenkler 1996:194.

[61] Trenkler 1996:193

[62] Grilj 2005:5

[63] Lévi-Strauss 1967:229

[64] Telefonat mit Jörg Schlick am 5.12.2005

[65] I3

 

 

 

manuskripte 228 – Marginalie (für Alfred Kolleritsch)

Posted in manuskripte, Trauer by andreasundschnurrendemia on 22. Juli 2020

Meine Marginalie zu Heft 228 der manuskripte, das morgen (Do, 23.7., 19 Uhr) im Forum Stadtpark präsentiert wird:

MARGINALIE

Alfred Kolleritsch ist gestorben.

Er, der die manuskripte 1960 erfunden und dann sechs Jahrzehnte lang Heft für Heft neu erfunden hat. Der für die von ihm herausgegebene Zeitschrift anfangs oft kritisiert, beleidigt, sogar angeklagt, bald aber zum Glück auch ausgiebig gefeiert wurde. Alfred Kolleritsch, Herz und Seele der manuskripte, oder, um Bilder aus seinen wunderbaren Gedichten zu verwenden: Wurzel und Stamm dieses „Herzbaums“ aus Papier, der auch im aktuellen Quartal wieder rund 150 „Herzblätter“ umfasst.

Wenige Tage vor seinem Tod Ende Mai hielt er die Mappe mit den für diese Ausgabe ausgewählten Texten noch in Händen, schaute sie gründlich durch und gab dem Konvolut seinen Segen. Abgesehen von einigen notwendigen Kürzungen und ein, zwei erst später eingetrudelten, aber schon davor bestellten Texten haben wir nichts mehr am Heft verändert.

Alfred Kolleritsch ist gestorben.

Was er nicht nur für die manuskripte, sondern auch für die ohne ihn unvorstellbare „Kulturhauptstadt“ Graz, ja, für die österreichische, die deutschsprachige, nein, für die Literatur überhaupt bedeutet hat, lässt sich in einer Marginalie nicht unterbringen.

Nachrufe wie die von Elfriede Jelinek (ORF), Klaus Kastberger (Falter), Paul Jandl (NZZ) oder Thomas Stangl (Die Furche) stellen erste Schritte dar, über die wir uns gefreut haben.

Weitere Versuche werden in der im Oktober erscheinenden Ausgabe 229 der manuskripte unternommen. Grabreden und Widmungsgedichte, Erinnerungen und Würdigungen, Nachrufe und Anekdoten von WeggefährtInnen sollen das vielschichtige Porträt seiner so vielseitigen Persönlichkeit ergeben.

Alfred Kolleritsch ist gestorben.

Dass mit seinem Leben, was naheliegend erscheinen könnte, auch die manuskripte enden sollen, war nicht seine Absicht. Im Gegenteil. Einer früh formulierten Poetik folgend betonte er immer wieder die „Offenheit“ seiner Zeitschrift. „Weiterschreiben“ war nicht nur der oft gegebene Ratschlag an junge Schreibende, sondern sein Leitspruch für alle Lebenslagen. So gesehen war es nur konsequent, sein Lebenswerk manuskripte auch vom eigenen Tod nicht beschließen zu lassen. Deshalb hat er mich Ende 2016 zum „Mitherausgeber“ bestellt. Unvergesslich sind mir seine Worte bei der Präsentation der manuskripte 213 (2016): „Es ist so, dass ich glücklich bin, dass ich nun, über 50 Jahre einsam, nicht mehr allein am Heft arbeiten muss. Ich habe einen gleichrangigen Begleiter bekommen – bis dorthin, wo dann er einsam wird.“

Dort bin ich nun also – leider, und früher als erwartet! – angekommen. Aber bin ich auch einsam? Nein, so fühle ich mich nicht. Tatsächlich scheint mir die Zeit, in der ich mit dir, lieber Fredy, die manuskripte mitherausgeben durfte, jenem märchenhaften Paris ähnlich, von dem Hemingway meinte: „Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst.“ Das Glück, dir begegnet zu sein und so eng mit dir arbeiten, dir so nah sein zu dürfen, ist mir ein moveable feast, ein beweglicher Feiertag, ein Fest fürs Leben.

