Andreas Unterweger

manuskripte in Berlin – Vorschau

Posted in Das Gelbe vom Jahr, manuskripte by andreasundschnurrendemia on 29. März 2018

Vorschau auf den Termin:
05.04.2018, 19:00, Andreas Unterweger bei der manuskripte-Präsentation in Berlin. Lesungen und Podiumsdiskussion. Es lesen Ruth Benrath, Georg Leß, Andrea Scrima, Gerhild Steinbuch, Andreas Unterweger, Joceline Ziegler. Moderation: Fabian Thomas. Literaturhaus Lettrétage, Mehringdamm 61, 10961 Berlin, Deutschland.

Vorschautext der manuskripte:

Seit 1960 liefert die Grazer Literaturzeitschrift „manuskripte“ laut ihrem Gründer und Herausgeber Alfred Kolleritsch „die beste Information, wie es mit der Literatur weitergeht“.

Im Literaturhaus Lettrétage präsentiert Andreas Unterweger, der neue Mitherausgeber der Zeitschrift, Lyrik, Prosa und dramatische Texte von Berliner „manuskripte“-AutorInnen aus den jüngsten der mittlerweile 219 (!) Ausgaben.

Die folgende Podiumsdiskussion über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der „manuskripte“ und der Literatur überhaupt wird von Fabian Thomas moderiert.

Kurzlesungen von:

Ruth Benrath (Berlin, D): „Lindern“ (Erzählung)
Georg Leß (Berlin, D): Gedichte
Andrea Scrima (Berlin, USA): „Wie viele Tage“ (Romanauszug)
Gerhild Steinbuch (Berlin, A): „Friendly Fire“ (Theater)
Andreas Unterweger (Leibnitz, A): „Das Gelbe vom Jahr“ (Prosa)
Joceline Ziegler (Magdeburg, D): Gedichte

Moderation: Fabian Thomas

Anschließend reger Heftverkauf, Abonnementabschlüsse und österreichische Gemütlichkeit!

Eintritt frei.

(Mit freundlicher Unterstützung des Österreichischen Kulturforums in Berlin)

Vorschautext des Berliner Literaturhauses Lettrétage:

Zur Feier des bevorstehenden manuskripte-Meet and Reads im Literaturhaus Lettrétage in Berlin durfte ich Tom Bresemann, dem Mitbegründer von Lettrétage, folgendes Interview geben:

Was sind die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen Deiner Tätigkeit als Mitherausgeber der Manuskripte?

Seit Ende 2016 stehe ich Alfred Kolleritsch als Herausgeber der manuskripte zur Seite. Unsere Tätigkeit ist schnell definiert: Wir suchen nach den besten noch unveröffentlichten literarischen Texten, um sie in unserer Zeitschrift abzudrucken.

Zum einen durchforsten wir die wöchentlich rund 30 Einsendungen, die wir erhalten, zum anderen laden wir AutorInnen zur Mitarbeit ein – ob es sich nun um langjährige, sozusagen „regelmäßige“ BeiträgerInnen handelt (etwa Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Robert Menasse, Ilma Rakusa u. a.) oder um jüngere AutorInnen, die uns aufgefallen sind.

Bei der Auswahl der Texte agiert die manuskripte-Redaktion traditionell „offen“. Das heißt, es geht rein um die literarische Qualität der Texte – keine spezielle literarische Richtung wird bevorzugt. Die einzige Grenze, die wir außerhalb ästhetischer Kriterien ziehen ist die zur extremen Rechten. Andererseits kommen von dieser Seite so gut wie nie Texte. Schon gar nicht welche, die man in Betracht ziehen könnte!

Meine Aufgabe sehe ich auch darin, jüngeren deutschsprachigen AutorInnen die Scheu vor den ach so traditionsreichen manuskripten zu nehmen. Verglichen mit anderen Literaturzeitschriften mag es tatsächlich schwerer sein, in den manuskripten zu veröffentlichen, dafür hat diese Publikation dann aber auch wirklich Gewicht – etwa in der Wahrnehmung von VerlagslektorInnen.

Was erwartet das Publikum am 5. April in der Lettrétage?

Die beste Information, wie es mit der Literatur weitergeht!  Diese Information wird sowohl praktisch übermittelt (siehe Liste der Lesenden), zum anderen theoretisch: In einem Gespräch mit Fabian Thomas gebe ich meine Einschätzung zum gegenwärtigen Stand des Literaturbetriebs ab. Und beim gemütlichen Beisammensein nach der Veranstaltung wird sich die Gelegenheit ergeben, mit allen Auftretenden und den anderen anwesenden manuskripte-AutorInnen ins Gespräch zu kommen, diverse manuskripte-Hefte durchzublättern, zu kaufen oder gar ein Abonnement zu bestellen.

Worauf freust Du Dich am meisten?

Auf all die Freunde – alte und neue! Die manuskripte waren und sind geprägt von der Freundschaft zwischen Schreibenden – legendär etwa jene von Alfred Kolleritsch und Peter Handke. Gerhild Steinbuch veröffentlicht seit 2005 in den manuskripten, ich selbst kenne sie ungefähr gleich lang – es ist immer eine Freude, sie zu treffen. Ruth Benrath und ich haben uns 2011 bei der Autorentagung “Literarische Brennpunkte. Mikrotexte aus Lateinamerika und Europa“ im Literaturhaus Lettrétage kennengelernt und schon damals viel Spaß zusammengehabt. Viele andere kenne ich nur vom Lesen und Mailen – umso schöner, sie endlich persönlich kennenzulernen. Ich hoffe, dass viele unserer Berliner AutorInnen zur Lesung kommen – hoffentlich auch ein paar zukünftige!

*

In diesem Sinne: Bis nächste Woche!

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manuskripte 219 – Präsentation

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 9. März 2018

Nachtrag zum Termin:
08.03.2018, 19:00, Alfred Kolleritsch und Andreas Unterweger präsentieren die manuskripte 219. Es lesen Miroslava Svolikova und Fiston Mwanza Mujila, begleitet von Patrick Dunst und Impulse Percussion. Schauspielhaus Graz, Haus 3.

Nicht nur ist Heft 219 der manuskripte, wie jedes manuskripte-Heft bisher, das beste manuskripte-Heft seit jeher geworden, nein, auch die Präsentation der 219. Ausgabe war, wie die 218 davor, die beste überhaupt!

Dies zeichnete sich schon bei meiner Anmoderation ab – wurde diese diesmal doch aufgemöbelt mit Trommelwirbeln und  TUSCHS, die die Band an passenden Stellen spielte …

– wie edel ist das denn!

