Andreas Unterweger

In Zeilen wie diesen #2 (feat. Isa Riedl, Galerie Marenzi)

Posted in In Zeilen wie diesen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 15. Mai 2020

20+20 Zeilen aus den Zeiten, die wir gerade erleben – Teil 2 meiner Auftragsarbeit für die Leibnitzer Galerie Marenzi.
Dazu ein Gespräch mit der großartigen Grazer Künstlerin Isa Riedl, deren Arbeiten eben in der Galerie zu sehen sind. Wir sprechen über etwas, das uns verbindet: (Bilder von) Einfamilienhäuser(n).

Zur leichteren Verständlichkeit der gelesenen Passagen (allem, was in der Galerie Marenzi passiert, widerfährt gewaltiger Nachhall!), hier der Text zum Mitlesen:

***

IN ZEILEN WIE DIESEN 2

*

In jenen Tagen boomte die Gattung Tagebuch. Das verschärfte
natürlich die Krise, zumal bei Schriftstellern wie mir, deren Bücher
schon davor Tagebücher gewesen waren. Bald würde man wohl
einen Roman schreiben müssen, um als formal originell zu gelten!
Vorerst aber käuten wir alle täglich dieselben Schlagzeilen wieder.

Gemeinsam entdeckten wir etwa Banksys neues Bild. Es zeigte
einen Superhero, der war weder Bat- noch Gürteltierman, sondern
eine anonyme Krankenschwester in Supermanpose. Alle auf der
Station jubelten. Erst als einer rief, auch Banksy habe damit einfach
nur sich selbst dargestellt, löste die Polizei die Versammlung auf.

*

Nein, es war nicht die Zeit, Verschwörungstheorien zu verbreiten.
Aber wirkte es denn nicht suspekt, dass just jener Kanzler, von dem
ein späterer Literaturnobelpreisträger schon vor Jahren gesagt
hatte, er ähnle einer der Masken aus Gummi, die sich Bankräuber
übers Gesicht ziehen
, nun eine ausgeweitete Maskenpflicht ausrief?

Kein Wunder, dass alle dieselben Alpträume kriegten: War man
früher vor Un-Toten geflüchtet, so waren es nun Un-Maskierte, die
einen verfolgten … Wir Kunstschaffenden freilich hatten auch dies
längst vorhergesehen. In meinen eigenen Träumen (= Büchern) z.
B. trugen die Leute, und zwar alle, seit jeher schon keine Masken.

*

Auch Einfamilienhäuser sind Menschen, und ich war nicht allein,
wenn ich am Abend Richtung Wagna joggte. Der eine blinzelte
mir, aus geröteten Bewegungsmeldern, argwöhnisch entgegen, der
andere schloss die Rouleaus vor Angst, und dieser hier, hinter
seinem Quarantänevollbart aus Thujen, knurrte mich sogar an.

Und doch, welch Glück, gesehen zu werden (oder zumindest:
beobachtet)! Und Menschen zu sehen – selbst solche, steif und von
geradezu rührend altmodischer Abgründigkeit: „Gestatten, Riedl!“
„Hopper, angenehm!“ „Na, und wer bist du?“ „Ich bin der kleine
Psycho!“ – Menschen zu sehen, also: Mensch, was für ein Glück!

*

In Frankreich hieß es: état de guerre sanitaire. Dort reimte sich
wieder alles – wie bei Baudelaire die Ästhetik des Hässlichen. Von
Flaubert und seiner noch nervöseren Poetik der Gehässigkeit ganz
abgesehen. Aber, bei aller décadence, am Ende war es dann doch
nur eine Frage, die zählte: L´état de guerre sanitaire, c´est moi?

 

Und die, wie alle FAQs, ist sociale … Und während „wir“ im
Frühjournal kaum noch ins Ausland kamen, während le village
global
so rasch wuchs wie der Ölpreis fiel, zogen die banlieues im
selben Maß, mit dem ihr body count jenen des XVIème Arr. hinter
sich zurückließ, ihren Belagerungsring enger um die/das capital€.

***

Aus der Serie „Mutationen“ von Isa Riedl:

Mehr Fotos von den Dreharbeiten in der Galerie Marenzi …

… finden sich hier!