Heft 228 der manuskripte eröffnet mit den Texten eines dichten Corona-Kapitels, dessen Beiträgen gemeinsam ist, dass sie Augenblicksaufnahmen aus dieser für uns alle belastenden Phase in einen größeren Rahmen setzen: „Corona mit Hölderlin“ – der Titel von Ilma Rakusas Gedichtzyklus ist Programm.

Ein weiteres Kapitel widmet sich dem Gedenken Hans Eichhorns, der Anfang 2020 viel zu früh verstorben ist. Umrahmt von einer persönlich-poetischen und einer germanistischen Widmung bilden vier seiner Gemäldepostkarten, die über rund 15 Jahre fast täglich in der Redaktion eintrafen, das bildnerische Herz des Heftes. Hunderte weitere warten bei uns im Büro darauf, von GaleristInnen entdeckt zu werden.

Das Erfreulichste zum Schluss: Neben einer Auswahl von exzellenten Texten arrivierterer AutorInnen (wie etwa Angelika Reitzer, Lydia Mischkulnig, Uroš Zupan, Wolfram Malte Fues, Matthias Göritz oder Anna Baar) finden sich in den manuskripten 228 gleich vier waschechte Debüts: Katharina Godler, Samira Lechner, Sandro Paul und Sophia Schnack erleben ihre allererste Veröffentlichung. Auch sie werden, davon bin ich überzeugt, weiterschreiben.

Andreas Unterweger, Graz, Juli 2020.

***

Juni 2019

P.S.

Heft 228 der manuskripte wird am Donnerstag, den 23.07.2020, um 19 Uhr, im Forum Stadtpark in Graz präsentiert.

Es lesen Katharina Ingrid Godler (Prosa) und Sophia Schnack (Lyrik).
Schauspieler Felix Krauss liest das Monodrama Liebe Frau Krauss von Matthias Göritz.

Moderation: Andreas Unterweger, Begrüßung: Heidrun Primas

Aufgrund der Corona-Beschränkungen wird um Anmeldung unter office@forumstadtpark.at oder 0316/827734 (Di-Fr, 10-15 Uhr) gebeten.

„Wo bist du?“ (Grabrede für Alfred Kolleritsch auf Radio ORF Steiermark, Literatur spezial)

Posted in manuskripte, Trauer by andreasundschnurrendemia on 6. Juli 2020

Meine Grabrede für Alfred Kolleritsch wurde von ORF Steiermark aufgenommen und am 5.7. in „Literatur spezial“ gesendet. Bis Samstag, den 11.07.2020, war die Sendung noch in der ORF Radiothek nachzuhören. Moderation: Ilse Amenitsch. Hier ein Bootleg der Aufnahme:

(c) Christian Jauschowetz

Der Text wird gemeinsam mit anderen Grabreden, Erinnerungen und Einordnungen, Anekdoten, Grüßen und Würdigungen in manuskripte 229 (Oktober 2020) veröffentlicht.

*

Weitere Berichte über die Verabschiedung in Mureck erschienen in

Steiermark heute, ORF Steiermark (TV), mit Interviews mit Barbara Frischmuth und mir (u.a. über Alfred Kolleritschs Vermächtnis), gestaltet von Ilse Amenitsch und Gernot Rath …

… in der Kleinen Zeitung (von Werner Krause)

und in der Kronen Zeitung (von Hannah Michaeler).

 

 

„In großen Fußstapfen“ (Der Standard v. 10.06.20)

Posted in manuskripte, Trauer by andreasundschnurrendemia on 10. Juni 2020

Heute in Der Standard: Michael Wurmitzer hat mich dazu befragt, wie es nach dem Tod meines lieben Freundes und Herausgeberkollegen Alfred Kolleritsch mit den manuskripten weitergeht.

 

Danke für die Geduld beim ausführlichen Telefon-Interview und bei der grafischen Tüftelei mit den Schnappschüssen aus unserem Büro, lieber Herr Wurmitzer!

Update: Hier der Link zur Online-Ausgabe des Artikels.