Und es wurde zur Gewissheit bei der Lesung Miroslava Svolikovas, die zwar bereits als eine der vielversprechendsten Dramatikerinnen Österreichs gilt, sich gestern Abend aber mit ihrem minutiös gearbeiteten Text erstmals auch als ebenso exzellente Prosaautorin outete …

Und kuliminierte schließlich im Auftritt Fiston Mwanza Mujilas, einem der wichtigsten steirischen Autoren der Gegenwart. Sein kraftvoller Vortrag, begleitet von den wunderbaren Melodien und Rhythmen von Patrick Dunst (Saxophon), Berni Richter (Marimba) und Grilli Pollheimer (Perkussion), brachte Haus 3 des Grazer Schauspielhauses zum Rocken!

Kongenial: Mwanza Mujila und Dunst …

Fazit: Nach 58 Jahren und 219 Ausgaben der manuskripte stehen die AutorInnen bei manuskripte-Gründer und -Herausgeber Alfred Kolleritsch (sitzend) immer noch Schlange …

(v. r. n. l.: Hedwig Wingler, Cordula Simon, Valerie Fritsch, Thomas Antonic, Judy Pataki)

Im Namen der manuskripte danke ich allen Beteiligten und dem zahlreich erschienenen Publikum!

Die manuskripte 219 lassen sich wie immer bequem im manuskripte-Webshop bestellen!

(Weitere Highlights des Hefts sind ein waschechter „Gomringer“ von Buchpreis-Gewinner Robert Menasse, die aufrüttelnde Rede Almut Tina Schmidts zum Rotahorn-Preis 2017, Sonette von Michael Donhauser, neue Prosa von Ingeborg Horn, das letzte Kapitel des Debütromans von Sarah Kuratle, und ein Essay von Thomas Antonic zu Wolfgang Bauers Skandalstück „Gespenster“.)

Fotos: (c) manuskripte

 

 

France Culture

Posted in manuskripte, Simulakren, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 4. März 2018

Nachzuhören für immer:
05.03.2018, 22:15, Guillaume Métayer spricht mit dem Philosophen Fréderic Worms über seine Reisen durch Mitteleuropa und liest dabei, u. a., Gedichte von Andreas Unterweger.
France Culture Radio (hier zu hören!).

Originaltitel der Sendung: „En compagnie des poètes européens, libres passeurs“ – also so was wie: „In der Gesellschaft europäischer Dichter, freier Schmuggler“. Untertitel: Frédéric Worms im Gespräch mit Guillaume Métayer, Übersetzer, Dichter und Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Po&Sie“.

Ein hirnerfrischend intelligentes, herzerwärmend sympathisches Gespräch, das inhaltlich über weite Strecken Métayers Essay „Von unserem Sonderberichterstatter in Poesie“ folgt, in dem er von seinen Erfahrungen als Styria Artist in Residence 2017 berichtet, und den ich für Heft 218 der manuskripte übersetzt habe. Über die Lesung und Diskussion zweier meiner Gedichte* habe ich mich natürlich besonders gefreut.

Hier ein paar Splitter der umfassenden Ankündigung auf France Culture (mit Foto der Murinsel!):

„Was ist das, ein Dichter im Europa von heute? Um das zu erfahren, ist Guillaume Métayer, ein großer Nietzsche- und Voltaire-Spezialist und selbst ein Dichter, durch Mitteleuropa gezogen, immer entlang des Flusses Mur, den man ausspricht wie „l´amour“ (die Liebe), obwohl er er wie „le mur“ (die Mauer) geschrieben wird (…)
Auf die Frage, was das denn sei, „ein europäischer Dichter“, ist seine Antwort einfach: „Ein Schmuggler.“

[Gullaume Métayer weiter:] „´Ich glaube, dass man sich immer noch durch Europa bewegen und dabei Dinge entdecken kann, die man nicht zwingend sieht. Es gibt das Phänomen einer unfreiwilligen Verdunklung gewisser europäischer Errungenschaften. Man findet oft düstere Ideen über Europa, aber tatsächlich gibt es enorm viele Talente in Europa, passionierte Dichter, die arbeiten, die sich gegenseitig übersetzen. Es gibt eine Republik des Geistes, die existiert, die Skype verwendet, die ein extrem lebendiges Netzwerk bildet. Aber diese erfreulichen Aspekte werden verdrängt. Ich habe den Eindruck, dass man sozusagen in der Vorstellung lebt, dass nichts mehr passieren wird und dass Europa nur noch eine Karikatur seiner Vergangenheit darstellt.´
#Andreas Unterweger #tournesols #Kolleritsch“

Für mich sind das sehr bewegende Worte. Ich lebe in dieser „République des lettres“. Hier ein paar Fotos aus dem Landesinneren:
Guillaume Métayer, Aleš Šteger und ich lesen dreisprachig in Ljubljana:
Métayer und ich übersetzen uns gegenseitig am Trojane-Pass:
In einem privaten Mail hat Guillaume die Sendung übrigens so angekündigt:

„Frédéric Worms ist ein sehr intelligenter Philosoph, ein Bergson-Spezialist, vor allem. Er versteht alles. Er hat deine Gedichte* sehr gelobt, wir hatten eine Diskussion darüber, ob sie von den Geistern der Vergangenheit beherrscht seien oder nicht. Ich habe versucht zu sagen, dass es Hoffnung gibt, aber er hat sich durchgesetzt und hat mir gezeigt, dass das alles dennoch sehr düster sei, diese Sonnenblumen und dieser „Frieden“, der in der Sprache noch nicht existiert …
Was Kolleritsch betrifft, so hat er über über den „Nazismus der Gräber“ gesprochen. Und ich habe von der großartigen Zeitschrift „manuskripte“ erzählt!“

Viel Freude beim Hören!

 

* „GroßVaterSprache“ und „Die Sonnenblumen“

 Nachzulesen am Ende des Essays „Von unserem Sonderberichterstatter in Poesie“ oder in der „Freien Presse“ (Sachsen), die „GroßVaterSprache“ letztes Jahr als „Gedicht der Woche“ abdruckte.
Die beiden Gedichten wurden in manuskripte 213 („Die Sonnenblumen“) und 199 („GroßVatersprache“) erstveröffentlicht.

 

 

Fine Crime Festival – Vorschau

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 5. Februar 2018

Heute in der Kleinen Zeitung:

 

Ich spreche über „Die Dame im roten Mantel“ von Günter Neuwirth.

Falls es jemanden überrascht, dass ich mich diesem Genre zuwende: Bitte, auch ich habe als Krimiautor reüssiert, und zwar exakt vor 8 Jahren – mit dem Kurzkrimi „Die Rache des Plastilins“: hier nachzulesen!

Kommt vorbei – ob es ein Buffet oder Ähnliches gibt, ist noch ungeklärt, aber bei so vielen anwesenden KriminologInnen sollte sich der Fall zur allseitigen Zufriedenheit lösen lassen …

Peter Handke und die manuskripte

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 6. Dezember 2017

Aus aktuellem Anlass, eine Art Vorabdruck:
Mein Beitrag zum Ausstellungskatalog
Peter Handke. Dauerausstellung Stift Griffen, hg. von Katharina Pektor, Salzburg, Wien: Jung und Jung 2017.
Alles Gute zum Geburtstag, lieber Herr Handke!