Zuhausebleiben ist eine Kunst! (Kulturzeitung 80)

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 5. Juni 2018

Mein Beitrag zur jüngsten Ausgabe der Grazer Kulturzeitung 80: Vormittag eines Schriftstellers – in Leibnitz …

Kulturregionen im Portrait: Leibnitz und die Weingegend der Südsteiermark.

Zuhausebleiben ist eine Kunst!

 

Man muss kein Storch sein, um sich in der südsteirischen Weinhauptstadt wohlzufühlen. Auch menschliche „Kulturfolger“ werden in der Region Leibnitz, 35 km von Graz, mehr als fündig.

 

Meine erste Lesung hatte ich in Leibnitz. Im August 2001 saß ich eines Vormittags mit Wolfgang Bauer im Café Elefant und las, ohne Vorwarnung, in das entspannte Cafétreiben hinein ein Kurzdrama vor. Dieses handelte von einem Herrn, der eines Vormittags entspannt im Café Elefant sitzt, wo ihm, ohne Vorwarnung, ein Kurzdrama vorgelesen wird, das von einem Herrn handelt, der eines Vormittags entspannt im Café Elefant sitzt und so – weiter kam ich nicht. Der Herr, der tatsächlich dort saß, verließ das Café, noch bevor der Vorhang fiel – und damit fiel der Vorhang …

Heute sitze ich selbst an seinem Platz. Ein-, zweimal die Woche versuche ich, einen entspannten (Arbeits-)Vormittag abseits des Grazer Kulturbetriebs zu verbringen. Aber immer wieder ergeht es mir wie dem Herrn von damals … Kaum habe ich mich hingesetzt, schon geht das Theater los – und ich bin nur noch Statist auf der Bühne des Leibnitzer Kulturlebens, das viel mehr zu bieten hat, als man vermuten möchte.

 

Blues, Jazz und Wein

 

Da ist z. B. „Sir“ Oliver Mally. Eben schreitet er lässig, wie es einer internationalen Blues-Größe zukommt, nach draußen. „Entschuldigung!“, rufe ich ihm nach – weil ich wissen will, wann er wieder in der Gegend auftritt. Die Blues-Tage, die er jüngst zum 9. Mal kuratierte, habe ich leider verpasst. Dabei waren sie, etwa mit dem deutschen Jungstar Jimmy Reiter, famos besetzt.

Aber: So, wie ich den Sir nicht gehört habe, hört nun er mich nicht. Umso hellhöriger dafür meine Sitznachbarin. „Um gute Musik zu hören, muss man von hier nicht wegfahren“, meint sie. „Denken Sie doch nur an das Jazzfestival Leibnitz!“ Tatsächlich: Jazz & Wein ist sogar neoleibnitzer Ex-Post-Grunge-Rockern wie mir ein Begriff. „Die Presse“, so meine Nachbarin weiter, „nannte es den ,Jazzstern im Süden´. Der Kurier schwärmte von der ,maximal entspannten Toskanastimmung´. Ende September geht es wieder los – u. a. mit dem Star-Trompeter Wadada Leo Smith aus den USA.“ „Ich komme! Leitet nicht Otmar Klammer das Festival?“ „Ja, seit 2013. In den 90ern gegründet wurde es von Sigi Feigl“ „Ah, der Saxofonist! Kann man ihn denn auch wieder einmal in Leibnitz hören?“ „Fragen Sie ihn selbst!“ Sie zeigt hinaus, wo sich ein Herr energisch vom Rathaus wegbewegt. „Danke!“, rufe ich, rufe „Zahlen!“, zahle und laufe ihm nach.

