Andreas Unterweger

Peter Handke und die manuskripte

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 6. Dezember 2017

Aus aktuellem Anlass, eine Art Vorabdruck:
Mein Beitrag zum Ausstellungskatalog
Peter Handke. Dauerausstellung Stift Griffen, hg. von Katharina Pektor, Salzburg, Wien: Jung und Jung 2017.
Alles Gute zum Geburtstag, lieber Herr Handke!

 

Peter Handke und die manuskripte

»weil ich […] in den manuskripten am liebsten
veröffentliche und veröffentlicht sein möchte«
Peter Handke an Alfred Kolleritsch

Als Peter Handke 1961 in Graz mit dem Studium der Rechtswissenschaften beginnt, sind die manuskripte gerade einmal ein Jahr alt. Am 9. November 1960, anlässlich der Eröffnung des Forum Stadtpark, erstmals erschienen, macht sich die Literaturzeitschrift während Handkes ersten Semestern aber schnell einen Namen.
Ihr Herausgeber, der Gymnasiallehrer und Dichter Alfred Kolleritsch, setzt es sich zum Ziel, im gefährlich verschlafenen Nachkriegs-Graz »die Informationsdefizite [zu] beheben, auch Außenkontakte her[zu]stellen und den Bereich dessen aus[zu]loten, was die neuesten Tendenzen im Bereich der Gegenwartsliteratur« ausmacht. Tatsächlich veröffentlichen die frühen manuskripte nationale wie internationale Repräsentanten der mehr oder weniger »avantgardistischen« Literatur: H.C. Artmann, Konrad Bayer, Heimito von Doderer, Hans Magnus Enzensberger, Raoul Hausmann, Ernst Jandl, Karl Krolow, Gerhard Rühm … Gleichzeitig publiziert man heimische Talente wie Wolfgang Bauer, Gunter Falk oder Barbara Frischmuth.
Nicht zuletzt die hysterischen Reaktionen der lokalen Öffentlichkeit sorgen dafür, dass der Zeitschrift reichlich Aufmerksamkeit zuteil wird. So lässt etwa der Sponsor Steirische Raiffeisenkasse aus Protest gegen ein Gedicht Friedrich Achleitners sein Inserat in allen Exemplaren von Heft 2 (1961) überkleben – ein Vorgeschmack auf den Prozess wegen »Verbreitung der Pornographie«, der gegen Kolleritsch Mitte der 60er Jahre angestrengt wird. Auch die happeningartigen »Dunkelkammer-Lesungen« der manuskripte-Autoren im Forum Stadtpark, jenes Zentrums für »junge« Kunst, dessen Eröffnung erst nach jahrelanger Auseinandersetzung möglich war, lösen regelmäßig mediale Empörung aus.

Peter Handke besucht Veranstaltungen im Forum, wo er, laut Kolleritsch, »düster und mädchenhaft« in der Ecke steht. Das erste Mal fällt er bei einer Lesung Herbert Eisenreichs am 11.6.1963 auf, wo er den einer traditionellen Erzählweise verhafteten Autor heftig kritisiert. Auf Eisenreichs Frage, wer denn dann richtig erzähle, antwortet Handke: »Ich!« Kolleritsch bittet den selbstbewussten Jüngling daraufhin um Texte. Einer davon, das Kurzprosastück Die Überschwemmung, wird in manuskripte 10 (1964) publiziert – das literarische Debüt Peter Handkes.
Von da an sind seine Geschicke eng mit dem Forum und vor allem den manuskripten und ihrem Herausgeber verknüpft. Weitere Texte erscheinen in den folgenden Nummern, darunter, in Heft 12 (1964), ein Auszug aus dem Roman Die Hornissen, dessen Endfassung Handke im Keller des Forum abtippt. Auch das Anti-Drama Publikumsbeschimpfung sowie Das Ermordungskapitel aus Der Hausierer, gelesen bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton, werden in manuskripte 16 und 17 (1966), abgedruckt. Handke tritt mehrfach im Forum auf und vermittelt Klaus Hoffer und Wilhelm Hengstler als Debütanten zu den manuskripten.
Als Kolleritsch in seinen »Marginalien« zu Heft 18 und 19 (1966/67) den Terminus »Grazer Gruppe« in die Literaturgeschichte einführt, zählt er den eben nach Düsseldorf gezogenen Handke dazu. Gemeinsam verteidigen sie sich gegen den Vorwurf des »Ästhetizismus«, den Michael Scharang und Elfriede Jelinek in manuskripte 26 und 27 (1969) gegen sie erheben. Und als Handke 1971 in Graz mit einem Polizisten, der ihm wegen seines langen Haars den Zutritt zur eigenen Lesung verwehrt, in ein Handgemenge gerät, sagt Kolleritsch beim Prozess zu seinen Gunsten aus.
In den folgenden Jahrzehnten geben die beiden gemeinsam Lesungen und besuchen einander regelmäßig. Ihr Briefwechsel, der 2008 unter dem Titel Schönheit ist die erste Bürgerpflicht als Buch erscheint, kündet von ihrer lebenslangen, »kontinuierlich wachsende[n] Freundschaft« (Kolleritsch).

Von einzigartiger Dauer ist auch Handkes Verbindung zur Zeitschrift seines Freundes.
Peter Handke wurde von den manuskripten »entdeckt«. Umgekehrt sind es auch seine über 40 Beiträge in den bislang erschienenen 216 Ausgaben (Stand Juli 2017), die den Ruf der manuskripte als eine der wichtigsten Literaturzeitschriften im deutschen Sprachraum mitbegründet haben.

***

Heute, 6.12.17, in der Kleinen Zeitung: Handke-Wortgeschenke prominenter KollegInnen, darunter zahlreicher manuskripte-AutorInnen (Jelinek, Frischmuth, Stadler, Winkler, Hoffer, Rakusa…), die Werner Krause mit meiner bzw. manuskripte-Hilfe gesammelt hat:

Ich danke allen Beteiligten, insbes. Elfriede Jelinek, Ilma Rakusa, Olga Martynova, Arnold Stadler, Anna Baar, Antonio Fian, Alfred Kolleritsch und Werner Krause!

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„Von unserem Sonderberichterstatter in Poesie“ (manuskripte 218)

Posted in manuskripte, Simulakren, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 25. November 2017

Mein eigener Beitrag zu Ausgabe 218 der manuskripte ist die Übersetzung von Guillaume Métayers Essay „Von unserem Sonderberichterstatter in Poesie“.

Der französische Dichter, Übersetzer und Geisteswissenschaftler Guillaume Métayer war im Juni 2017 im Rahmen des Programms „Styria Artist in Residence“ des Landes Steiermark in Graz zu Gast – wir sonderberichteten!