 

Peter Handke und die manuskripte

»weil ich […] in den manuskripten am liebsten
veröffentliche und veröffentlicht sein möchte«
Peter Handke an Alfred Kolleritsch

Als Peter Handke 1961 in Graz mit dem Studium der Rechtswissenschaften beginnt, sind die manuskripte gerade einmal ein Jahr alt. Am 9. November 1960, anlässlich der Eröffnung des Forum Stadtpark, erstmals erschienen, macht sich die Literaturzeitschrift während Handkes ersten Semestern aber schnell einen Namen.
Ihr Herausgeber, der Gymnasiallehrer und Dichter Alfred Kolleritsch, setzt es sich zum Ziel, im gefährlich verschlafenen Nachkriegs-Graz »die Informationsdefizite [zu] beheben, auch Außenkontakte her[zu]stellen und den Bereich dessen aus[zu]loten, was die neuesten Tendenzen im Bereich der Gegenwartsliteratur« ausmacht. Tatsächlich veröffentlichen die frühen manuskripte nationale wie internationale Repräsentanten der mehr oder weniger »avantgardistischen« Literatur: H.C. Artmann, Konrad Bayer, Heimito von Doderer, Hans Magnus Enzensberger, Raoul Hausmann, Ernst Jandl, Karl Krolow, Gerhard Rühm … Gleichzeitig publiziert man heimische Talente wie Wolfgang Bauer, Gunter Falk oder Barbara Frischmuth.
Nicht zuletzt die hysterischen Reaktionen der lokalen Öffentlichkeit sorgen dafür, dass der Zeitschrift reichlich Aufmerksamkeit zuteil wird. So lässt etwa der Sponsor Steirische Raiffeisenkasse aus Protest gegen ein Gedicht Friedrich Achleitners sein Inserat in allen Exemplaren von Heft 2 (1961) überkleben – ein Vorgeschmack auf den Prozess wegen »Verbreitung der Pornographie«, der gegen Kolleritsch Mitte der 60er Jahre angestrengt wird. Auch die happeningartigen »Dunkelkammer-Lesungen« der manuskripte-Autoren im Forum Stadtpark, jenes Zentrums für »junge« Kunst, dessen Eröffnung erst nach jahrelanger Auseinandersetzung möglich war, lösen regelmäßig mediale Empörung aus.

Peter Handke besucht Veranstaltungen im Forum, wo er, laut Kolleritsch, »düster und mädchenhaft« in der Ecke steht. Das erste Mal fällt er bei einer Lesung Herbert Eisenreichs am 11.6.1963 auf, wo er den einer traditionellen Erzählweise verhafteten Autor heftig kritisiert. Auf Eisenreichs Frage, wer denn dann richtig erzähle, antwortet Handke: »Ich!« Kolleritsch bittet den selbstbewussten Jüngling daraufhin um Texte. Einer davon, das Kurzprosastück Die Überschwemmung, wird in manuskripte 10 (1964) publiziert – das literarische Debüt Peter Handkes.
Von da an sind seine Geschicke eng mit dem Forum und vor allem den manuskripten und ihrem Herausgeber verknüpft. Weitere Texte erscheinen in den folgenden Nummern, darunter, in Heft 12 (1964), ein Auszug aus dem Roman Die Hornissen, dessen Endfassung Handke im Keller des Forum abtippt. Auch das Anti-Drama Publikumsbeschimpfung sowie Das Ermordungskapitel aus Der Hausierer, gelesen bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton, werden in manuskripte 16 und 17 (1966), abgedruckt. Handke tritt mehrfach im Forum auf und vermittelt Klaus Hoffer und Wilhelm Hengstler als Debütanten zu den manuskripten.
Als Kolleritsch in seinen »Marginalien« zu Heft 18 und 19 (1966/67) den Terminus »Grazer Gruppe« in die Literaturgeschichte einführt, zählt er den eben nach Düsseldorf gezogenen Handke dazu. Gemeinsam verteidigen sie sich gegen den Vorwurf des »Ästhetizismus«, den Michael Scharang und Elfriede Jelinek in manuskripte 26 und 27 (1969) gegen sie erheben. Und als Handke 1971 in Graz mit einem Polizisten, der ihm wegen seines langen Haars den Zutritt zur eigenen Lesung verwehrt, in ein Handgemenge gerät, sagt Kolleritsch beim Prozess zu seinen Gunsten aus.
In den folgenden Jahrzehnten geben die beiden gemeinsam Lesungen und besuchen einander regelmäßig. Ihr Briefwechsel, der 2008 unter dem Titel Schönheit ist die erste Bürgerpflicht als Buch erscheint, kündet von ihrer lebenslangen, »kontinuierlich wachsende[n] Freundschaft« (Kolleritsch).

Von einzigartiger Dauer ist auch Handkes Verbindung zur Zeitschrift seines Freundes.
Peter Handke wurde von den manuskripten »entdeckt«. Umgekehrt sind es auch seine über 40 Beiträge in den bislang erschienenen 216 Ausgaben (Stand Juli 2017), die den Ruf der manuskripte als eine der wichtigsten Literaturzeitschriften im deutschen Sprachraum mitbegründet haben.

***

Heute, 6.12.17, in der Kleinen Zeitung: Handke-Wortgeschenke prominenter KollegInnen, darunter zahlreicher manuskripte-AutorInnen (Jelinek, Frischmuth, Stadler, Winkler, Hoffer, Rakusa…), die Werner Krause mit meiner bzw. manuskripte-Hilfe gesammelt hat:

Ich danke allen Beteiligten, insbes. Elfriede Jelinek, Ilma Rakusa, Olga Martynova, Arnold Stadler, Anna Baar, Antonio Fian, Alfred Kolleritsch und Werner Krause!

„Von unserem Sonderberichterstatter in Poesie“ (manuskripte 218)

Posted in manuskripte, Simulakren, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 25. November 2017

Mein eigener Beitrag zu Ausgabe 218 der manuskripte ist die Übersetzung von Guillaume Métayers Essay „Von unserem Sonderberichterstatter in Poesie“.

Der französische Dichter, Übersetzer und Geisteswissenschaftler Guillaume Métayer war im Juni 2017 im Rahmen des Programms „Styria Artist in Residence“ des Landes Steiermark in Graz zu Gast – wir sonderberichteten!