7 Grazer Glücksversprechen II

Posted in Grazer Glossen, Trauer by andreasundschnurrendemia on 21. Juni 2015

Noch einmal mein Text aus dem von Luise Kloos 2012 bei edition keiper herausgegebene “Citybook” Graz (mit schönen Beiträgen von Werner Schandor, Andrea Stift u. a.) – von Schauspieler Rudi Widerhofer sehr, sehr gut vorgelesen (Beginn der Lesung ca. 2:50, Text darunter):

(Video vom arrivierten Jungregisseur Edwin Rainer alias voiceinspiration – besten Dank)

7 Grazer Glücksversprechen

 1

Schließ die Augen. Stolpere so bis zum Hochhaus am Lendplatz (dem mit der Uhr drauf), fahr
mit dem Lift bis ganz hinauf, zur Waschküche, taste dich an ein Fenster … Öffne die Augen.

2

Warte auf den heißesten Tag des Jahres. Wandere dann, auf dem größtmöglichen Umweg,
zum Landhaushof, setz dich unter die Arkaden. Die Bänke dort liegen seit 1505 im Schatten.

3

Geh die Keplerstraße auf und ab (oder die Kärntner Straße oder die Conrad-von-Hötzendorf-
Straße oder die Triester Straße oder die Grabenstraße …) – so lange, bis es zu regnen beginnt.

4

Leg dich unter den Hummelbaum – Yggradsilkrone aus summenden Blüten – im Innenhof der
Universität. Leg den Wittgenstein weg, die Zigaretten weg. Beginn die Hummeln zu zählen.

5

Lauf am linken (oder rechten) Murufer entlang nach Norden (oder Süden). Lauf unter der
letzten Brücke durch. Lauf, bis der Weg endet, die Welt endet, der Wald beginnt. Lauf weiter.

6

Lern Fahrradfahren im Volksgarten. Versuch es immer wieder – bis deine Zähne nicht mehr
den Boden berühren. Versuch das dann mit den Knien. Mit den Füßen. Dann: mit den Reifen.

7

Mach dir Freunde in Andritz. Tauch unter in ihrem Swimmingpool. Werde ein erstes gelbes
Blatt, ein Katzenhaar, ein Pingpongball. Treib so (so langsam es nur geht) aufs Meer hinaus.

Sommer der Liebe

Posted in Das gelbe Buch, Nachrichten aus dem Guten Morgen-Land, Trauer by andreasundschnurrendemia on 1. Juni 2015

Das Getränk zum Buch:

„Sommer der Liebe“*

1/8 l Bio-Weißwein, 5/8 l kaltes Leitungswasser, 3-7 Blätter Zitronenmelisse.

Die gut gekühlte Flasche in eine Badetasche packen und am ersten richtigen Sommertag des Jahres am Badesee (oder Fluss, Meer …) langsam, aber konsequent, austrinken.

* Nach Tom Tom, in Erinnerung an die Sommer mit ihm (6.11.77-1.6.11).

Der liebe Herr Breisach

Posted in Trauer by andreasundschnurrendemia on 11. Januar 2015

Der liebe Herr Breisach ist gestorben.

Über all seine offiziellen Verdienste schreibt Werner Krause schön in der Kleinen Zeitung.

Ich werde immer in dankbarer Erinnerung behalten, wie er als Jurymitglied meine Erzählung „Grasberg“ trotz womöglich (tatsächlich?) falscher Gattungsmerkmale (Short Story) zum 2. Platz beim Literaturwettbewerb der Akademie Graz 2007 gepusht hat.
Zu seinem 90. Geburtstag habe ich ihm die ersten, handschriftlichen Notizen zu dieser Erzählung, die er treffend als „eine von Endzeitstimmung geprägte Liebesgeschichte in musikalisch-rhythmischer Sprache“ bezeichnet hat, geschenkt – und damit einige der zauberhaftesten Momente, die mein Schreiben bislang zu bieten hatte.
Damals (Sommer 2006) fuhr ich schon ein paar Wochen lang mit einem gewissen Gefühl, aber im Wesentlichen sprachlos, sprich: Erster-wahrer-Satz-los, durch Europa. Eines sonnigen Katervormittags in Stuttgart nahm mich mein Freund Hans dann mit in eine kleine Kunstausstellung. Wir gehen hinein, dort ist ein Tisch, ein Buch darauf, Patti Smith, ich schlage es auf, lese: „Es war alles ein Traum.“ Der Rest war dann einfach.