Hier schildert er seine Eindrücke: Graz, die Steiermark und Österreich von aussen, sozusagen – oder die Fremde des Nahen. Und nicht zuletzt eine Art Fest des Huhnes …

*

Guillaume Métayer

Von unserem Sondergesandten in Poesie

Obwohl Mallarmé notorisch zwischen der „universellen Reportage“ und der „Literatur“ unterschied, lässt sich doch, zumal in unserer überinformierten Welt, eine Form der Reportage imaginieren, die sich in den Dienst der Poesie stellt. Eine Erzählung jener Dinge, die sich unentwegt in „der Literatur“ oder rund um sie ereignen, die sie da und dort noch möglich machen, von denen aber niemand oder fast niemand je spricht, außer vielleicht in den ebenso erlaubten wie an den Rand gedrängten Formen der Memoiren und des Interviews, wo sie aber zum Freizeitvergnügen verflachen. Dies fortzuspinnen könnte eine Art „Rettendes in der Gefahr“ bedeuten, ein Gegenfeuer, das an der Schwelle zur Niederlage entfacht wird. Ein Gedanke des argentinischen Dichters Arnaldo Calveyra kommt mir in den Sinn: Die Zeitungen berichten zwar davon, dass einer seinen Nachbarn mit Messerstichen getötet habe, erwähnen aber nie, dass ein anderer, am selben Nachmittag, ein Gedicht schrieb. Von dieser Literaturzeitung, die so geräuschlos ist, dass sie sich häufig im Intimen einschließt, könnten wir, „eines Tages“, versuchen, ein Fragment zu skizzieren, das uns andere Informationen zusteckte als jene, die von allen bis zum Überdruss kommentiert werden („die Aktualität“), mit von hier und anderswo eingeschmuggelten Gedichten – schließlich darf das, was so vertraulich ist, durchaus ein bisschen geheim sein, braucht es Sonderberichterstatter in Poesie, wie in einem fernen Land. Es könnte also der Versuch unternommen werden, zu berichten, zu importieren und, aus allen möglichen Sprachen (hier aus dem Deutschen), zu übersetzen, die Ausfaltungen der Verdrängung der Poesie, die unsere Zeit zu erleben scheint, zu erforschen – eine Verdrängte, deren überschwängliche Rückkehr sich logischerweise in der Phrase „Alles ist Dichtung außer dem Gedicht“ ereignet (den Syllogismus, der dieser Phrase innewohnt, hat Martin Rueff jüngst angeprangert). Kurz, wir könnten auf eine bescheidene, nichtsdestotrotz europäische Weise versuchen, uns dem Gedicht zu nähern, es zu sich zu bringen, es dorthin zu rufen, wo es noch nicht ist, und es da zu erraten, wo es schon fehlt. Als ersten Versuch schlage ich bereitwillig vor, dem Verlauf eines hübschen kleines Flusses, der Mur, für einige Kabellängen zu folgen.

Das letzte Gasthaus

Mitteleuropa ist ein Gasthaus, das geschlossen hat, in dem man aber trotzdem noch bedient wird.

Nicht jeder, natürlich – nur die alten Stammgäste. Man konnte sie nicht einfach so, ohne ihr Lieblingsgasthaus, zurücklassen.

Sie wussten genau, dass hinter dem niedrigen Holzzaun, hinter den Paradeiser- und Paprikapflanzen, noch die Sonnenschirme stehen, mit den verschwundenen Biermarken darauf. Und darunter: einige Plastiktische.

Und so haben sie die Tür aufgestoßen und sind eingetreten, als ob nichts wäre.

Der Wirt und seine Frau wirkten nicht überrascht, sie zu sehen.

Man hätte meinen können, sie hätten alles vorbereitet.

Jedenfalls ist aufgedeckt.

Heute servieren sie ihr letztes Backhuhn. Oder das vorletzte. Aber immer das letzte. Bis zum nächsten Mal. Das nächste Mal, das allerletzte Mal, dass der klapprige Trupp der Stammgäste mehr schlecht als recht in diese Ecke Land in der Stadt, weiter unten am Fluss, bei der Parkhaus-Baustelle, gestolpert kommt.

Zu einem Termin, der in keinem Kalender steht.

Als Beilage zum Geflügel gibt es Salat aus dem Garten in einer wässrigen Sauce, deren Grundlage Kürbiskernöl ist – jenes Kürbiskernöl, das die slowenischen Nachbarn sich anzueignen versucht haben, das aber unser ist. Österreichisch bis in alle Ewigkeit – mit einem Faktum müssen wir uns nicht brüsten. Kürbiskernöl, im Original deutsch. Kürbisöl wäre ungenau. Ein Wort muss sich an eine Sache heranzoomen können, Stück für Stück. Also Kürbiskernöl.

Achtung, es darf nichts vermischt werden: Der Salat wird auf einem eigenen Teller serviert. Später geht die Wirtin wieder vorbei, die Salatschüssel gegen die Schürze gestemmt, die Servierzange in der Faust, wie um die Hühner zu füttern. „Später!“, schreit einer. „Es gibt kein Später“, erwidert sie jovial. Es ist ja das letzte Mal!

Der Wirt schleppt seine humpelnde Leibesfülle mehrere Male bis an den Tisch. Er ist mit weißem Spritzer beladen, es sieht aus wie ein Gleichgewichtsspiel. Weißwein mit Soda vermischt, ein bisschen nach dem Muster der Salatsauce. Bei fünfunddreißig Grad im löchrigen Schatten der Sonnenschirmrentner ist es kein Luxus, den Wein mit Wasser zu versetzen. Der Luxus besteht eher darin, dass er, der aus dem Verkehr gezogene Wirt, unser Mundschenk ist.

Dass er, für uns allein, das Kapital seiner letzten Anstrengungen verschleudert. Jede seiner Gesten, selbst die ungelenkigste, wird dadurch verschönert, nahezu perfekt. Oh, dass er niemals wieder ein Glas, selbst ein einzelnes, anders bringen wird als so, auf diesem kleinen, schwankenden Tablett mit dem schief platzierten Geschirrtuch darauf!

Eine Hommage, und dennoch: Es ist alles sehr familial hier, sagt mein Sitznachbar, äußerst erfreut, während er sich eines panierten Hasenohrs bemächtigt, von dem zahlreiche Ohrläppchen abstehen. Mit Radioaktivität hat das nichts zu tun, es ist nur die Leber des Huhns, die sich in der Panier ausdehnt und verfestigt.

Die Wirtin umkreist den Tisch mit einem Topf voll Reis. Sie lässt es auf jedem Teller mit ihrem Schöpflöffel zweimal klingeln. Ein Löffel für Mama, ein Löffel für Papa. „Papa“, so verabschiedet man sich hier. In der mit weißen Mischungen gespritzten Sonne macht das fast schon Sinn.

Die Wirte verteilen bereitwillig Herr Professors, aber woher wissen sie, wer tatsächlich die höchsten universitären Stufen erklommen hat?