Hier schildert er seine Eindrücke: Graz, die Steiermark und Österreich von aussen, sozusagen – oder die Fremde des Nahen. Und nicht zuletzt eine Art Fest des Huhnes …

*

Guillaume Métayer

Von unserem Sondergesandten in Poesie

Obwohl Mallarmé notorisch zwischen der „universellen Reportage“ und der „Literatur“ unterschied, lässt sich doch, zumal in unserer überinformierten Welt, eine Form der Reportage imaginieren, die sich in den Dienst der Poesie stellt. Eine Erzählung jener Dinge, die sich unentwegt in „der Literatur“ oder rund um sie ereignen, die sie da und dort noch möglich machen, von denen aber niemand oder fast niemand je spricht, außer vielleicht in den ebenso erlaubten wie an den Rand gedrängten Formen der Memoiren und des Interviews, wo sie aber zum Freizeitvergnügen verflachen. Dies fortzuspinnen könnte eine Art „Rettendes in der Gefahr“ bedeuten, ein Gegenfeuer, das an der Schwelle zur Niederlage entfacht wird. Ein Gedanke des argentinischen Dichters Arnaldo Calveyra kommt mir in den Sinn: Die Zeitungen berichten zwar davon, dass einer seinen Nachbarn mit Messerstichen getötet habe, erwähnen aber nie, dass ein anderer, am selben Nachmittag, ein Gedicht schrieb. Von dieser Literaturzeitung, die so geräuschlos ist, dass sie sich häufig im Intimen einschließt, könnten wir, „eines Tages“, versuchen, ein Fragment zu skizzieren, das uns andere Informationen zusteckte als jene, die von allen bis zum Überdruss kommentiert werden („die Aktualität“), mit von hier und anderswo eingeschmuggelten Gedichten – schließlich darf das, was so vertraulich ist, durchaus ein bisschen geheim sein, braucht es Sonderberichterstatter in Poesie, wie in einem fernen Land. Es könnte also der Versuch unternommen werden, zu berichten, zu importieren und, aus allen möglichen Sprachen (hier aus dem Deutschen), zu übersetzen, die Ausfaltungen der Verdrängung der Poesie, die unsere Zeit zu erleben scheint, zu erforschen – eine Verdrängte, deren überschwängliche Rückkehr sich logischerweise in der Phrase „Alles ist Dichtung außer dem Gedicht“ ereignet (den Syllogismus, der dieser Phrase innewohnt, hat Martin Rueff jüngst angeprangert). Kurz, wir könnten auf eine bescheidene, nichtsdestotrotz europäische Weise versuchen, uns dem Gedicht zu nähern, es zu sich zu bringen, es dorthin zu rufen, wo es noch nicht ist, und es da zu erraten, wo es schon fehlt. Als ersten Versuch schlage ich bereitwillig vor, dem Verlauf eines hübschen kleines Flusses, der Mur, für einige Kabellängen zu folgen.

Das letzte Gasthaus

Mitteleuropa ist ein Gasthaus, das geschlossen hat, in dem man aber trotzdem noch bedient wird.

Nicht jeder, natürlich – nur die alten Stammgäste. Man konnte sie nicht einfach so, ohne ihr Lieblingsgasthaus, zurücklassen.

Sie wussten genau, dass hinter dem niedrigen Holzzaun, hinter den Paradeiser- und Paprikapflanzen, noch die Sonnenschirme stehen, mit den verschwundenen Biermarken darauf. Und darunter: einige Plastiktische.

Und so haben sie die Tür aufgestoßen und sind eingetreten, als ob nichts wäre.

Der Wirt und seine Frau wirkten nicht überrascht, sie zu sehen.

Man hätte meinen können, sie hätten alles vorbereitet.

Jedenfalls ist aufgedeckt.

Heute servieren sie ihr letztes Backhuhn. Oder das vorletzte. Aber immer das letzte. Bis zum nächsten Mal. Das nächste Mal, das allerletzte Mal, dass der klapprige Trupp der Stammgäste mehr schlecht als recht in diese Ecke Land in der Stadt, weiter unten am Fluss, bei der Parkhaus-Baustelle, gestolpert kommt.

Zu einem Termin, der in keinem Kalender steht.

Als Beilage zum Geflügel gibt es Salat aus dem Garten in einer wässrigen Sauce, deren Grundlage Kürbiskernöl ist – jenes Kürbiskernöl, das die slowenischen Nachbarn sich anzueignen versucht haben, das aber unser ist. Österreichisch bis in alle Ewigkeit – mit einem Faktum müssen wir uns nicht brüsten. Kürbiskernöl, im Original deutsch. Kürbisöl wäre ungenau. Ein Wort muss sich an eine Sache heranzoomen können, Stück für Stück. Also Kürbiskernöl.

Achtung, es darf nichts vermischt werden: Der Salat wird auf einem eigenen Teller serviert. Später geht die Wirtin wieder vorbei, die Salatschüssel gegen die Schürze gestemmt, die Servierzange in der Faust, wie um die Hühner zu füttern. „Später!“, schreit einer. „Es gibt kein Später“, erwidert sie jovial. Es ist ja das letzte Mal!

Der Wirt schleppt seine humpelnde Leibesfülle mehrere Male bis an den Tisch. Er ist mit weißem Spritzer beladen, es sieht aus wie ein Gleichgewichtsspiel. Weißwein mit Soda vermischt, ein bisschen nach dem Muster der Salatsauce. Bei fünfunddreißig Grad im löchrigen Schatten der Sonnenschirmrentner ist es kein Luxus, den Wein mit Wasser zu versetzen. Der Luxus besteht eher darin, dass er, der aus dem Verkehr gezogene Wirt, unser Mundschenk ist.

Dass er, für uns allein, das Kapital seiner letzten Anstrengungen verschleudert. Jede seiner Gesten, selbst die ungelenkigste, wird dadurch verschönert, nahezu perfekt. Oh, dass er niemals wieder ein Glas, selbst ein einzelnes, anders bringen wird als so, auf diesem kleinen, schwankenden Tablett mit dem schief platzierten Geschirrtuch darauf!

Eine Hommage, und dennoch: Es ist alles sehr familial hier, sagt mein Sitznachbar, äußerst erfreut, während er sich eines panierten Hasenohrs bemächtigt, von dem zahlreiche Ohrläppchen abstehen. Mit Radioaktivität hat das nichts zu tun, es ist nur die Leber des Huhns, die sich in der Panier ausdehnt und verfestigt.

Die Wirtin umkreist den Tisch mit einem Topf voll Reis. Sie lässt es auf jedem Teller mit ihrem Schöpflöffel zweimal klingeln. Ein Löffel für Mama, ein Löffel für Papa. „Papa“, so verabschiedet man sich hier. In der mit weißen Mischungen gespritzten Sonne macht das fast schon Sinn.

Die Wirte verteilen bereitwillig Herr Professors, aber woher wissen sie, wer tatsächlich die höchsten universitären Stufen erklommen hat?

Vielleicht aber ist Professor hier auch etwas ganz anderes. Ein Titel, den man niemals anders als honoris causa verleiht, nach langen Jahren endloser Diskussionen im Inneren eines emeritierten Gasthauses.