Möge das Gras sie „ganz ganz weich, ganz ganz zart“ zugedeckt haben, lieber Herr Breisach.

Tagged with: ,

Geh ´nause´!

Mein Beitrag zu:

k ein h aus

Szenischer Abend in 10 Stationen mit dramatischen Kurztexten von Valerie Fritsch, Anselm Glück, Elfriede Jelinek, Stefan Schmitzer, Monique Schwitter, Clemens Setz, Gerhild Steinbuch, Peter Turrini, Andreas Unterweger und Josef Winkler.
Zum 10. Geburtstag des Literaturhauses Graz

Mitwirkende SchauspielerInnen: Katharina Paul, Sebastian Reiß, Susanne Weber, Rudi Widerhofer
Musik: Robert Kreš (Geige), Lothar Lässer (Akkordeon)
Regie: Danielle Strahm, Regieassistenz: Julia Hager, Ausstattung: Manuela Pirozzi

Vorstellungstermine: 15., 16., 21., 24., 25., 26., 27. Mai und 1., 2., 3. Juni 2013, Beginn: jeweils 19.30 Uhr

Geh „nause“!

 10 x 3 Wegbeschreibungen

zum 10. Geburtstag
des Grazer Literaturhauses
(eröffnet ´03)

Schick deine Homies vor: nach Tokio, Narita Airport. Lass sie dort Gösser saufen, Schnitzel
futtern, furzen. Und die Gates mit Cif putzen – bis es riecht wie in Wien-Schwechat. Dann:

komm du.

*

Geh heute ausnahmsweise einmal zum Spar, nicht zum Billa. Such dort so lange nach deinem
Lieblings-Bio-Bulgur, bis du im Labyrinth schluchzend zusammenbrichst … Dann: geh rüber

zum Billa.

*

Mal die traurigen Hügel dort, die zum Weinen sind, wenn man sie in der Sonne anschaut. Mal
dir ein gelbes Haus darauf, mit großen Fenstern, einer roten Tür. – Öffne die Tür. Schließe sie

(hinter dir).

*

Überschütte dich mit Benzin. Leg den Sprengstoffgürtel an, die Schlinge um. Steck dir die
Pumpgun in den Mund, die Pillen, setz die Rasierklinge an … Steig aufs Brückengeländer.

Spring – nicht.

*

Streichle deine Katze – mit der Nasenspitze – im Nacken, wo sie es am liebsten hat. Atme den
Wellenrausch der Wiese ein, die Gischt des Taus, das gelbe Flimmern, das so schläfrig macht.

Bleib so.

*

Spring in den Bach neben der Autobahn. Tauch ein – in seine ganze Länge: stell dir den Biber
vor, mit dem du dir das Wasser teilst, den Wels; denk an den Aal auf seinem Trip ins Meer …

Folge ihm.

*

Gib die Kontaktlinsen raus – und fahr mit U-Bahn, Tram und Bus (wobei du mindestens
fünfmal umsteigst) zu einer Adresse, wo du noch nie zuvor gewesen bist. Gib dort die Linsen

wieder rein.

*

Warte auf die erste Schneesturmnacht des Jahres. Steig dann in deinen Truck und fahr über
den Wechsel (oder die Rocky Mountains [oder sonst ein Gebirge]). Halte beim erstbesten

Parkplatz danach.

*

Dreh die Zeit zurück – bis zu jenem Sonne-auf-Augen-zu-gelben Augenblick, der deiner
ersten Erinnerung unmittelbar vorausgeht. Schau dich um. Präge dir alles ganz genau ein, und

„vergiss“ es.

*

Zieh ins Tonstudio. Nimm dort – Nacht für Nacht, sobald sie schläft – die Atembrandung
deiner Liebe auf. Gib die Ohropax raus, die Kopfhörer rein – wenn du allein bist, später dann,

im Sarg.

*

Erbe das Rezeptbuch deiner Großmutter. Entziffere ihre Handschrift. Bereite das „Hendl“ zu,
die „Fülle“, den „Saft“ – ganz genau so, wie sie es immer gemacht hat. Koste. – Nein, das

funktioniert nicht.

