Andreas Unterweger

Abder

Posted in Trauer by andreasundschnurrendemia on 15. März 2013

Mein Freund Abder, der kabylische Filmemacher und Schriftsteller Abderrahmane Bouguermouh, ist im Februar in Algier verstorben.

Ich durfte sein Buch „Anzaâ oder die Erinnerung“, Auszüge aus Romanen und Essays, ins Deutsche übersetzen (Steirische Verlagsgesellschaft 2002).
In meiner Erinnerung bleibt nicht nur die intensive und schöne Arbeit mit den französischen Texten, sondern vor allem Abders so großzügige und warmherzige Gastfreundschaft, die er, damals ein Exilant, mir erwiesen hat – sei es nun auf dem Schlossberg in Graz (Zigaretten und Whiskey, mit durchs Fenster trippelnden Eichhörnchen) oder im Pariser Plattenbau (Couscous , Rotwein, kabylische Volkslieder bis spät in die Nacht).

Adieu, Abder!

Hier Auszüge aus dem Nachruf von Luise Grinschgl (Kulturvermittlung Steiermark/Internationales Haus der Autoren Graz/ Cultural City Network Graz):

„Abderrahmane Bouguermouh*, geboren 1936 in der Kabylei und dem Stamm der
Berber (der Volksstamm zählt etwa vier Millionen Angehörige, wovon etwa
die Hälfte ins Ausland, hauptsächlich nach Frankreich emigriert ist)
zugehörig, lebte und arbeitete von *Dezember 2000 bis Juli 2002 als
„writer in exile“ in Graz*. Sein Leben war geprägt vom Einsatz für die
Anerkennung der Berber in Algerien sowie des „Tamazight“
(Berbersprache). Bouguermouhs Haltung zu den Berbern brachte ihm
Schwierigkeiten mit den staatlichen Stellen in Algerien ein und führte
zu seinem Ausschluss aus dem nationalen Film-Zentrum, dessen
Mitbegründer er war. Ärger bekam er auch wegen der Realisierung eines
Filmprojekts in der Sprache der Berber (1965); die Ausstrahlung des
Films wurde verboten. In der Folge wurde Bouguermouh vom allgemeinen
Überwachungsdienst beschattet, sein Telefon wurde abgehört. Zwischen
1968 und 1980 war er nicht nur von jeglicher geistig-kreativer Arbeit
ausgeschlossen, sondern konnte auch nichts veröffentlichen. Da er keine
Ausreisegenehmigung erhielt, dokumentierte er alles, was ihm widerfuhr
— es entstand die Idee zu einem Roman. In den folgenden Jahren nahmen
die Unruhen im Land zu. Zwar konnte er trotz großer Schwierigkeiten
verschiedene Filmprojekte realisieren, doch nachdem er 1997
den“Berberfilm“ „La Colline Oubliée“ gedreht hatte, wurde er von den
Fundamentalisten zum Tode verurteilt und entging bei der Filmpremiere in
Paris nur knapp einem Attentat, wurde dabei aber verletzt.

1998 erhielt er von der Heinrich-Böll-Stiftung ein einjähriges
Arbeitsstipendium. Danach wurde ihm im Rahmen des
Städte-der-Zuflucht-Programms der Stadt Graz bis August 2002 ein
Stipendium in Graz gewährt, wo auch sein in Paris verlegter Roman
„Eclipse“  entstand. Von September 2002 bis September 2003 war
Abderrahmane Bougermouth Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des
PEN. 2009 erschien sein Roman „Anza“. Abderrahmane Bouguermouh ist am 3.
Februar 2013 kurz vor seinem 77 Geburtstag nach langer Krankheit in
Algier, Algerien gestorben.“

Luise Grinschgl

Und hier ein Nachruf auf Al Jazeera (arabisch, schöne Bilder, Filmausschnitte):