Professor, ist das nicht derjenige, der immer am Kopf des Tisches sitzt, dem die Gelehrten reiferen Alters ihre respektablen, kaum von der Frittüre benetzten Schnauzbärte zuwenden?

Professor, ist das nicht derjenige, der am Ende die Scheine zückt?

Professor, der, dessen Scheine man immer zurückweist?

Die Gestik, das steht fest, ist rituell: Du zückst die Scheine, ich weise sie zurück: Nein, nein, Herr Professor. Ihre essentielle Funktion ist es, den Professorenstatus des Professors zu bestätigen.

Nein, Professor, also.

Und außerdem haben wir jetzt geschlossen, wie Sie wissen. Ich habe also keine Kasse mehr. Und wenn ich ihr Geld nähme, dann würden mir die Beamten des Finanzamts Schwierigkeiten bereiten. Das einzige Mal, als ich es versucht habe, sind sie sofort gekommen. Wie der KGB. Man hätte meinen können, sie seien vom Dach gestiegen. Die Nachbarin mit dem Nussbaum war es vielleicht, die mich verraten hat, warum auch immer.

Die Angst vor dem Finanzamt ist ein taktvoller Vorwand, um das Geld zurückzuweisen: Ich verschmähe Ihr Geld nicht, Herr Professor. Ich erweise Ihnen nicht die immense Gunst der Kostenlosigkeit, nach der Sie allzu sehr in meiner Schuld stehen würden. Indem ich Ihnen dieses letzte Mahl anbiete, Ihnen und Ihren Jüngern, erspare ich mir Probleme, Sie verstehen.

Weil wir geschlossen haben, Herr Professor. Wir öffnen nur noch für Sie, einmal im Jahr, an einem beliebigen Tag, ausgerechnet an jenem, an dem Ihre zögerlichen Schritte Sie zu uns geführt haben. Selbstverständlich können Sie aber, wenn Sie darauf bestehen, etwas für die Getränke herlegen, wenn es Ihnen beliebt.

Und so wirft jeder seinen Schein auf den Tisch. Mit spitzen Fingern, wie man eben mit Geld umgeht, das nicht zum Zahlen da ist, das davon wie beschmutzt wirkt. Schließlich kann man die Summe, die man gibt, nur verachten – ist sie doch viel geringer als die Großzügigkeit, an der man teilhatte. Und weil das Ganze ja kein Mittagessen war, sondern nur eine Art Poker mit der Zeit. Wo man dann plötzlich zahlt, um „zu sehen“.

Um das Spektakel andauern zu lassen. Eine kleine letzte Runde für Österreich. Eine letzte Runde für Mitteleuropa.

Um die Welt aus dem Blickwinkel des geschlossenen Gasthauses zu sehen. Um für einen Moment aus diesem funktionierenden Universum auszusteigen. Um für einige Augenblicke abzudriften, wie ein Inselstück, das sich auf der Mur losgerissen hat und das sich schon lange vorsingt, dass es sein Slowenien wiedersehen wird, sein Kroatien, sein Ungarn.

Mit dieser Menge an Scheinen auf dem Tisch, all diesen Gelehrten, die wie zwielichtige Wetter aussehen. Aber es gab gar keinen Hahnenkampf, nur ein Backhuhn. Lange werden sie diese anrüchige Rechnung freilich nicht aufrechterhalten können. Denn sie haben nur dafür bezahlt, um zu sehen, wie es war. Schlimmer, vielleicht: um nicht zu sehen, wie es ist.

Wegen solcher Kleinigkeiten kommen die Finanzamtsbeamten nicht.

Und wenn sie kämen, sie würden sie schnell wieder laufen lassen, hinaus in diese funkelnde Welt, wo sie unaufhörlich dazu gezwungen sind, das zu essen, wofür man bezahlen muss.

Gratia

Warum hast du so schlecht gebucht? Lange musste ich mir vorhalten lassen, zum falschen Zeitpunkt angekommen zu sein. Weil ich ein Flugzeug reserviert hatte, das am Vorabend des Pfingstsonntags landete. Niemand wird in Graz sein, um dich zu empfangen. Niemand im ganzen Haus. In der ganzen Stadt kein offenes Café, wo man deine Schlüssel hinterlegen könnte. Warum hast du so schlecht gebucht? Du wirst in einem Hotel in Wien bleiben müssen. Auf deine Kosten, versteht sich. Und ab Dienstag früh in mein Büro kommen, um die Papiere zu unterschreiben und deine Schlüssel zu kriegen. Warum hast du so schlecht gebucht? wurde, im Geist wiederholt, bald zu einem Echo im Geist von Molières Was hatte er denn auch auf dieser Galeere zu suchen? Und so machte ich mich auf, um – gemäß Thomas Bernhard und Werner Schwab – Nazismen zu sammeln (wie es ja auch Barbarismen gibt). Ich war, wie jedermann, bereit, meinen schwarzen Stein zu werfen.

Und weil ich geglaubt hatte, in einer Bar ein Taufbecken gesehen zu haben, war es nur allzu leicht, daraus eine ganze Geschichte, ein ganzes Sonett gegen Graz zu machen:

Gratia

Um es allein zu tragen ist es zu schwer das Heil
So hatte man in Mitteleuropa den Gedanken
Eines totalen Sonderabverkaufs ohne Schranken
An einem Grabtuchzipfel hängt jeder hier zum Teil.

Vermehret Brot und Bier es wird keinem zu geil
Würstel des HErrn ein jeder hat im Gralschmalz die Pranken
Admiral Biedermeier schätzt es nicht sich zu zanken
Das Laschenschiff gibt träg´ er dem Untergang anheim

Man stolpert schon beim Eingang der Bars in ein Taufbecken
Kratér wohl den sangriaartig Blumen bedecken
Mit Muskatell´ betauft man sich ohne Unterlass

In diesen neuen Jordan tauchen hier alle ein
Man gratuliert sich und umarmt sich in dem Wein
Planscht rum und segnet sich noch in der kleinsten Gass.

Viel später bringt die nette Organisatorin meines Aufenthaltsstipendiums uns, eine rumänische Bildhauerin, ihren schachverrückten Freund und mich, zum Geburtshaus Arnold Schwarzeneggers. Wir besuchen die Kirche von Thal, die steirische Sagrada Família im Kleinformat. Man zeigt uns, am Ufer des Sees, das Boot des Versprechens, jenes „historische“ Kanu, in dem der Gouverneur von Kalifornien um die Hand einer brillanten Nachkommin Kennedys angehalten hat. Und dann das Kriegsdenkmal um die Ecke. Dort findet sich eine Europakarte, mit Kreuzen, die jene Orte bezeichnen, an denen Soldaten aus Thal gefallen sind. Ich finde das interessant, bedauere, so etwas in Frankreich nie gesehen zu haben. Meine Begleiter hingegen sind schockiert. Warum denn?, frage ich. Bei uns gibt es doch auch in jedem Dorf ein solches Denkmal. Brüder, Väter und Ehemänner sind gestorben. Es ist normal, ihrer zu gedenken.

