Andreas Unterweger

Peripheres Porträt

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 10. Dezember 2012

Mein Beitrag zu Heft 198 (!) der manuskripte, der – wie zahlreiche andere Texte – meinem Freund Klaus Hoffer (zu seinem 70. Geburtstag) gewidmet ist:

Peripheres Porträt

7 x 10 Zeilen
für Klaus Hoffer

Das Gras ringsherum wurde ganz hell, dunkelte jetzt wieder, wieder liefen Eidechsen
in meinen Augenwinkeln, die Gegenstände um mich her zu Hieroglyphen verschlungen.

Peter Handke, Der kurze Brief zum langen Abschied
(Zitiert nach: Klaus Hoffer, Vom Hinsehen und Wegsehen.
Über Umwege und Fußnoten zu John Baldessari
)

 1

Damals lebte ich noch im Museum. Das Museum war ein Landesmuseum und als solches sehr
groß: nicht ganz so groß vielleicht wie die Bibliothek, von der Borges in Die Bibliothek von
Babel
berichtet, aber doch auch nicht sehr viel kleiner. Es hatte – zumindest für mich, der ich
mich nur langsam (zu langsam, um mich nicht täglich aufs Neue zu verirren) in ihm zurecht
fand – circa die Größe des Gerichts in Der Process von Kafka; wie dieses waren seine
Einzelteile (Büros, Archive, Schauräume …) über zahllose Dachböden und Keller, aber auch
ganze Häuser, ja, sogar Stadtviertel, verteilt; und wenn Borges (wie ich – später [bei Hoffer!] –
gelesen habe) ungestraft schreiben darf, Indien sei größer als die Welt, so lässt sich von dem
Landesmuseum, in dem ich damals lebte (und das es, um nichts kleiner, auch heute noch gibt)
mit Fug und Recht behaupten, dass es größer war als das Land, dessen Artefakte es sammelte.

2

 Als Institution von Landesgröße besaß das Museum, in dem ich damals lebte, auch eine
eigene Sprache. Die Landessprache des Museums hieß: Corporate Wording. Dieses Idiom
ähnelte in weiten Zügen jener regionalen Varietät, die außerhalb der Museumsmauern
gesprochen wurde, unterschied sich von selbiger jedoch durch einige komplexe
grammatikalische Eigenheiten. So sagte man etwa, wenn von der Landesmuseumssprache die
Rede war, nicht: die Sprache des Landesmuseums, sondern: die Sprache des Landesmuseum
[!] – was bedeutet, dass die Sprache des Landesmuseums (besser gesagt: die des
Landesmuseum) über einen zusätzlichen, irgendwo zwischen Genitiv, Dativ und Kanak Sprak
angesiedelten Kasus verfügte. Die Weisen des Landesmuseums (besser gesagt: s. letzte
Klammer) nannten diesen Fall Trade Mark. Und derartige Fälle gab es mehrere, schwierigere.

3

Warum nun ausgerechnet ich – als Zugereister! als ein der Sprache des Landesmuseums
(sehen Sie?) Unkundiger! – zum Museumsschreiber, ja, gar Museumslektor ernannt worden
war, zu demjenigen also, dem es zukam, sämtliche im Museum fabrizierten Schriftstücke auf
ihre landesmuseums-, äh, -umsprachliche Korrektheit zu überprüfen, ist mir bis heute ein
Rätsel. – Andererseits: auf die vielflächigen Verfältelungen, die zwischen Traum und Trauma
(sprich: zwischen Dichtung und Erinnerung) bestehen, hat schon Freud hingewiesen. Mag
also sein, dass der Plot, in dem ich abertausende Texte in einer mir unbegreiflichen Sprache
verfassen und lektorieren muss, erst heute, in der Erinnerung, sprich: der Erzählung (mit [dem
richtigen?!] Abstand betrachtet), an einen Alptraum gemahnt. Damals, in der Wirklichkeit, als
ich tatsächlich noch im Museum lebte, erschien mir das alles hingegen vielleicht ganz normal.