Vielleicht aber ist Professor hier auch etwas ganz anderes. Ein Titel, den man niemals anders als honoris causa verleiht, nach langen Jahren endloser Diskussionen im Inneren eines emeritierten Gasthauses.

Professor, ist das nicht derjenige, der immer am Kopf des Tisches sitzt, dem die Gelehrten reiferen Alters ihre respektablen, kaum von der Frittüre benetzten Schnauzbärte zuwenden?

Professor, ist das nicht derjenige, der am Ende die Scheine zückt?

Professor, der, dessen Scheine man immer zurückweist?

Die Gestik, das steht fest, ist rituell: Du zückst die Scheine, ich weise sie zurück: Nein, nein, Herr Professor. Ihre essentielle Funktion ist es, den Professorenstatus des Professors zu bestätigen.

Nein, Professor, also.

Und außerdem haben wir jetzt geschlossen, wie Sie wissen. Ich habe also keine Kasse mehr. Und wenn ich ihr Geld nähme, dann würden mir die Beamten des Finanzamts Schwierigkeiten bereiten. Das einzige Mal, als ich es versucht habe, sind sie sofort gekommen. Wie der KGB. Man hätte meinen können, sie seien vom Dach gestiegen. Die Nachbarin mit dem Nussbaum war es vielleicht, die mich verraten hat, warum auch immer.

Die Angst vor dem Finanzamt ist ein taktvoller Vorwand, um das Geld zurückzuweisen: Ich verschmähe Ihr Geld nicht, Herr Professor. Ich erweise Ihnen nicht die immense Gunst der Kostenlosigkeit, nach der Sie allzu sehr in meiner Schuld stehen würden. Indem ich Ihnen dieses letzte Mahl anbiete, Ihnen und Ihren Jüngern, erspare ich mir Probleme, Sie verstehen.

Weil wir geschlossen haben, Herr Professor. Wir öffnen nur noch für Sie, einmal im Jahr, an einem beliebigen Tag, ausgerechnet an jenem, an dem Ihre zögerlichen Schritte Sie zu uns geführt haben. Selbstverständlich können Sie aber, wenn Sie darauf bestehen, etwas für die Getränke herlegen, wenn es Ihnen beliebt.

Und so wirft jeder seinen Schein auf den Tisch. Mit spitzen Fingern, wie man eben mit Geld umgeht, das nicht zum Zahlen da ist, das davon wie beschmutzt wirkt. Schließlich kann man die Summe, die man gibt, nur verachten – ist sie doch viel geringer als die Großzügigkeit, an der man teilhatte. Und weil das Ganze ja kein Mittagessen war, sondern nur eine Art Poker mit der Zeit. Wo man dann plötzlich zahlt, um „zu sehen“.

Um das Spektakel andauern zu lassen. Eine kleine letzte Runde für Österreich. Eine letzte Runde für Mitteleuropa.

Um die Welt aus dem Blickwinkel des geschlossenen Gasthauses zu sehen. Um für einen Moment aus diesem funktionierenden Universum auszusteigen. Um für einige Augenblicke abzudriften, wie ein Inselstück, das sich auf der Mur losgerissen hat und das sich schon lange vorsingt, dass es sein Slowenien wiedersehen wird, sein Kroatien, sein Ungarn.

Mit dieser Menge an Scheinen auf dem Tisch, all diesen Gelehrten, die wie zwielichtige Wetter aussehen. Aber es gab gar keinen Hahnenkampf, nur ein Backhuhn. Lange werden sie diese anrüchige Rechnung freilich nicht aufrechterhalten können. Denn sie haben nur dafür bezahlt, um zu sehen, wie es war. Schlimmer, vielleicht: um nicht zu sehen, wie es ist.

Wegen solcher Kleinigkeiten kommen die Finanzamtsbeamten nicht.

Und wenn sie kämen, sie würden sie schnell wieder laufen lassen, hinaus in diese funkelnde Welt, wo sie unaufhörlich dazu gezwungen sind, das zu essen, wofür man bezahlen muss.

Gratia

Warum hast du so schlecht gebucht? Lange musste ich mir vorhalten lassen, zum falschen Zeitpunkt angekommen zu sein. Weil ich ein Flugzeug reserviert hatte, das am Vorabend des Pfingstsonntags landete. Niemand wird in Graz sein, um dich zu empfangen. Niemand im ganzen Haus. In der ganzen Stadt kein offenes Café, wo man deine Schlüssel hinterlegen könnte. Warum hast du so schlecht gebucht? Du wirst in einem Hotel in Wien bleiben müssen. Auf deine Kosten, versteht sich. Und ab Dienstag früh in mein Büro kommen, um die Papiere zu unterschreiben und deine Schlüssel zu kriegen. Warum hast du so schlecht gebucht? wurde, im Geist wiederholt, bald zu einem Echo im Geist von Molières Was hatte er denn auch auf dieser Galeere zu suchen? Und so machte ich mich auf, um – gemäß Thomas Bernhard und Werner Schwab – Nazismen zu sammeln (wie es ja auch Barbarismen gibt). Ich war, wie jedermann, bereit, meinen schwarzen Stein zu werfen.

Und weil ich geglaubt hatte, in einer Bar ein Taufbecken gesehen zu haben, war es nur allzu leicht, daraus eine ganze Geschichte, ein ganzes Sonett gegen Graz zu machen:

Gratia

Um es allein zu tragen ist es zu schwer das Heil
So hatte man in Mitteleuropa den Gedanken
Eines totalen Sonderabverkaufs ohne Schranken
An einem Grabtuchzipfel hängt jeder hier zum Teil.

Vermehret Brot und Bier es wird keinem zu geil
Würstel des HErrn ein jeder hat im Gralschmalz die Pranken
Admiral Biedermeier schätzt es nicht sich zu zanken
Das Laschenschiff gibt träg´ er dem Untergang anheim

Man stolpert schon beim Eingang der Bars in ein Taufbecken
Kratér wohl den sangriaartig Blumen bedecken
Mit Muskatell´ betauft man sich ohne Unterlass

In diesen neuen Jordan tauchen hier alle ein
Man gratuliert sich und umarmt sich in dem Wein
Planscht rum und segnet sich noch in der kleinsten Gass.

Viel später bringt die nette Organisatorin meines Aufenthaltsstipendiums uns, eine rumänische Bildhauerin, ihren schachverrückten Freund und mich, zum Geburtshaus Arnold Schwarzeneggers. Wir besuchen die Kirche von Thal, die steirische Sagrada Família im Kleinformat. Man zeigt uns, am Ufer des Sees, das Boot des Versprechens, jenes „historische“ Kanu, in dem der Gouverneur von Kalifornien um die Hand einer brillanten Nachkommin Kennedys angehalten hat. Und dann das Kriegsdenkmal um die Ecke. Dort findet sich eine Europakarte, mit Kreuzen, die jene Orte bezeichnen, an denen Soldaten aus Thal gefallen sind. Ich finde das interessant, bedauere, so etwas in Frankreich nie gesehen zu haben. Meine Begleiter hingegen sind schockiert. Warum denn?, frage ich. Bei uns gibt es doch auch in jedem Dorf ein solches Denkmal. Brüder, Väter und Ehemänner sind gestorben. Es ist normal, ihrer zu gedenken.