Mag sein, antwortet die Rumänin. Aber hier gibt es nicht das kleinste Monument, das der im Zweiten Weltkrieg ausgerotteten Juden gedenkt. In Österreich hat es keine Entnazifizierung gegeben.

In Österreich hat es keine Entnazifizierung gegeben. So lautet das Leitmotiv der Gespräche unter uns Emigranten. Ich wiederhole es, wie jedermann, möchte es glauben, glaube es, bin mir sicher. Ich erinnere mich an Waldheim, Haider, Hofer. Aber im Grunde weiß ich nicht, inwieweit es tatsächlich wahr ist. Dazu brauche ich mehr als nur eine Reportage. Ich bekomme eine Art Bestätigung in Romanform, als ich, spät, einen schönen Roman von Alfred Kolleritsch, Herausgeber der berühmten Zeitschrift manuskripte, entdecke. Allemann, 1996 bei Verdier auf Französisch veröffentlicht und damals auch wahrgenommen, beginnt mit einem Begräbnis. Irgendwo in der Steiermark, 1980er Jahre. Überall, zwischen den Gräbern und besonders um jenes herum, das gerade gegraben wird, strömen die Nazis zusammen. Sie steigen aus der Erde, aus dem Schatten, von den Bäumen, kommen wieder hoch wie der Wald bei Macbeth. Unter ihren Mänteln zeichnen sich die versteckten Kreuze ab. Kolleritsch beschreibt ihre Sprache mit der Feinfühligkeit eines Klemperer. Sie bedienen sich weiterhin der Sprache ihrer Väter und Großväter, um den Horizont zu verriegeln. Sie sagen weiterhin der Führer. Die Nachkriegsnazis bestatteten sich ebenso heimlich gegenseitig wie die Mormonen sich taufen. Das letzte christliche Sakrament wurde auf extreme Weise in eine nationalsozialistische Salbung verkehrt. Der Nazismus der Gräber – wie einst das Christentum der Krypten.

Und dennoch kann es das doch wohl nicht sein. Ich kann doch nicht in die Steiermark kommen, nur um die Fehler der Väter zusammenzuzählen und das Schweigen der Familien zum Schreien zu bringen. Man muss auch etwas anderes sehen, auch wenn dieser Knödel im Bauch bleiben wird, für immer, nie am selben Fleck, ohne je zu wissen, wo man ihn hinstecken soll und man ihn immer von einem Winkel des Bewusstseins zum anderen trägt.

Das wäre eine persönliche Niederlage, denn Österreich ist mein Missing Link. Die nationale Erziehung hat uns, den braven Germanisten der 1980er Jahre, hauptsächlich Deutschland nähergebracht. „Aus eigenem Antrieb“ (wie es in den Mitteilungsheften unserer Kindheit hieß) habe ich Ungarn erforscht, ohne die geringste Anziehung für das zu verspüren, was mir als weicher Bauch erschien, das no-man’s-land zwischen Berlin und Budapest. Kaum angekommen, verzapfe ich mein Vorurteil gegenüber einem ungarischen Freund: Österreich scheint keine eigene Identität zu haben. Es ist Deutschland ohne die Ernsthaftigkeit, die Schweiz ohne Geld, Italien ohne die Sonne, Frankreich ohne die Eleganz, Ungarn ohne das Feurige, Jugoslawien ohne das Körnchen Verrücktheit. Ich taufe es „Nélkülország“ (das „Ohneland“) … Einfach. Und undankbar … Sollte über Österreich zu schreiben immer schon meckern über Kakanien bedeuten? Mons murem peperit. Ad infinitum? Überladener Gigantismus einer verstaubten Provinz. Die Karosse, die zum Kürbis wurde. Kürbiskernöl für immer. Der tiefe Fall Mozarts, Schuberts, Kafkas, Roths und all der anderen in den Trichter des Schwejk.

Was ist Österreich? Eine absurde Frage, aber welcher Reisende hat denn nicht versucht, ein Bild der durchquerten Länder an sich zu reißen? Simple Selbstbeherrschung kann das nicht verhindern. Es sind Fragen, die man eher überanstrengen sollte als sie bei Spielbeginn zum Schweigen zu bringen. Und so stelle ich beim Betrachten der barocken Kirchen fest, dass es überall dieselben sind, von Györ bis Bratislava, über Maribor und Budapest. Eine Freundin aus Graz, die eben aus Lemberg (oder Lvov oder Lviv) zurückkehrt, hat dieselbe enthusiastische Wahrnehmung gemacht. Und es war übrigens ihr Großonkel, der die Oper von Lvov erbaut hat, eine Nachbildung der Oper in Wien. Des Mutterhauses, sozusagen. Die Konturen der ehemaligen pax austriaca wiederzufinden kann, ich weiß es wohl, nur zu einem allerersten Verständnis dessen führen, was hier geschieht. Am schlimmsten scheint mir, dass die Originalität oder wesentliche Überlegenheit der Metropole nicht bestehen bleibt. Kolonialismus kompromittiert, nicht einmal Rom vermochte dem zu entkommen. Dasselbe lässt sich zweifellos an den Mini-Kolosseen der Provence, den kleinen Parisen in Algerien beobachten. Am Ende ist es immer die Metropole, die lächerlich wirkt. Seid nicht fruchtbar, und mehret euch nicht. Österreich hat sich dieser Tatsache zu spät gebeugt und ist jetzt arm dran.

Da ich an die Kolonisierten ein Stückchen donauabwärts gewohnt bin, ist meine erste Vision von Österreich die von etwas Pneumatischem, um nicht zu sagen: Aufblasbarem. Als ob man das Ungarn, das ich kenne, mit Luft vollgepumpt und so im Ganzen erweitert hätte. Größer und imposanter, aber genau dasselbe.

Es ist entschieden nicht einfach, sich einen Weg zu Österreich zu bahnen. Sein Image als Aufbewahrungsort des Hasses und seine verkrampfte Gemütlichkeit verbieten es, sich an ihm zu erfreuen. Es ist leicht, mit Sissi und Waldheim die zwei Seiten derselben Medaille aufzuzeigen. Hier der Zucker, dort der Tod.

Am besten überlässt man wohl den Dichtern das Wort, um zu hören, wie sie sich und uns sehen. Als ich ihn um ein Gedicht über Europa bitte, schlägt mir Michael Hammerschmid, der mir freundlicherweise etwas Zeit in Wien widmete, als ich „so schlecht gebucht“ hatte, diese wenig aufbauenden Verse vor:

am boden saß der vogel

neben einem auto

und flog nicht fort

er saß am boden

braun gescheckt lebendig

die sonne schien

der sommer stand im becken

der stadt

der vogel blieb

am boden

nur die passanten

gingen fort.