4

Damals, im Museum, habe ich zum ersten Mal etwas von Klaus Hoffer gelesen. Es war an
einem Nachmittag, schon spät, im Spätwinter. Ich saß allein in jener Dachstube, in der mein
Schreibtisch stand – die Bürokollegin, die nur halb so viel arbeitete wie ich, aber doppelt so
viel verdiente, war längst gegangen –, als ich, in einem der hintersten, verstecktesten digitalen
Speicher, über ein paar Fremdwörter stolperte: die mir sofort seltsam nahe gingen. Peripheres
Sehen
stand da etwa oder professionelles Von-den-Dingen-Wegschauen oder auch: I´m more
interested in things that have escaped attention
. Ich hörte mit dem Lektorieren auf, fing an zu
lesen … Ein (auf Lautlos gestelltes) Handy läutete; ein Weberknecht fraß eine Milbe (hinter
der Wandverkleidung); aus dem Heizkörper unter dem Fenster stieg (sichtbar nur als ein
blasser, zart wabernder Schatten auf dem Boden [wo jetzt niemand hinschaute]) Wärme auf.

5

Dann zog ich um: ins Literaturhaus, ein (damals) noch junges Paralleluniversum. Auch dort
bekleidete ich eine Stelle, über deren Profil ich mich heute wundere. Meine Aufgabe bestand
darin, allabendlich vor vielen, vielen Leuten (darunter meine Eltern), über Leben und Werk
von Schriftstellern zu referieren, von denen ich wenig wusste, noch weniger gelesen hatte, die
aber unmittelbar nach mir die Bühne betraten, um über meinen Vortrag (also mich) zu richten
… Dass ich während dieses Prozedere nackt war (zumindest: mich nackt fühlte [was dasselbe
ist]), machte die Sache nicht einfacher. – Wie dem auch sei. Eines Tages saß der Schriftsteller
Klaus Hoffer auf dem Richterstuhl. Ich war noch mitten in meinem Plädoyer, da lachte er
mich schon aus. Mund zu, Ohren auf, der Hoffer kommt!, winselte ich und krebste, meine
bloßesten Blößen mit den Spickzetteln nur schlecht bedeckend, von dannen. Hoffer gefiel das.

6

Klaus Hoffer lud mich zum Kaffee – und fast hätte ich abgesagt. Denn: Es ging mir schlecht.
Diesmal war keiner meiner Traumjobs daran schuld, sondern: meine große Liebe – genauer
gesagt: der mit dieser einhergehende große Liebeskummer – noch genauer: die Tatsache, dass
ich noch nicht wusste, was man dagegen unternehmen muss – nämlich: Kaffee trinken mit
Klaus Hoffer … Als Erinnerung an diese heilsame Erkenntnis bekam ich – von Dr. Hoffer,
dem Cheftherapeuten, persönlich – ein Bild geschenkt, ein Porträt (grüner Filzstift und blauer
Kugelschreiber auf Papier). Die Zeichnung stammt von Wolfgang Bauer, und sie zeigt Alfred
Kolleritsch (der darauf aussieht wie Wolfgang Bauer) – aber wann immer ich sie erwähne,
wann immer ich einen der Landvermesser, die sich zu mir verirren, durchs Schloss führe und
ihm das über meinem Schreibtisch hängende Werk zeige, sage ich: Und hier: mein Hoffer!

7

Und noch ein Bild – denn: ein Bild allein ist immer zu wenig, zeigt nie die Wahrheit, ja, noch
nicht einmal das, was wir Wirklichkeit nennen (vgl. dazu: was unsere Augen machen). Dieses
zweite Bild, ein Foto, findet sich in meinem ersten Buch, der (wahren) Geschichte (m)einer
großen Liebe – dort, wo in Liebesgeschichten sonst Happy End steht. Über dem Foto heißt es:
Und noch etwas, das wahr ist:, und darunter: Ich hoffe, man kann es erkennen. Tatsächlich
aber kann man auf dem Bild fast nichts erkennen, nur das: zwei Hände zweier Menschen
(nein: Schatten) halten einen Bierdeckel hoch – und: beide Zeigefinger sind auf ein winziges
Gekritzel am Deckelrand gerichtet. Ich weiß von Lesern, die diesen Schriftzug mit einer Lupe
seziert haben (vergeblich!) – doch niemand (wirklich niemand!) hat je die Verlobungsringe
bemerkt … Das Offenliegende, schreibt Klaus Hoffer, ist das Gegenstück des blinden Flecks.