Mag sein, antwortet die Rumänin. Aber hier gibt es nicht das kleinste Monument, das der im Zweiten Weltkrieg ausgerotteten Juden gedenkt. In Österreich hat es keine Entnazifizierung gegeben.

In Österreich hat es keine Entnazifizierung gegeben. So lautet das Leitmotiv der Gespräche unter uns Emigranten. Ich wiederhole es, wie jedermann, möchte es glauben, glaube es, bin mir sicher. Ich erinnere mich an Waldheim, Haider, Hofer. Aber im Grunde weiß ich nicht, inwieweit es tatsächlich wahr ist. Dazu brauche ich mehr als nur eine Reportage. Ich bekomme eine Art Bestätigung in Romanform, als ich, spät, einen schönen Roman von Alfred Kolleritsch, Herausgeber der berühmten Zeitschrift manuskripte, entdecke. Allemann, 1996 bei Verdier auf Französisch veröffentlicht und damals auch wahrgenommen, beginnt mit einem Begräbnis. Irgendwo in der Steiermark, 1980er Jahre. Überall, zwischen den Gräbern und besonders um jenes herum, das gerade gegraben wird, strömen die Nazis zusammen. Sie steigen aus der Erde, aus dem Schatten, von den Bäumen, kommen wieder hoch wie der Wald bei Macbeth. Unter ihren Mänteln zeichnen sich die versteckten Kreuze ab. Kolleritsch beschreibt ihre Sprache mit der Feinfühligkeit eines Klemperer. Sie bedienen sich weiterhin der Sprache ihrer Väter und Großväter, um den Horizont zu verriegeln. Sie sagen weiterhin der Führer. Die Nachkriegsnazis bestatteten sich ebenso heimlich gegenseitig wie die Mormonen sich taufen. Das letzte christliche Sakrament wurde auf extreme Weise in eine nationalsozialistische Salbung verkehrt. Der Nazismus der Gräber – wie einst das Christentum der Krypten.

Und dennoch kann es das doch wohl nicht sein. Ich kann doch nicht in die Steiermark kommen, nur um die Fehler der Väter zusammenzuzählen und das Schweigen der Familien zum Schreien zu bringen. Man muss auch etwas anderes sehen, auch wenn dieser Knödel im Bauch bleiben wird, für immer, nie am selben Fleck, ohne je zu wissen, wo man ihn hinstecken soll und man ihn immer von einem Winkel des Bewusstseins zum anderen trägt.

Das wäre eine persönliche Niederlage, denn Österreich ist mein Missing Link. Die nationale Erziehung hat uns, den braven Germanisten der 1980er Jahre, hauptsächlich Deutschland nähergebracht. „Aus eigenem Antrieb“ (wie es in den Mitteilungsheften unserer Kindheit hieß) habe ich Ungarn erforscht, ohne die geringste Anziehung für das zu verspüren, was mir als weicher Bauch erschien, das no-man’s-land zwischen Berlin und Budapest. Kaum angekommen, verzapfe ich mein Vorurteil gegenüber einem ungarischen Freund: Österreich scheint keine eigene Identität zu haben. Es ist Deutschland ohne die Ernsthaftigkeit, die Schweiz ohne Geld, Italien ohne die Sonne, Frankreich ohne die Eleganz, Ungarn ohne das Feurige, Jugoslawien ohne das Körnchen Verrücktheit. Ich taufe es „Nélkülország“ (das „Ohneland“) … Einfach. Und undankbar … Sollte über Österreich zu schreiben immer schon meckern über Kakanien bedeuten? Mons murem peperit. Ad infinitum? Überladener Gigantismus einer verstaubten Provinz. Die Karosse, die zum Kürbis wurde. Kürbiskernöl für immer. Der tiefe Fall Mozarts, Schuberts, Kafkas, Roths und all der anderen in den Trichter des Schwejk.

Was ist Österreich? Eine absurde Frage, aber welcher Reisende hat denn nicht versucht, ein Bild der durchquerten Länder an sich zu reißen? Simple Selbstbeherrschung kann das nicht verhindern. Es sind Fragen, die man eher überanstrengen sollte als sie bei Spielbeginn zum Schweigen zu bringen. Und so stelle ich beim Betrachten der barocken Kirchen fest, dass es überall dieselben sind, von Györ bis Bratislava, über Maribor und Budapest. Eine Freundin aus Graz, die eben aus Lemberg (oder Lvov oder Lviv) zurückkehrt, hat dieselbe enthusiastische Wahrnehmung gemacht. Und es war übrigens ihr Großonkel, der die Oper von Lvov erbaut hat, eine Nachbildung der Oper in Wien. Des Mutterhauses, sozusagen. Die Konturen der ehemaligen pax austriaca wiederzufinden kann, ich weiß es wohl, nur zu einem allerersten Verständnis dessen führen, was hier geschieht. Am schlimmsten scheint mir, dass die Originalität oder wesentliche Überlegenheit der Metropole nicht bestehen bleibt. Kolonialismus kompromittiert, nicht einmal Rom vermochte dem zu entkommen. Dasselbe lässt sich zweifellos an den Mini-Kolosseen der Provence, den kleinen Parisen in Algerien beobachten. Am Ende ist es immer die Metropole, die lächerlich wirkt. Seid nicht fruchtbar, und mehret euch nicht. Österreich hat sich dieser Tatsache zu spät gebeugt und ist jetzt arm dran.

Da ich an die Kolonisierten ein Stückchen donauabwärts gewohnt bin, ist meine erste Vision von Österreich die von etwas Pneumatischem, um nicht zu sagen: Aufblasbarem. Als ob man das Ungarn, das ich kenne, mit Luft vollgepumpt und so im Ganzen erweitert hätte. Größer und imposanter, aber genau dasselbe.

Es ist entschieden nicht einfach, sich einen Weg zu Österreich zu bahnen. Sein Image als Aufbewahrungsort des Hasses und seine verkrampfte Gemütlichkeit verbieten es, sich an ihm zu erfreuen. Es ist leicht, mit Sissi und Waldheim die zwei Seiten derselben Medaille aufzuzeigen. Hier der Zucker, dort der Tod.