Andreas Unterweger gelingt es, als gutem Schüler Alfred Kolleritschs, dank einer doppelten Sprache von klinischer Präzision die Landschaften des „Vaterlandes“ (der „Heimat“) von Umweltpolitik künden zu lassen. Oder davon, wie der Atompilz und die oil company bis ins Land des Kürbiskernöls und der Sonnenblumen hinein eine Bedrohung darstellen.

Die Sonnenblumen

Die Sonnenblumen: strahlenkrank.
Den ganzen Sommer über

hielten sie vor dem Dorf die Stellung.
Hielten sie ihre Köpfe hin,

wenn aus dem Osten, Tag für Tag,
der Feuerball aufstieg, der Lichtblitz kam …

Unter den Pilzwolken, dem sauren Regen
die Sonnenblumen: schwer verstrahlt.

Und all das nur wegen dem bisschen Öl.

Und, um diese Eskapade abzuschließen, eine beunruhigende Anmerkung desselben Autors, in der sich zeigt, dass – in Ermangelung einer anderen Sprache als jener der Großväter – selbst die ländliche Idylle von der Erinnerung an und die Angst vor dem Krieg geformt wird.

GrossVaterSprache

Die Panzerwagen der Ernte-Division
sind gestern früh durch unser Dorf gerollt.

Vier Kilometer nördlich stand der Mais.
Sie mähten ihn, sie metzelten ihn nieder.

Erst gegen Abend herrschte auf dem Schlachtfeld
dann wieder Schweigen, sozusagen: Frieden

das Wort, für das der Weltsprache der Kriege,
in der ich schreiben muss, die Bilder fehlen.

To be continued.

***

Hier zwei Rezensionen:

Die erste, private, stammt von einer Dame aus Graz. Ein Auszug:

„Ein ganz negativer, dunkler Befund. Ein typischer Österreicher fast.“

Die zweite, öffentliche stand in der Kleinen Zeitung v. 3.12.17 – danke, lieber Werner Krause!

 

manuskripte 218 – Präsentation

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 25. November 2017

Nachtrag zum Termin:

23.11.2017, 19:00, Alfred Kolleritsch und Andreas Unterweger präsentieren die manuskripte 218. Es lesen Thomas Stangl, Yara Lee und Schauspieler Daniel Doujenis (Lyrik von Max Sessner, Franz Josef Czernin und Verena Stauffer). Veranstaltungssaal der Steiermärkischen Landesbibliothek, Raubergasse 10, 8010 Graz.

Eine ebenso stimmige wie stimmungsvolle Veranstaltung, die von der Bühne aus so ausgesehen hat …

… und aus Perspektive des Publikums so:

Was für eine herzliche Begrüßung! Katharina Kocher-Lichem, Direktorin der Steiermärkischen Landesbibliothek, liest zu Beginn der ersten manuskripte-Präsentation in ihrem Haus ein Gedicht von Alfred Kolleritsch aus der ersten manuskripte-Ausgabe, 1960 …

Ich spreche über das Heft, sein Titelbild, „Aus der Erde wächst eine organische Skulptur“ von Hartmut Urban (1973), nenne die im Heft mit Beiträgen vertretenen AutorInnen 1) und stelle die Akteure des Abends vor.

„Das wäre nun also Afrika, denkt er“. Thomas Stangl liest einen Auszug aus dem Roman „Fremde Verwandtschaften“, der 2018 bei Droschl erscheinen wird.

„‚Geh nach Hause und genieß dein Leben‘, sagt einer“. Yara Lee liest den Vorabdruck aus ihrem Debütroman „Als ob man sich auf hoher See befände“, der 2018 bei Residenz erscheinen wird.

 
„immer dasselbe zart, aber auch roh mantische / fortwandern von holzweg zu holzweg.“ Unser Publikumsliebling, Schauspieler Daniel „Doujenissos“ Doujenis liest Gedichte Franz Josef Czernin (Zitat), Max Sessner und manuskripte-Förderpreisträgerin 2017 Verena Stauffer.
Hier zu bewundern im Film von Edwin Rainer alias VOICEINSPIRATION (vielen Dank!):

<p><a href=“https://vimeo.com/246682199″>&quot;manuskripte 218/2017&quot; LYRIK – Einf&uuml;hrung: ANDREAS UNTERWEGER, Lesung: DANIEL DOUJENIS</a> from <a href=“https://vimeo.com/voiceinspiration“>voice-inspiration channel</a> on <a href=“https://vimeo.com“>Vimeo</a&gt;.</p>
*
Schön war´s in der Landesbibliothek!
Heft 218 ist wie jede Ausgabe der manuskripte ein Knüller und hier zu bestellen: manuskripte-Online-Shop.
*
1) AutorInnen manuskripte 218:
Thomas Ballhausen, Alida Bremer, Wojciech Brzoska, Franz Josef Czernin, Hans Eichhorn (rotahorn-Preis 2017), Günther Freitag, Dieter M. Gräf, Cecilia Hansson, Jochen Jung, Adelá Knapová, Johannes Kühn, Mariusz Lata, Yara Lee, Friederike Mayröcker, Guillaume Métayer, Daniel Nachbaur, Jan Volker Röhnert, Almut Tina Schmidt (rotahorn-Förderpreis 2017), Andrea Scrima, Max Sessner, Thomas Stangl, Verena Stauffer (manuskripte-Förderungspreis 2017), Aleš Šteger, Mikael Vogel.
*
Fotos von Julian Kolleritsch und A.U.

„Wortnetze, in denen man sich gern verfängt“ (Kleine Zeitung v. 12.11.17)

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 12. November 2017

Am 12.11.2017 in der Kleinen Zeitung: meine Rezension zum Gedichtband „Im Ausgehorchten“ von Hans Eichhorn, rotahorn-Preisträger 2017 – eine Hommage.

Erst der veröffentlichte Artikel …


… dann die Originalversion:

Die Stille ist ein Tun geworden

Die Gedichte des rotahorn-Preisträgers Hans Eichhorn schöpfen aus dem Schweigen

Die am lautesten schreien, sind nicht zwangsläufig jene, die am meisten Aufmerksamkeit verdienen. Diese alte Rotkreuz-Weisheit lässt sich glatt auf den Literaturbetrieb übertragen. Zu den so genannten „Stillen im Land“, die von den Literaturkritik-Sanitätern in ihrer täglichen Aufregung oft sträflich übersehen werden, zählt Hans Eichhorn.