*

Warte auf die Regenzeit. Steig dann – allein – auf den Hohenstein (oder den K2 [oder sonst
einen Berg]). Krall dich in den Fels. Zieh dich hoch. Kriech zum Schutzhaus. Rette dich: in

den Notraum.

*

Trag immer bei dir: das Frosch-Spülmittel, den Denk mit-Schwamm, das Geschirrtuch aus
Frankreich (mit den roten Birnen drauf). Und wohin es dich auch verschlagen mag: mach du

den Abwasch.

*

Erbe den Toaster deiner Großmutter. Stell ihn auf den Küchentisch – wie eine Vase (Urne?) –,
steck ihn an. Schieb keine Scheibe Toast hinein. Setz dich. Drück den Hebel nach unten. Und

jetzt: schnuppere.

*

Komm nicht auf blöde Ideen wie diese. Hab nicht so viel getrunken, nichts geraucht, sei gar
nicht erst mitgegangen. Und: schau nur, geh nicht hinein. Nein, schau nicht einmal. Geh nicht.

Geh nicht.

*

Erbe die Uhr deines Großvaters. Leg sie in dein Bett, neben dich – und wenn du nachts nicht
schlafen kannst, dann schau, wie früher, zu ihr hin: Wie ihr Ziffernblatt leuchtet! Wie sein

Herz tickt!

*

Hör heute ausnahmsweise einmal früher auf zu arbeiten. Nein: fang gar nicht erst an. Lass dir
zum Frühstück Pizza kommen, Eis und Bier, hau dich aufs Sofa, schau Sitcoms. Und hab ein

gutes Gewissen.

*

Finde deinen Platz. Such das Haus ab, den Garten, die Straße. Versuch´s unter der Tanne, auf
ihr, in der Restmülltonne. Such, bis es Nacht wird – Tag wird – such weiter … Bleib dort, wo

du zusammenbrichst.

*

Tausch Platz mit deinem Spiegelbild. Sei Immigrant im Wunderland, lern Jabberwocky,
gewöhn dich an den Linksverkehr. Schau dich an – im Rückspiegel. Und erkenne dich selbst

nicht wieder.

*

Zieh aufs Klo. Lern im Sitzen zu schlafen, mit Fliesen zu kuscheln, sprich mit dem Klobesen,
wenn du ihn gießt … Wisse: du kannst aufatmen. Jetzt (endlich!) bist du in keinem Haus mehr

ein Fremder.

*

Zieh ins Literaturhaus. Geh dabei so vor: Versteck dich während dieser Vorführung (z. B.
hier, im Text), lass dich einsperren. Und wenn alle fort sind: hol die neue Mickey Mouse raus

und lies.

*

Warte auf den heißesten Tag des Jahres. Wandere dann, auf dem größtmöglichen Umweg,
zum Grazer Landhaushof, setz dich unter die Arkaden. Die Holzbänke dort liegen seit 1505

im Schatten.

*

Stell den Schuh wieder hin. Nimm den Finger vom Sprayknopf, kehr das Backpulver auf,
kämm das Schneckenkorn aus der Wiese. Zieh den Gelsenstecker raus. Entrolle die Zeitung.

Tu´s nicht.

*

Frag dich auf Stoasteirisch durch Mumbai (oder Guǎngzhōu [oder Seoul [oder Lagos]]) – bis
dir jemand auf Stoasteirisch antwortet. – Aber nein. Das vergiss gleich wieder. Dieser Weg ist

zu einfach.

*

Lies alles über Bob Marley. Tourtagebücher, Memoiren, das Rastafari Kochbuch. Analysier
seine Riffs, die Chiffren, sezier die Verwandlung von Fleisch in Musik. Dann aber: steh auf

und tanze.

*

Schau deinem Laptop dabei zu, wie er abstürzt. Wie das Warnfenster flackert, die Lüftung
aufjault, diese Zeile erlischt. Erlebe drei bange Minuten. Schalte das Ding wieder ein. Siehe:

alles okay.

*

Fahr in die Arktis, stürz dich von einer Klippe, werde die Möwe, die du in Wirklichkeit bist.
Merke: du bist der größte, stärkste Vogel hier draußen – niemand fliegt so hoch wie du. Dann:

lande wieder.