 

Klassik im Schloss, Literatur im Werk

 

An diesem ebenso wolken- wie autolosen Maimorgen macht der Leibnitzer Hauptplatz seinem Reklamenamen „schönster Platz des Südens“ alle Ehre. Im Osten ein Rauchfang, auf dem der Stadtstorch klappert, im Osten der Seggauberg … Von dort wehen zartere Klänge herab. Vermutlich wird in einem Fürstenzimmer des malerischen Schlosses Seggau für die nächste Schlossmatinee geprobt. Wer weiß, vielleicht greift sogar Rafael Catalá, der künstlerische Leiter der gefeierten Klassikkonzertreihe, gerade selbst in die Saiten … Oder gehören die Töne zur Installation Reflection von Clemens Hollerer, Teil der Seggauer Ausstellung Grenze – Öffnung & Heimat. 800 Jahre Diözese Graz-Seckau? Ich lausche versonnen – da werde ich angehupt. Es ist der Buchhändler Erwin Draxler. Er pilotiert den Leibnitz-lädt-ein-Kinderzug. Ich steige zu.

„Erwin, ich habe Sigi Feigl aus den Augen verloren! Wo ist er?“ Draxler schmunzelt: „Neben Lesungen in draxlers büchertheke sorgen meine Frau Barbara und ich auch mit einer alljährlichen Literatur-/Musik-Gala im Autohaus Marko für literarische Nahversorgung …“ „Klar, Literatur im Werk! Hab selbst 2017 beim manuskripte-Abend mitgewerkt, äh, -gewirkt. Super Location, Stimmung und Buffet!“ „Heuer feiern wir die 15. Auflage. Es lesen Reinhard P. Gruber und Radek Knapp. Und die Musik steuert bei …“ „Sir Oliver Mally?“ „Nein, Sigi Feigl! Dabei hat er seit Jahren nicht mehr in der Stadt gespielt!“ „Sensationell, ich komme! Aber – da ist ja Mally wieder …“ Ich springe ab, folge dem Sir.

 

Steiermark trifft Slowenien

 

Als ich den Hauptplatz erneut betrete, klingen mir Stimmen entgegen. Nanu, ist das etwa schon das Literaturcafé der Buchhandlung Hofbauer? Nein, es sind Stadthistorikerin Dr. Ursula Pintz und Mundwerk-Liedermacherin Betty O, die sich unterhalten. „Wo findet das Weinberg Open Air, das Sie seit Jahren in der Region veranstalten, heuer statt?“, fragt Dr. Pintz. „Auf drei Weingütern in der Region: Kästenburg, Moser und Harkamp – Musikkabarett vom Feinsten!“, antwortet Betty O. „Und worum geht in der von Ihnen kuratierten Ausstellung Grenzlinien?“ „Sie erzählt die spannende Geschichte einer durch die neue Staatsgrenze 1918 zerrissenen Familie.“ „Ich komme! Ich komme!“, rufe ich im Vorbeilaufen.

Aber dann werde ich unsicher. Wo ist Mally hin? Nach rechts, in den schattigen Marenzipark, wo jedes Jahr das Kulturpicknick stattfindet? Heuer steht es unter dem Motto „Steiermark trifft Slowenien“ – mit Aleš Šteger liest ein Lyriker von Weltformat und das Alte Kino wird wiedereröffnet … Oder ist er nach links, Richtung Kulturzentrum? Dieses stellt nicht nur einen der wichtigsten Veranstaltungsorte dar, sondern beherbergt auch Leibnitz Kult, jenen eigenständigen Verein, der mit einem großen Teil des Kulturbudgets der Stadt einen noch größeren Teil ihres Kulturprogramms gestaltet. Hm, eine schwierige Frage – bei der nur ein Experte helfen kann!

 

20 Jahre Galerie Marenzi

 

Entschlossen gehe ich geradeaus: ins Marenzihaus. Über der legendären Location Marenzikeller, wo demnächst die nicaraguanische Literaturikone Gioconda Belli zu Gast sein wird, befindet sich die Galerie Marenzi. Hier stellten viele berühmte und noch mehr erst später berühmt gewordene KünstlerInnen aus: Erwin Wurm etwa, Werner Reiterer, Ingo Nussbaumer, David Reumüller oder local heroine Stefanie Holler, die ihre Zeichnungen eben im Brüsseler Steiermark-Haus präsentiert. Zurzeit sind hier die impressionistischen Bilder des Foto-Pioniers Heinrich Kühn zu bewundern – eine in Zeiten von Instagram umso faszinierendere Schau.