Am besten überlässt man wohl den Dichtern das Wort, um zu hören, wie sie sich und uns sehen. Als ich ihn um ein Gedicht über Europa bitte, schlägt mir Michael Hammerschmid, der mir freundlicherweise etwas Zeit in Wien widmete, als ich „so schlecht gebucht“ hatte, diese wenig aufbauenden Verse vor:

am boden saß der vogel

neben einem auto

und flog nicht fort

er saß am boden

braun gescheckt lebendig

die sonne schien

der sommer stand im becken

der stadt

der vogel blieb

am boden

nur die passanten

gingen fort.

Andreas Unterweger gelingt es, als gutem Schüler Alfred Kolleritschs, dank einer doppelten Sprache von klinischer Präzision die Landschaften des „Vaterlandes“ (der „Heimat“) von Umweltpolitik künden zu lassen. Oder davon, wie der Atompilz und die oil company bis ins Land des Kürbiskernöls und der Sonnenblumen hinein eine Bedrohung darstellen.

Die Sonnenblumen

Die Sonnenblumen: strahlenkrank.
Den ganzen Sommer über

hielten sie vor dem Dorf die Stellung.
Hielten sie ihre Köpfe hin,

wenn aus dem Osten, Tag für Tag,
der Feuerball aufstieg, der Lichtblitz kam …

Unter den Pilzwolken, dem sauren Regen
die Sonnenblumen: schwer verstrahlt.

Und all das nur wegen dem bisschen Öl.

Und, um diese Eskapade abzuschließen, eine beunruhigende Anmerkung desselben Autors, in der sich zeigt, dass – in Ermangelung einer anderen Sprache als jener der Großväter – selbst die ländliche Idylle von der Erinnerung an und die Angst vor dem Krieg geformt wird.

GrossVaterSprache

Die Panzerwagen der Ernte-Division
sind gestern früh durch unser Dorf gerollt.

Vier Kilometer nördlich stand der Mais.
Sie mähten ihn, sie metzelten ihn nieder.

Erst gegen Abend herrschte auf dem Schlachtfeld
dann wieder Schweigen, sozusagen: Frieden

das Wort, für das der Weltsprache der Kriege,
in der ich schreiben muss, die Bilder fehlen.

To be continued.

***

Hier zwei Rezensionen:

Die erste, private, stammt von einer Dame aus Graz. Ein Auszug:

„Ein ganz negativer, dunkler Befund. Ein typischer Österreicher fast.“

Die zweite, öffentliche stand in der Kleinen Zeitung v. 3.12.17 – danke, lieber Werner Krause!

 

manuskripte 218 – Präsentation

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 25. November 2017

Nachtrag zum Termin:

23.11.2017, 19:00, Alfred Kolleritsch und Andreas Unterweger präsentieren die manuskripte 218. Es lesen Thomas Stangl, Yara Lee und Schauspieler Daniel Doujenis (Lyrik von Max Sessner, Franz Josef Czernin und Verena Stauffer). Veranstaltungssaal der Steiermärkischen Landesbibliothek, Raubergasse 10, 8010 Graz.

Eine ebenso stimmige wie stimmungsvolle Veranstaltung, die von der Bühne aus so ausgesehen hat …

… und aus Perspektive des Publikums so:

Was für eine herzliche Begrüßung! Katharina Kocher-Lichem, Direktorin der Steiermärkischen Landesbibliothek, liest zu Beginn der ersten manuskripte-Präsentation in ihrem Haus ein Gedicht von Alfred Kolleritsch aus der ersten manuskripte-Ausgabe, 1960 …

Ich spreche über das Heft, sein Titelbild, „Aus der Erde wächst eine organische Skulptur“ von Hartmut Urban (1973), nenne die im Heft mit Beiträgen vertretenen AutorInnen 1) und stelle die Akteure des Abends vor.

„Das wäre nun also Afrika, denkt er“. Thomas Stangl liest einen Auszug aus dem Roman „Fremde Verwandtschaften“, der 2018 bei Droschl erscheinen wird.

„‚Geh nach Hause und genieß dein Leben‘, sagt einer“. Yara Lee liest den Vorabdruck aus ihrem Debütroman „Als ob man sich auf hoher See befände“, der 2018 bei Residenz erscheinen wird.

 
„immer dasselbe zart, aber auch roh mantische / fortwandern von holzweg zu holzweg.“ Unser Publikumsliebling, Schauspieler Daniel „Doujenissos“ Doujenis liest Gedichte Franz Josef Czernin (Zitat), Max Sessner und manuskripte-Förderpreisträgerin 2017 Verena Stauffer.
Hier zu bewundern im Film von Edwin Rainer alias VOICEINSPIRATION (vielen Dank!):

<p><a href=“https://vimeo.com/246682199″>&quot;manuskripte 218/2017&quot; LYRIK – Einf&uuml;hrung: ANDREAS UNTERWEGER, Lesung: DANIEL DOUJENIS</a> from <a href=“https://vimeo.com/voiceinspiration“>voice-inspiration channel</a> on <a href=“https://vimeo.com“>Vimeo</a&gt;.</p>
*
Schön war´s in der Landesbibliothek!
Heft 218 ist wie jede Ausgabe der manuskripte ein Knüller und hier zu bestellen: manuskripte-Online-Shop.
*
1) AutorInnen manuskripte 218:
Thomas Ballhausen, Alida Bremer, Wojciech Brzoska, Franz Josef Czernin, Hans Eichhorn (rotahorn-Preis 2017), Günther Freitag, Dieter M. Gräf, Cecilia Hansson, Jochen Jung, Adelá Knapová, Johannes Kühn, Mariusz Lata, Yara Lee, Friederike Mayröcker, Guillaume Métayer, Daniel Nachbaur, Jan Volker Röhnert, Almut Tina Schmidt (rotahorn-Förderpreis 2017), Andrea Scrima, Max Sessner, Thomas Stangl, Verena Stauffer (manuskripte-Förderungspreis 2017), Aleš Šteger, Mikael Vogel.
*
Fotos von Julian Kolleritsch und A.U.

„Wortnetze, in denen man sich gern verfängt“ (Kleine Zeitung v. 12.11.17)

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 12. November 2017

Am 12.11.2017 in der Kleinen Zeitung: meine Rezension zum Gedichtband „Im Ausgehorchten“ von Hans Eichhorn, rotahorn-Preisträger 2017 – eine Hommage.

Erst der veröffentlichte Artikel …


… dann die Originalversion:

Die Stille ist ein Tun geworden

Die Gedichte des rotahorn-Preisträgers Hans Eichhorn schöpfen aus dem Schweigen

Die am lautesten schreien, sind nicht zwangsläufig jene, die am meisten Aufmerksamkeit verdienen. Diese alte Rotkreuz-Weisheit lässt sich glatt auf den Literaturbetrieb übertragen. Zu den so genannten „Stillen im Land“, die von den Literaturkritik-Sanitätern in ihrer täglichen Aufregung oft sträflich übersehen werden, zählt Hans Eichhorn.