*

Lass dich von deinem Schatten scheiden. Wisch die Angst aus deinen Augenwinkeln, leg den
Trauerflor ab, der dich fesselt. Sag den Gleichnissen adieu, den Höhlen. Dreh dich um, blinzle

ins Licht.

*

Hör auf den Herzschlag deiner Mutter. Schaukle im Wellenrausch des ersten Meers, Eigelb
und Flimmernis … Dann aber: dreh dich, winde dich da raus. Wir versprechen dir: es kommt

noch besser.

*

Mach nur noch das, was deine Tochter sagt: Räum die Sonne weg! Blas die Brennnesseln aus!
Entschuldige dich bei den Regentropfen! Komm immer mit/schau immer zu/bleib immer da!

Geh „nause“!

Abder

Posted in Trauer by andreasundschnurrendemia on 15. März 2013

Mein Freund Abder, der kabylische Filmemacher und Schriftsteller Abderrahmane Bouguermouh, ist im Februar in Algier verstorben.

Ich durfte sein Buch „Anzaâ oder die Erinnerung“, Auszüge aus Romanen und Essays, ins Deutsche übersetzen (Steirische Verlagsgesellschaft 2002).
In meiner Erinnerung bleibt nicht nur die intensive und schöne Arbeit mit den französischen Texten, sondern vor allem Abders so großzügige und warmherzige Gastfreundschaft, die er, damals ein Exilant, mir erwiesen hat – sei es nun auf dem Schlossberg in Graz (Zigaretten und Whiskey, mit durchs Fenster trippelnden Eichhörnchen) oder im Pariser Plattenbau (Couscous , Rotwein, kabylische Volkslieder bis spät in die Nacht).

Adieu, Abder!

Hier Auszüge aus dem Nachruf von Luise Grinschgl (Kulturvermittlung Steiermark/Internationales Haus der Autoren Graz/ Cultural City Network Graz):

„Abderrahmane Bouguermouh*, geboren 1936 in der Kabylei und dem Stamm der
Berber (der Volksstamm zählt etwa vier Millionen Angehörige, wovon etwa
die Hälfte ins Ausland, hauptsächlich nach Frankreich emigriert ist)
zugehörig, lebte und arbeitete von *Dezember 2000 bis Juli 2002 als
„writer in exile“ in Graz*. Sein Leben war geprägt vom Einsatz für die
Anerkennung der Berber in Algerien sowie des „Tamazight“
(Berbersprache). Bouguermouhs Haltung zu den Berbern brachte ihm
Schwierigkeiten mit den staatlichen Stellen in Algerien ein und führte
zu seinem Ausschluss aus dem nationalen Film-Zentrum, dessen
Mitbegründer er war. Ärger bekam er auch wegen der Realisierung eines
Filmprojekts in der Sprache der Berber (1965); die Ausstrahlung des
Films wurde verboten. In der Folge wurde Bouguermouh vom allgemeinen
Überwachungsdienst beschattet, sein Telefon wurde abgehört. Zwischen
1968 und 1980 war er nicht nur von jeglicher geistig-kreativer Arbeit
ausgeschlossen, sondern konnte auch nichts veröffentlichen. Da er keine
Ausreisegenehmigung erhielt, dokumentierte er alles, was ihm widerfuhr
— es entstand die Idee zu einem Roman. In den folgenden Jahren nahmen
die Unruhen im Land zu. Zwar konnte er trotz großer Schwierigkeiten
verschiedene Filmprojekte realisieren, doch nachdem er 1997
den“Berberfilm“ „La Colline Oubliée“ gedreht hatte, wurde er von den
Fundamentalisten zum Tode verurteilt und entging bei der Filmpremiere in
Paris nur knapp einem Attentat, wurde dabei aber verletzt.

