Andreas Unterweger

Übersetzen. Schreiben. Lesen.

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 4. Dezember 2014

Mein Beitrag zu Heft 206 (!) der manuskripte – und meine erste „Rezension“ (ich hoffe, es ist nicht wirklich eine geworden):

ÜBERSETZEN. SCHREIBEN. LESEN

Zu
Laure Gauthier: marie weiss rot. marie blanc rouge.
Mit einem Vorwort von Gilles Jallet und drei Fotogrammen von Brice Dellsperger.
Französische Fassung übersetzt aus dem Deutschen von Laurent Cassagneau und Laure Gauthier. Vorwort aus dem Französischen von Bettina Sund. Nachwort aus dem Französischen von Rieke Schäfer und Laure Gauthier.
Sampzon: Delatour France 2013.
Deutsch und Französisch je 116 Seiten.

1

„Ich bitte dich, bitte mich nicht darum, zu übersetzen.“

Im Gegensatz zu dem, was die Literary Scouts and Agents in Halle 6.0 der
Frankfurter Buchmesse auf Trab hält, lebe ich in der Gewissheit, dass es unmöglich
ist, Literatur (von „anspruchsvoller“ Literatur, Gedichten etwa, ganz zu schweigen),
ohne (zu große) Qualitätseinbußen von einer Sprache in eine andere zu übersetzen.

Andererseits wohnt einem solchen, per se unmöglichen Unterfangen (unmöglich wie,
z. B., die Wahrheit sagen [oder gar schreiben]) ein starker Reiz inne – der des
Utopischen. Und so versuche sogar ich, trotz meiner vor ca. 20 Jahren gewonnenen
Gewissheit, wieder und wieder das Unmögliche: schönes Scheitern, haufenweise …

Dieser utopische Reiz erhöht sich wohl noch, wenn man, einen Schritt weiter, in der
Fremdsprache, der Sprache II, schreibt: der Nervenkitzel, nicht genau (weniger denn
je) zu wissen, was man da von sich gibt – dazu die Außenperspektive, die nicht nur zu
Fehlern, sondern auch zu Wortspielen führt, die Muttersprachler nie machen würden.

Mit marie weiss rot. marie blanc rouge wagt die Pariser Germanistin Laure Gauthier
beide geschilderten Unmöglichkeiten. Sie hat den Text erst in ihrer Fremdsprache
Deutsch geschrieben, danach, mit Laurent Cassagneau, ins Französische übersetzt.
Das (intendierte) Resultat: Er liest sich in beiden Sprachen „wie eine Übersetzung“.

Was ist das? Philologische Spielerei? Ästhetik des bewusst Schlechten? Oder weckt
der Text, wie das Vorwort von Gilles Jallet (bzw. Bettina Sund [Übersetzung …])
behauptet, tatsächlich die Ahnung einer „Sprache III“, „die aus dem Raum zwischen
den beiden Sprachen hervorgeht: die abwesende Insel, klangvoll und farbenfroh“?

Rezensionszitat 1 (für Homepages, Klappentexte etc.):
marie weiss rot ist ein ästhetisch originelles Experiment zwischen zwei Sprachen,
das sich am Unmöglichen versucht und seine Schönheit im Scheitern (er-)findet.“

2

„Und lass mich endlich schreiben, weiß-rot schreiben.“

Auch gattungsmäßig sitzt marie weiss rot zwischen den Stühlen. Meist ein Drama
(mit Personen, Dialogen, Regieanweisungen), verfügt der Text außerdem über einen
Lyrikteil und einen Prosa-„Bonustrack“, sprich: ein Nachwort der Autorin („aus dem
Französischen [!] von Rieke Schäfer“). Dazu drei „Fotogramme“ (Brice Dellsperger).

Mit der Gattungsfrage eng verknüpft ist jene nach dem Inhalt. marie weiss rot ist
sowohl ein Beziehungsdrama (zwischen marie und Albert [und deren jeweiligen
Partnern Frederik und Christine]) als auch ein literarischer Essay (zu Sprache, Kunst,
Geschichte etc.) als auch (und dies wirkt dominant) ein „Klagelied“ (der Hauptfigur).

Worüber beklagt sich marie? Über ihre Männer, z. B. (Stichwort „Beziehungsdrama“,
s. o.), aber eigentlich über die ganze Welt („Sprache, Kunst, Geschichte etc.“, s. auch
o.). Eine einzelne, immer wiederkehrende Klage scheint jedoch alle anderen in sich
zusammenzufassen: die, nicht schreiben zu können – zumindest nicht so, wie sie will.