Der 61-jährige Oberösterreicher erlebte den wohl größten medialen Hype um seine Person erst kürzlich, in diesem Sommer. Der im Zweitberuf als Fischer tätige Autor hatte, aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz, sein in den 90ern verlorenes Geldbörsel aus dem Attersee geangelt. Selbst Boulevardblätter berichteten. Um die knapp 30 Prosa- und Lyrikbücher, die er in den Jahrzehnten davor veröffentlicht hat, war es dagegen medial vergleichsweise still geblieben …

Die Stille, wenngleich eine ganz andere, wesentlichere, prägt auch Eichhorns jüngste Publikation, den Lyrikband Im Ausgehorchten. „Und plötzlich ist es still“, hebt etwa ein typisches Gedicht an, „Fast ein Atemanhalten und der Sinuston in den Ohren“ ein anderes, oder: „Die Stille des Hauses nimmt dich in ihre Mitte“.

Wie bei John Cage ist auch die Stille in Hans Eichhorns Gedichten nicht mit der Abwesenheit von Geräuschen gleichzusetzen. Sie bezeichnet vielmehr den Zustand einer gesteigerten Aufmerksamkeit, eine Bewusstseinsveränderung, durch die das lyrische Ich nicht unbedingt immer zur Ruhe, aber doch zu sich kommt. Die zumeist nächtliche Stille ist jener See, aus dem der Dichterfischer, „die Ohren […] geräuschgespitzt“, seine Sprachbilder holt. Titelgebend wird sie zum „Ausgehorchten“, zum Be- und Erschriebenen: „Und die Stille ist ein Tun geworden“, „erschwiegen die Schrift“.

Geräusche der Außenwelt (Autos, die Schreie der Blässhühner oder, um „Punktfünfuhrsiebzehn“, die Katze) verbinden sich mit nachwirkenden Skurrilitäten des öffentlichen Diskurses und dem permanenten inneren Lärm (Erinnerungen, Selbstgespräche, Zweifel …) zu meist kurzen, unprätentiös konzipierten Meditationen von poetischer Vieldeutigkeit – „nur nicht mit Logik die Sache verderben“. Beeindruckend, wie der Autor sein reduziertes Motivinventar immer wieder neu zu arrangieren vermag. Und wie er daraus dichte Wortnetze webt, in denen man sich beim Lesen gerne verfängt.

Am 13.11. bekommt Hans Eichhorn den von Saubermacher-Gründer Hans Roth gestifteten rotahorn-Preis verliehen. Die Jury (Alfred Kolleritsch, Barbara Frischmuth, Reinhard P. Gruber, Werner Krause) würdigt in ihm den „getriebenen Sprachwerker, der Fische aus dem Attersee und Wörter aus der Möglichkeitskiste zieht“. Die festliche Preisverleihung findet in der Steiermärkischen Landesbibliothek statt. In aller gebotenen Stille – es könnte also laut werden!

*

Mit bestem Dank an Werner Krause für die professionelle und herzliche Betreuung/Zusammenarbeit!

manuskripte 217 – Marginalie

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 30. September 2017

Alfred Kolleritschs und meine Marginalie zu Heft 217 (!) der manuskripte, das am 28.09., im Kulturzentrum Minoriten beim Lesefestival „Hoffnung als Provokation“ (feat. Steirischer Herbst), präsentiert wurde.

 

Marginalie

 

Es kommt selten vor, dass Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften eine Bedeutung erlangen, die über die jedem gegönnten Freuden der Selbst-, Leser- und Verlagsfindung hinausgeht. Umso bemerkenswerter, wenn es doch geschieht: „I have been so proud of the fact that two of my articles have been published in manuskripte back in 2013 that I included it in my official court defense!“, schrieb uns die in der Türkei aus politischen Gründen inhaftiert gewesene Autorin Asli Erdogan nach ihrem Gerichtsprozess, bei dem sie – wir hoffen, nicht nur vorläufig! – freigesprochen wurde.

 

Befreiende Wirkungen wünschen wir auch jenen Texten, die unter dem Titel „Hoffnung als Provokation“ in diesem Heft versammelt sind. Renommierte Autorinnen und Autoren aus internationalen Krisengebieten, darunter eben auch Asli Erdogan, werfen poetische bis essayistische Perspektiven auf den Begriff der Hoffnung. Dieser Sonderteil ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum bei den Minoriten, dem Internationalen Haus der Autoren in Graz und, nach exakt 10 Jahren Pause, auch mit dem Steirischen Herbst. „Die Kunst hält ihre Hand hin, / der herbst schnipselt daran!“* Möge die Maniküre gelingen!

 

Gewohnt struwwelpetrig freilich der Hauptteil unserer Ausgabe 217, in der sich – neben mehreren manuskripte-Vertrauten (Ilma Rakusa, Olga Martynova, Angelika Reitzer …) und Entdeckungen (Georg Leß, Christian Lange-Hausstein …) – nach langen Jahren des Schweigens erfreulicherweise auch ein neuer literarischer Text von Bettina Galvagni findet.

 

A.K./A.U.

 

manuskripte 217 – Präsentation

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 29. September 2017

Nachtrag zu:

28.09.2017, 18:00, Alfred Kolleritsch und Andreas Unterweger präsentieren die manuskripte 217 beim Literaturfestival „Hoffnung als Provokation“ im Rahmen des 50. steirischen herbstes. Es lesen Asli Erdogan, Radka Denemarkova, Jazra Khaleed. Im weiteren Verlauf des Abends lesen: Hamed Abboud, Ghayat Almadhoun, Fiston Mwanza Mujila, Serhij Zhadan, Shumona Sinha, Alexander Ilitschewski . Minoritensaal, Kulturzentrum bei den Minoriten, Mariahilferplatz 3, 8020 Graz.

Große Freude mit der Präsentation der manuskripte 217, die gestern, am 28.9., im vollen großen Minoritensaal im Kulturzentrum bei den Minoriten, das Lesefestival „Hoffnung als Provokation“ (feat. Steirischer Herbst) eröffnete.

Berührendes, Kluges, exzellente Dichtung, packende Leseperformances und intensive Diskussionen ließen den langen, über zwei Bühnen laufenden Abend kurz und Hoffnung als etwas tatsächlich nicht allzu Provokant-Vermessenes erscheinen.

Im Namen der manuskripte danke ich allen Institutionen und Personen , die diesen gelungenen Abend mitorganisiert haben, insbesondere Birgit Pölzl (Kulturzentrum bei den Minoriten), Luise Grinschgl (Kulturvermittlung Steiermark) und Thomas Wolkinger (FH Joanneum).

 

Hier der Facebook-Bericht der manuskripte mit Fotos der ProtagonistInnen des Abends.

Oder …

Ich spreche im Namen der manuskripte über die manuskripte – und überbringe Grüße von Alfred Kolleritsch.