1998 erhielt er von der Heinrich-Böll-Stiftung ein einjähriges
Arbeitsstipendium. Danach wurde ihm im Rahmen des
Städte-der-Zuflucht-Programms der Stadt Graz bis August 2002 ein
Stipendium in Graz gewährt, wo auch sein in Paris verlegter Roman
„Eclipse“  entstand. Von September 2002 bis September 2003 war
Abderrahmane Bougermouth Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des
PEN. 2009 erschien sein Roman „Anza“. Abderrahmane Bouguermouh ist am 3.
Februar 2013 kurz vor seinem 77 Geburtstag nach langer Krankheit in
Algier, Algerien gestorben.“

Luise Grinschgl

Und hier ein Nachruf auf Al Jazeera (arabisch, schöne Bilder, Filmausschnitte):

Sodom und Gomorra

Posted in Grazer Glossen, Trauer by andreasundschnurrendemia on 11. Juli 2011

Gestern in G7, der Sonntagsbeilage der Kleinen Zeitung in Graz:

SODOM UND GOMORRA

Die einzige WG, in der ich jemals gewohnt habe, war eine Utopie. Wobei der Ausdruck „Utopie“, also „Nicht-Ort“, irreführend ist. Schließlich gab es den Ort, die leerstehende Wohnung meiner Großeltern im Lendplatz-Hochhaus, ja tatsächlich – nur lebte darin eben nicht (NOCH nicht, wie ich damals dachte) jene Wohngemeinschaft, die die Welt verbessert hätte: mein Freund Tom Tom und ich.
Wir waren siebzehn Jahre alt. Morgen für Morgen schleppten wir uns zur Schule, um dort über imaginären Zahlen, toten Sprachen und anderen Scheinproblemen zu brüten. Das Leben war anderswo. Im Café Cäsaro etwa, wo wir in langen, von süßem Cider und starkem Tobak befeuerten Dialogen das Wesen des Glücks definierten – jenes WG-Glücks, das uns, wie wir hofften, schon bald („nach der Matura!“) erwarten würde.
Ich will hier nicht auf die Details unserer Vision eingehen – erstens sind es zu viele, zweitens kommt es darauf nicht an. Sagen wir einfach so: Wie alle (positiven) Utopisten seit Platon schafften auch wir jene Dinge ab, die uns auf die Nerven gingen, und erhoben die zum Gesetz, die Spaß machten, aber verboten waren. Freilich: Gegen das, was Tom Tom und mir vorschwebte, stank der platonische Ideal-Staat ab wie eine von da Vincis Flugmaschinen gegen Keith Richards´ Party-Jet.

Es versteht sich von selbst, dass die Verwirklichung unseres WG-topias letztlich verhindert wurde. Für eine so gute Idee wie diese wird die Welt (die immer eine von Eltern regierte sein wird) nie bereit sein. Was uns jedoch niemand nehmen konnte, war das Wissen, dass unser Traum in jenen Momenten, da wir ihn GEMEINSAM geträumt hatten, ohnehin bereits wahr geworden war …
Als wir uns (heimlich) den Schlüssel nachmachen ließen, z.B.: erst die Angst, von Mister Minit als Einbrecher entlarvt zu werden – dann: unsere diebische Freude … Oder, kurz darauf, die erste (inoffizielle) Wohnungsbesichtigung: Wir schlichen durch die Zimmer, flüsterten, machten nicht einmal Licht an – niemand war jemals so frei … Und natürlich – ein Jahr vor dem avisierten Bezugstermin (wann sonst?) – der Kauf des WG-Haustiers.
Ein Wellensittich sollte es sein – weil jemand erzählt hatte, dass er den seinen darauf dressiert habe, ihm Zigaretten zu bringen. Und da jemand anderes meinte, allein zu wohnen sei auch für ein Vogerl kein Glück, kauften wir – um unser ganzes Geld – zwei: ein quirliges, gelb-grün gezeichnetes Männchen und ein Albino-Weibchen, groß und stark. Es war Tom Tom, der ihnen ihre Namen gab – die coolsten Namen, zweifellos, die Wellensittiche jemals getragen haben (s. Titel).

Schon bald werden sie am Himmel unserer Künstler-WG fliegen, jeder eine Zigarette im Schnabel: eine für dich, eine für mich… Schon bald wirst du mein WG-Bruder sein, werden wir im gelobten Lend logieren, wird uns ganz Graz, diese verkappte Paradise City, where the grass is green and the girls are pretty, zu Füßen liegen …
Bis dahin aber bleiben die zwei Vögel noch bei den Eltern wohnen (meinen), zwitschern ein bisschen, fressen, dösen – und nur wenn sie, im Spiel, die Flügel öffnen, kommt Leben in ihren goldenen Käfig.

Für Thomas Mossböck (1977 – 2011)