Ah, da ist ja Klaus-Dieter Hartl, der Leiter der Galerie – und einer der profundesten Kunstkenner des Landes! 2015 erlangte er zusätzliche Bekanntheit, als er das 50 Jahre verschollen gewesene Stück Der Rüssel von Wolfgang Bauer fand … „Ah, da bist du ja!“, ruft er. „Ich wollte dich etwas fragen!“ „Ich dich auch!“ „Möchtest du beim Fest zum 20. Geburtstag der Galerie Marenzi, aus deinem neuen Buch lesen? Werner Reiterer spricht, Bodo Hell liest auch, zu sehen gibt es Werke von Eva Schlegel und aus der Sammlung der Galerie. Dazu die umwerfende Kochshow mit Götz Bury. Für die Musik sorgen Livia Hubmann und …“ „Sigi Feigl?“ „Nein, Sir Oliver Mally!“ „Ich komme! „Und deine Frage?“ „Hat sich erledigt …“

 

Kunst und Kultur in der Weingegend: Konzerte, Festivals, Ausstellungen …

 

Nun aber rasch nach Hause. Vorbei erst am Gymnasium, an dem Alfred Kolleritsch unterrichtete, dann an der multikulturellen Volksschule: viele Kulturen, viel Kultur! Da eilt mir mein Nachbar, der Kunstfreund, entgegen. „Quo vadis?“, grüße ich. „Etwa zum berüchtigt stimmungsvollen Folkfestival Ehrenhausen?“ „Nein, aber ich freue mich schon auf sein 20-Jahr-Jubiläum in diesem Sommer. Ein Abend mit amerikanischen, einer mit irischem Spitzenfolk. Das werden zwei Feste!“ „Oder zu Summertimeblues im pittoresken Schloss Gamlitz?“ „Noch nicht! Ist aber ein allsommerlicher Fixpunkt: Jazz und Blues mit Bands wie Count Basic und Die Strottern, dazu die Weinstraßenromantik …“ „Wohin dann?“ „Nach Wagna, Karten für Stermann und Grissemann sowie das Nena-Konzert kaufen … Und was habt ihr heute vor?“

„Etwas Entspannendes. Vielleicht fahren wir zum Schloss Retzhof …“ „Das Bildungshaus – nicht nur des herrlichen Parks wegen immer einen Besuch wert! Der von UniT initiierte Retzhofer Dramapreis wird 2019 wieder verliehen.“ „Oder zum Naturparkzentrum Grottenhof in Kaindorf …“ „Hübsch! Im dortigen Regioneum stellt Gerald Brettschuh, der südsteirische Maler schlechthin, derzeit seine farbprächtigen Aquarelle aus! Diese Schau ist der Beginn einer Reihe, die bis 2021, Brettschuhs 80.Geburtstag, an verschiedenen Orten seiner lebenslang geliebten Windischen Bühel (Schloss Seggau, Zeughausmuseum Radkersburg, Schloss Spielfeld und Ormoz) fortgesetzt wird. Ach, wenn man diese Meisterwerke ansieht, hat man das Gefühl, wie ihr Schöpfer en plein air zu stehen, drüben auf dem Hügel, im Weingarten …“ „Oder in die Weinberge …“ „Na, dann ab zum Weingut Pongratz in Kranachberg: Stubnblues und Freunde mit Johannes Silberschneider und Boris Bukowski! Auch im Buschenschank Schneeberger, wo das Duo Marmelade „Steirische Chansons“ zum Besten gibt, muss man ausgespannt haben.“ „Oder wir fahren zum Sulmbad Steinerne Wehr …“ „Das älteste Flussbad Österreichs – und auch das schönste! ,Soul Singer´ Leo Kysèla ist Stammgast. Dazu gibt es rurale Interventionen von Erwin Posarnig und anderen zu bestaunen.“ „Oder wir bleiben einfach zuhause …“ „Ach so?“ „Ja.“ „Nun“, sagt mein Nachbar, „bei so viel kulturellem Angebot ist das eigentlich auch eine Kunst.“

Mit bestem Dank an Stefan Zavernik für die gute Zusammenarbeit!