 

 

Mehr zu „Hoffnung als Provokation“.

 

Das Inhaltsverzeichnis der manuskripte 217:

 

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Literatur im Werk XIV – PK

Posted in Das gelbe Buch, manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 25. August 2017

Gestern in Draxlers Büchertheke in Leibnitz:
Pressekonferenz im Hinblick auf die kommende manuskripte-Lesung …

16.09.2017, 19:00: Alfred Kolleritsch, Valerie Fritsch, Angelika Reitzer und Andreas Unterweger lesen bei Literatur im Werk XIV. Mit Klezmer-Musik von ADANA und Buffet. Werkstatthalle der Fa. PEUGEOT – SUZUKI Marko, Kapellenweg 8, 8430 Leibnitz.

V.l.n.r.: Alfred Kolleritsch, Andreas Unterweger, Helga Höhn, Erwin Draxler.

Die anwesenden Damen und Herren von der Presse waren ausgezeichnet und die Schinkenkipferln sehr interessiert – nein, umgekehrt – jedenfalls danke!

Wir freuen uns auf das legendär zahlreiche und stürmische Leibnitzer Publikum!
Nähere Informationen hier:

Und hier zwei der Pressereaktionen:

Bettina Kuzmicki in der Kleinen Zeitung v. 25.08.

 

Eva Heinrich auf meinbezirk.at v. 24.08.

Offener Brief an Europa

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 24. August 2017

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

 

nächste Woche besuche ich folgende Veranstaltung – kommt doch auch!

 

Offener Brief an Europa

Diskussionsveranstaltung mit Angelika Reitzer*, Aleš Šteger und Stefan Hertmans

Dienstag, 29.8.2017, 19:00 Uhr

Veranstaltungssaal der Steiermärkischen Landesbibliothek, Kalchberggasse 2 / Joanneumsviertel, 8010 Graz

Steiermärkische Landesbibliothek in Kooperation mit   manuskripte-3

Alle weiteren Informationen finden sich in der unten stehenden Aussendung von Katharina Kocher-Lichem, der Leiterin der Steiermärkischen Landesbibliothek.

Nur dies vorweg:

„Der offene Brief an Europa“ von Stefan Hertmans ist ein wunderbar geschriebener, tatsächlich „poetischer“ Essay über Europa und die wichtigen Fragen, denen es sich heute gegenübersieht. Hier letzten Samstag in der FAZ.

Aleš Šteger (Mitte) …

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… und Angelika Reitzer, die dankenswerterweise statt der erkrankten Radka Denemarková am Gespräch teilnehmen wird …

Angelika Reitzer, Andreas Unterweger

… sind langjährige manuskripte-Autoren und nicht nur als solche ein Hit.

Und nachdem es sich bei der Veranstaltung um eine Art Außenstelle des Festivals „dnevi poezije in vina – days of poetry and wine“ in Ptuj handelt, darf man sich wohl auch auf die berühmte slowenische Gastfreundschaft freuen!

Bis Dienstag!

Gesendet: Mittwoch, 23. August 2017 um 14:12 Uhr
Von: „Kocher-Lichem Katharina“
An:  alle
Betreff: Diskussionsveranstaltung „Offener Brief an Europa“, LB, 29.8., 19 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde der Landesbibliothek!

Am Dienstag, 29. August, wird um 19 Uhr in der Steiermärkischen Landesbibliothek der „Offene Brief an Europa“, eine Initiative des slowenischen Lyrikfestivals „Tage der Poesie und des Weines“ („dnevi poesije in vina“) präsentiert. Der „Offene Brief an Europa“ ist ein neuer Part des Festivals, der nun jedes Jahr von einem namhaften Festivalautor verfasst werden soll – 2017 ist es der flämische Autor Stefan Hertmans.

Andreas Unterweger von den manuskripten wurde gebeten, für diesen „Offenen Brief an Europa“ auch eine internationale Plattform zu suchen. Der „Offene Brief“ (siehe Link unten) wird nun heute um 20.30 Uhr im Rahmen des Festivals in Ptuj präsentiert, am 29.8 um 12 Uhr in Zagreb und am 29.8. um 19 Uhr in Graz an der Landesbibliothek.

Gemeinsam mit den manuskripten lädt die Landesbibliothek daher herzlich zur Diskussion „Offener Brief an Europa“!

 

Offener Brief an Europa

Diskussionsveranstaltung mit Radka Denemarková, Aleš Šteger und Stefan Hertmans

 

Dienstag, 29.8.2017, 19:00 Uhr

Im Veranstaltungssaal der Steiermärkischen Landesbibliothek,
Kalchberggasse 2 / Joanneumsviertel
8010  Graz

Das Festival Tage der Poesie und des Weines, eines der angesehensten mitteleuropäischen Lyrikfestivals, verwirklicht als einen Festivalschwerpunkt 2017 in Zusammenarbeit mit der Allianz Kulturstiftung Berlin das Projekt Offener Brief an Europa. Im August 2017 wird im Zuge des Festivals die erste Edition des Briefes vorgestellt, mit dem Versuch einen Appell an Europa und die Welt zu senden und ihnen dadurch die Sprache der Kunst zurückzubringen –  sinnreich, subtil und penibel. Möglicherweise ergeht es Europa nicht gut, da es aufhörte auf die Sprache der Lyrikerinnen zu hören und anfing in einer Sprache von Kommentaren zu brüllen? Die künstlerische Leitung des Festivals wird künftig jedes Jahr eine(n) Dichter(in) auswählen und damit eine Möglichkeit schaffen an Europa zu appellieren und ein Problem anzusprechen, dass ihr oder ihm am dringlichsten erscheint.

Den ersten Offenen Brief an Europa wird der flämische Autor Stefan Hertmans verfassen, eine der hervorragendsten Stimmen zeitgenössischer Literatur, Lyriker, Essayist, Novellist und Intellektueller, der aus dem Land kommt, dessen Hauptstadt als Synonym für Europa gilt. Erstmals wird er bei der Eröffnung des Festivals Tage der Poesie und des Weines vorlesen und am Dienstag, den 29. August 2017, um 19 Uhr in der Landesbibliothek Graz zu Gast sein.

  • Begrüßung und einleitende Worte von Aleš Šteger
  • Stefan Hertmans liest den Brief vor
  • Gesprächsrunde mit Mag. Stefan Börger (Leiter des Europareferates des Landes Steiermark) und den Autoren Stefan Hertmans und Radka Denemarková

Der Link zum Festival: http://www.versoteque.com/en/2017/

Und der Link zum „Offenen Brief an Europa“: http://www.readcentral.org/uploads/files/open-letter-to-europe_stefan-hertmans_translated-by-donald-gardiner_za-splet.pdf

Der Besuch der Veranstaltung ist kostenlos.

Ich freue mich über zahlreiches Interesse!