Der 61-jährige Oberösterreicher erlebte den wohl größten medialen Hype um seine Person erst kürzlich, in diesem Sommer. Der im Zweitberuf als Fischer tätige Autor hatte, aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz, sein in den 90ern verlorenes Geldbörsel aus dem Attersee geangelt. Selbst Boulevardblätter berichteten. Um die knapp 30 Prosa- und Lyrikbücher, die er in den Jahrzehnten davor veröffentlicht hat, war es dagegen medial vergleichsweise still geblieben …

Die Stille, wenngleich eine ganz andere, wesentlichere, prägt auch Eichhorns jüngste Publikation, den Lyrikband Im Ausgehorchten. „Und plötzlich ist es still“, hebt etwa ein typisches Gedicht an, „Fast ein Atemanhalten und der Sinuston in den Ohren“ ein anderes, oder: „Die Stille des Hauses nimmt dich in ihre Mitte“.

Wie bei John Cage ist auch die Stille in Hans Eichhorns Gedichten nicht mit der Abwesenheit von Geräuschen gleichzusetzen. Sie bezeichnet vielmehr den Zustand einer gesteigerten Aufmerksamkeit, eine Bewusstseinsveränderung, durch die das lyrische Ich nicht unbedingt immer zur Ruhe, aber doch zu sich kommt. Die zumeist nächtliche Stille ist jener See, aus dem der Dichterfischer, „die Ohren […] geräuschgespitzt“, seine Sprachbilder holt. Titelgebend wird sie zum „Ausgehorchten“, zum Be- und Erschriebenen: „Und die Stille ist ein Tun geworden“, „erschwiegen die Schrift“.

Geräusche der Außenwelt (Autos, die Schreie der Blässhühner oder, um „Punktfünfuhrsiebzehn“, die Katze) verbinden sich mit nachwirkenden Skurrilitäten des öffentlichen Diskurses und dem permanenten inneren Lärm (Erinnerungen, Selbstgespräche, Zweifel …) zu meist kurzen, unprätentiös konzipierten Meditationen von poetischer Vieldeutigkeit – „nur nicht mit Logik die Sache verderben“. Beeindruckend, wie der Autor sein reduziertes Motivinventar immer wieder neu zu arrangieren vermag. Und wie er daraus dichte Wortnetze webt, in denen man sich beim Lesen gerne verfängt.

Am 13.11. bekommt Hans Eichhorn den von Saubermacher-Gründer Hans Roth gestifteten rotahorn-Preis verliehen. Die Jury (Alfred Kolleritsch, Barbara Frischmuth, Reinhard P. Gruber, Werner Krause) würdigt in ihm den „getriebenen Sprachwerker, der Fische aus dem Attersee und Wörter aus der Möglichkeitskiste zieht“. Die festliche Preisverleihung findet in der Steiermärkischen Landesbibliothek statt. In aller gebotenen Stille – es könnte also laut werden!

*

Mit bestem Dank an Werner Krause für die professionelle und herzliche Betreuung/Zusammenarbeit!

manuskripte 217 – Marginalie

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 30. September 2017

Alfred Kolleritschs und meine Marginalie zu Heft 217 (!) der manuskripte, das am 28.09., im Kulturzentrum Minoriten beim Lesefestival „Hoffnung als Provokation“ (feat. Steirischer Herbst), präsentiert wurde.

 

Marginalie

 

Es kommt selten vor, dass Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften eine Bedeutung erlangen, die über die jedem gegönnten Freuden der Selbst-, Leser- und Verlagsfindung hinausgeht. Umso bemerkenswerter, wenn es doch geschieht: „I have been so proud of the fact that two of my articles have been published in manuskripte back in 2013 that I included it in my official court defense!“, schrieb uns die in der Türkei aus politischen Gründen inhaftiert gewesene Autorin Asli Erdogan nach ihrem Gerichtsprozess, bei dem sie – wir hoffen, nicht nur vorläufig! – freigesprochen wurde.

 

Befreiende Wirkungen wünschen wir auch jenen Texten, die unter dem Titel „Hoffnung als Provokation“ in diesem Heft versammelt sind. Renommierte Autorinnen und Autoren aus internationalen Krisengebieten, darunter eben auch Asli Erdogan, werfen poetische bis essayistische Perspektiven auf den Begriff der Hoffnung. Dieser Sonderteil ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum bei den Minoriten, dem Internationalen Haus der Autoren in Graz und, nach exakt 10 Jahren Pause, auch mit dem Steirischen Herbst. „Die Kunst hält ihre Hand hin, / der herbst schnipselt daran!“* Möge die Maniküre gelingen!

 

Gewohnt struwwelpetrig freilich der Hauptteil unserer Ausgabe 217, in der sich – neben mehreren manuskripte-Vertrauten (Ilma Rakusa, Olga Martynova, Angelika Reitzer …) und Entdeckungen (Georg Leß, Christian Lange-Hausstein …) – nach langen Jahren des Schweigens erfreulicherweise auch ein neuer literarischer Text von Bettina Galvagni findet.

 

A.K./A.U.

 

manuskripte 217 – Präsentation

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 29. September 2017

Nachtrag zu:

28.09.2017, 18:00, Alfred Kolleritsch und Andreas Unterweger präsentieren die manuskripte 217 beim Literaturfestival „Hoffnung als Provokation“ im Rahmen des 50. steirischen herbstes. Es lesen Asli Erdogan, Radka Denemarkova, Jazra Khaleed. Im weiteren Verlauf des Abends lesen: Hamed Abboud, Ghayat Almadhoun, Fiston Mwanza Mujila, Serhij Zhadan, Shumona Sinha, Alexander Ilitschewski . Minoritensaal, Kulturzentrum bei den Minoriten, Mariahilferplatz 3, 8020 Graz.

Große Freude mit der Präsentation der manuskripte 217, die gestern, am 28.9., im vollen großen Minoritensaal im Kulturzentrum bei den Minoriten, das Lesefestival „Hoffnung als Provokation“ (feat. Steirischer Herbst) eröffnete.

Berührendes, Kluges, exzellente Dichtung, packende Leseperformances und intensive Diskussionen ließen den langen, über zwei Bühnen laufenden Abend kurz und Hoffnung als etwas tatsächlich nicht allzu Provokant-Vermessenes erscheinen.

Im Namen der manuskripte danke ich allen Institutionen und Personen , die diesen gelungenen Abend mitorganisiert haben, insbesondere Birgit Pölzl (Kulturzentrum bei den Minoriten), Luise Grinschgl (Kulturvermittlung Steiermark) und Thomas Wolkinger (FH Joanneum).

 

Hier der Facebook-Bericht der manuskripte mit Fotos der ProtagonistInnen des Abends.

Oder …

Ich spreche im Namen der manuskripte über die manuskripte – und überbringe Grüße von Alfred Kolleritsch.

 

 

Mehr zu „Hoffnung als Provokation“.

 

Das Inhaltsverzeichnis der manuskripte 217:

 

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