Dabei ist das Motiv Schreiben durchwegs mit der Handlung verknüpft, sprich: kunst-
und zeitkritisch, sexuell, ja, existentiell konnotiert. So meint marie, ihre
„Seitensprunglogik“ lege ihr „Wortschellen“ an. Albert (vor Kunst, die „das alltäglich
Unsagbare“ mit Knoten verdeckt): „Ich würde gern knotenartig schreiben können.“

marie hingegen sucht nach dem Knoten-Lösenden, frei Fließenden: „lass mich
[…] weiß-rot schreiben“ (konnotiert mit, u. a., Nelly Sachs´ „Ich lege Schnee auf meine
Wunde“ und Menstruations-Blut). Oder: „wie der Lachs […] in die Luft springt.
Tollkühn, voller Hybris, so frei. […] Ich würde so gern lachsartig dahinschreiben.“

Rezensionszitat 2 (für Pressetexte, Plakate etc.):
marie weiss rot ist ein dramatisches Gedicht jenseits der herkömmlichen
Gattungsgrenzen, in dem schreiben immer auch leben, und leben lieben bedeutet.“

3

„Lauter Ungereimtheiten im Text, oder?“

Die ewige Rezensionenfrage – die, ob dem Rezensenten der rezensierte Text gefällt
lässt sich in diesem Fall nicht einfach mit Ja/Nein beantworten – wohl deshalb, weil
sich der Text allen Vereinfachungen bewusst entzieht (vgl. dazu seine Sprach- und
Gattungskapriolen). Wobei es womöglich das ist, was mir an ihm am besten gefällt.

Endlich wieder einmal ein Buch, das auch als Medium spannend ist! Mit seinen zwei
Titelseiten (französisch und deutsch, von vorne und hinten lesbar), seiner Überzahl an
Übersetzern, Anmerkungen, Fußnoten, Leerseiten, Bildern, Sekundärtexten, Zitaten
präsentiert sich marie weiss rot als Gesamtkunstwerk – originell, intelligent gestaltet.

Was man bei all den Gimmicks, die um die Leerseiten im Zentrum aufgetürmt (bzw.
gegen sie, gegen das Stummbleiben, gerichtet) sind, leicht übersehen kann, ist die
Komplexität, die der Sprache selbst innewohnt – das dichte Netz aus (Leit-)Motiven,
dessen Knoten (!) sozusagen in fast jedem Satz weiß-rote (!) Abdrücke hinterlassen.

Eher springt der „übersetzungsartige“ Akzent von Gauthiers Kunstdeutsch ins Auge –
diese Mischung aus Pathos, Pseudo-Alltagssprache, riskanten Wortspielen und
Zitaten aus der Ecke Sachs/Celan, die zwischen Gesagtem und Gemeintem einen
auffällig großen Spalt zu lassen scheint (vgl. dazu die Leerseiten in der Buchmitte).

Hier soll sich wohl der Raum („Flur“) öffnen für die utopische „Sprache III“. Dazu ist
freilich Arbeit des Lesers vonnöten, der nicht gefällig berieselt wird. Stattdessen gilt
es, Gauthiers bewusstes Vorbeisprechen – so, wie manche Sterne nur dann leuchten,
wenn man an ihnen vorbeischaut – aktiv in die eigene, innere Sprache zu übersetzen.

Rezensionszitat 3 (für Kurzbiografien, Bewerbungsschreiben etc.):
marie weiss rot ist ein intelligent gestaltetes Gesamtkunstwerk, dessen komplexe
Poetik auch dem Leser eine Menge Arbeit abverlangt. Aber die Mühe lohnt sich!“

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2 Antworten

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  1. andreasundschnurrendemia said, on 8. Dezember 2014 at 9:08 am

    Ad „Knoten lösen“ und „Marie“: Das Motiv der „Maria Knotenlöserin“ könnte Katholiken bekannt sein, es ist u. a. auf einem Kirchengemälde in Augsburg zu sehen. Der Papst soll Fan sein. Vgl. dazu, u. a.: http://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Knotenl%C3%B6serin

  2. […] Laure Gauthier lebt in Paris und schreibt wunderbar eigensinnige Gedichte, Erzählungen und Libretti. Mehr auf ihrer (auch deutschsprachigen) Homepage: laure-gauthier.com/de 2015 habe ihr Buch „marie weiss rot“ für die manuskripte besprochen: „Übersetzen. Schreiben. Lesen“. […]


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