 

Mit freundlichen Grüßen

Katharina Kocher-Lichem

 

Mag. Katharina Kocher-Lichem
Leitung Steiermärkische Landesbibliothek

Amt der Steiermärkischen Landesregierung –
Abteilung 9 Kultur, Europa, Außenbeziehungen

Joanneumsviertel
Kalchberggasse 2, 8010 Graz

 

 

Ein magischer Abend! (manuskripte 216)

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 23. Juni 2017

Nachtrag zu dem Termin: 21.06.2017, 19:00, Alfred Kolleritsch und Andreas Unterweger präsentieren die manuskripte 216. Es lesen Hans Eichhorn, Erwin Einzinger, Björn Treber und Schauspielerin Susanne Konstanze Weber. Schauspielhaus Graz, Haus 3, 8010 Graz.

 

Mehr als nur Zahlenmagie war im Spiel, als Alfred Kolleritsch und ich gestern, am 21.6. die Nummer 216 (!) der manuskripte präsentierten …

*

Von allen hitzigen Geistern der Sommersonnenwende befeuert, entwickelte sich ein sowohl literarisch als auch stimmungsmäßig zauberhafter Abend, der in ein großes, fröhliches Beisammensein unter freiem Sternenhimmel mündete.

Unser Dank gilt dem so zahlreichen Publikum, das sich von Hitze, trickreicher Vorberichterstattung in punkto Beginnzeit und attraktiver Konkurrenz nicht beirren ließ.

 

Eine kleine Chronologie in Bildern (alle mit * von Julian Kolleritsch – danke!):

*

Ich spreche über das Datum und das Heft – das, wie immer, mit nichts als Highlights gespickt ist, darunter Texte von Elfriede Jelinek, Yoko Tawada und Friederike Mayröcker – nicht zu vergessen unsere aktuelle Debütantin Anna-Sophie Fritz und der wegweisende Essay von Harald Miesbacher über Werner Schwabs literarische Anfänge.

Herzlichen Dank für dieses Video an den unermüdlichen Kamera-/Eckermann des Grazer Literaturlebens, Edwin Rainer alias VOICEINSPIRATION!

Björn Treber liest mit „In Weintriebs Haus“ einen Text, der aus demselben Romanprojekt stammt wie jener, den er in Bälde beim Bachmannpreis in Klagenfurt vorlesen wird:

„Du erfindest ja andauernd Gefährdungen, denen wir gar nicht ausgesetzt sind.“

*

Autor, Fischer und Maler (s. Titelbild!) Hans Eichhorn liest aus seiner literarischen Bewusstseinsreise „Verlockung“ – „Die Hoffnung, Wörter, Sätze mögen sich beinahe selbst formulieren.“

*

Erwin Einzinger liest aus seinen wie immer vor grenzgenialen Bildern überbordenden Prosagedichten „Ein Strahl nahezu unverfälschter Freude“ – „Hey, kleiner aufschraubbarer Bleistiftspitzer in einer blauen Globuskugel aus zartem Bakelit, komm, sei unser Gast!“

*

Alfred Kolleritsch, Hans Eichhorn und Schauspielerin Susanne Konstanze Weber lauschen Erwin Einzinger.

Susanne Konstanze Weber liest Gedichte von Valzhyna Mort und Michael Krüger – aus seinem neuen Gedichtband-Manuskript „Einmal einfach“.

(Herzlichen Dank auch für dieses Video, lieber Edwin Rainer alias VOICEINSPIRATION!)

*

Après-Poésie:

Die Herren Philipp Kolleritsch, Treber, Einzinger und Alfred Kolleritsch.

Weinzettl, Ehepaar Eichhorn, Miesbacher, Moysich.

Das manuskripte-Heft 216, fast alle anderen Ausgaben von 1960 bis heute und das höchst günstige manuskripte-Abonnement lassen sich wie immer bequem hier bestellen: http://www.manuskripte.at/webshop

 

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Björn Treber (Kleine Zeitung v. 25.05.17)

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 26. Mai 2017

Gestern, am 25.05.17, in der Kleinen Zeitung, aber auch heute noch gültig: Mein Porträt von Björn Treber, Teilnehmer der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt 2017.

Hier ein Foto des Zeitungsartikels …

… und hier die ursprüngliche Fassung:

Mit vollem Risiko nach Klagenfurt

 

Den jungen Kärntner Björn Treber hat wohl kaum jemand als Teilnehmer beim Bachmann-Preis erwartet. Der Jury empfohlen wurde er von der Grazer Literaturzeitschrift manuskripte.

 

Wettkampfsituationen sind nichts Neues für Björn Treber. Schließlich galt der 24-jährige als großes Tennistalent. Drei Jugendstaatsmeistertitel und ein 7:1-Score gegen Dominic Thiem sprechen für sich. Seine Leidenschaft galt aber anderem: „Im Internat in der Südstadt bin ich um fünf Uhr aufgestanden, um zu lesen“, erzählt er. Kein Wunder, dass ihm für das Training bald die Kraft fehlte.

Die steckte er in den Sport namens Literatur … Nach Beginn eines Germanistik-Studiums in Graz schickte er seine Versuche an die manuskripte, wo ich damals schon als Redakteur arbeitete. Ich weiß noch, wie mir Alfred Kolleritsch erstmals einen Text „von diesem langen Kärntner“ über den Schreibtisch schob. Wir druckten die allzu expressiven Frühwerke zwar nicht ab, waren aber von der Hingabe und Lernwilligkeit ihres Autors beeindruckt.

In der Folge kam der junge Mann oft zu Text- und Lebensbesprechungen in die Redaktion, zahllose E-Mails gingen hin und her. Und einmal verkosteten wir gemeinsam Treberschnaps. „Bei den manuskripten“, meint er heute, „habe ich zum zweiten Studium immatrikuliert.“

In Heft 211 und 214 debütierte der Doppelstudent endlich mit Prosa: introspektiven Beobachtungen, die in jeder Formulierung um maximalen Ausdruck ringen. Dass Juror Stefan Gmündner ihn mit seinem Text Weintrieb für die Tage der deutschsprachigen Literatur nominiert hat, ist aber auch für Alfred Kolleritsch und mich eine Überraschung – eine erfreuliche!

Vor einem der groben Verrisse, für die das Wettlesen berüchtigt ist, zeigt Björn keine Angst. „Ich bin zwar etwas nervös, war aber schon beim Tennis ein Risikospieler!“, lacht er.

Vor Klagenfurt gibt Treber noch ein Heimspiel und liest bei der Präsentation der neuen manuskripte am 21.6., um 19:00, im Schauspielhaus Graz.

Björn Treber mit Alfred Kolleritsch …

… im Café König …

… und mit Treberbrand.

*

Mit bestem Dank für die gute Zusammenarbeit, lieber Werner Krause!

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