Andreas Unterweger

Hart, aber book fair (Frankfurt 2018)

Posted in Grungy Nuts, manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 16. Oktober 2018

Frankfurter Buchmesse 2018 – und ganz Frankfurt jammerte.
Die Leute von der Buchmesse jammerten über zu wenige LeserInnen, die LeserInnen jammerten über zu viele Bücher, die AutorInnen über viel zu viele andere AutorInnen …
Ganz Frankfurt jammerte? Nein, eine Handvoll steirischer AutorInnen, JournalistInnen und Kulturschaffender strahlte um die Wette …

(c) Akademie Graz/Land Steiermark

Schließlich wurde ihnen die Freude und Ehre zuteil, als Teil einer Landesdelegation, unter der Führung von Kulturlandesrat Christopher Drexler höchstpersönlich (Mitte/best dressed), einen Abend, eine Nacht und einen Tag, und das auch noch hintereinander, auf der Buchmesse zu verbringen!

Talking about my delegation

Organisiert wurde diese Horizonterweiterung des steirischen Kulturlebens, an der ich erfreulicherweise teilhaben durfte, von der Akademie Graz (im Bild vertreten durch Astrid Kury, 2. v. r., und Heidi Oswald, 1. rechts der Mitte) – und zwar so trefflich und reibungslos, dass ich, ohne eine einzige eigene Entscheidung zu treffen, vom Flughafen Graz-Thalerhof bis zum berühmten Österreich-Empfang im Städel-Museum in Frankfurt gelangte. Eine angenehme Art zu reisen – vielen Dank!

Im Städel-Museum führte mein erster selbstbestimmter Schritt – der in den Schatten von Kulturminister Gernot Blümel nämlich, aus dem heraus ich ein, zwei Fotos einer berühmten Persönlichkeit schießen wollte (nein, ich meine nicht die geschätzte Direktorin der Steiermärkischen Landesbibliothek, Katharina Kocher-Lichem …

… sondern diesen local hero …

) – freilich dazu, dass die Security mich aus dem nur österreichischen Kulturministern samt Entourage vorbehaltenen Obergeschoss in den Keller bzw. Hinterhof des Museums bugsierte … Was für ein Glück – fand dort doch das Galabuffet statt! Ich begann also erst gar nicht damit zu jammern, sondern strahlte aufs Neue – diesmal im Kreise meiner Homies vom Grazer Literaturverlag Droschl, die natürlich auch, als eigene Delegation, auf der Buchmesse alle Hände voll zu tun hatten:

(v. l. n. r., hinten: Lektor Christopher Heil, Autor ich, Verlegerin Annette Knoch,
vorne: Autorin Ally Klein, Pressedame Julia Marquardt.
(c) Literaturverlag Droschl)

Nach zahlreichen Gesprächen mit Persönlichkeiten des österreichischen, deutschen und sogar schweizerischen Literaturbetriebs sowie der Wiedervereinigung mit der Delegation des Ministers …

(c) BKA

… begaben wir uns mit einem Großraumtaxi (dessen Chauffeur über die geringe Zahl an taxifahrenden Messegästen jammerte), in die Hotelbar, wo im Rahmen einer innersteirischen, aber interdisziplinären Nachbesprechung des Empfangs die Vorbesprechung für eine der aus steirischer Sicht wesentlichsten Veranstaltungen der Buchmesse, das manuskripte-Sektfrühstück am nächsten Morgen, stattfand.

(Konzeptkünstler und Lyriker Jimi Lend, Romancière Nava Ebrahimi)

(Angelika Reitzer: Prosa und Drehbuch, Alter Egon: Prosa, Lyrik, Rockmusik)

Das Geheimherz der Buchmesse

… schlug, soviel steht fest, am Donnerstag, 11.10.18, zumindest für zwei Stunden lang (10-12) am, im und rund um den Stand des Hauptverbands des österreichischen Buchhandels, wo die manuskripte, älteste und renommierteste Literaturzeitschrift Österreichs, ihr Sektfrühstück veranstalteten.

So stand es in der Einladung …

… hier …

… kaufte ich ein …

… und erreichte dann auch, sicher geleitet und beim Tragen unterstützt von den Damen und Herren der Delegation plus einem jammernden Frankfurter Taxifahrer, als Erster den Schauplatz:

In den folgenden zwei turbulenten Stunden bewirtete ich die zahlreichen Interessierten, darunter AutorInnen wie Daniel Wisser und Mareen Bruns …

… Robert Huez vom Literaturhaus Wien …

… die extra für das Sektfrühstück aus Köln angereiste Autorin Roswitha Haring …

… JournalistInnen wie Ute Baumhackl, Michaela Reichert und Christoph Hofer …

… Jimi Lend, Astrid Kury und Heidi Oswald …

… Nava Ebrahimi und Wolfgang Lampl …

… Angelika Reitzer und viele andere mehr …

… mit Bio-Prosecco, Bio-Brezeln und der „besten Information, wie es mit der Literatur weitergeht“!

Anschließend ein zweites Sektfrühstück mit der Delegation, Come-together mit Starautor Ilja Trojanow …

(c) Akademie Graz

… und Zaza Burchuladze …

… ein hastiger Blick aus dem Glastunnel …

… und ab zum Stand des Literaturverlags Droschl …

(c) Literaturverlag Droschl

… der bekanntlich das Herz der Veranstaltung darstellt – sofern eine Halle weiter nicht gerade ein manuskripte-Sektfrühstück stattfindet.

Ach ja, ich habe ja in diesem Herbst auch ein Buch am Start.

Und da sind auch schon wieder meine Homies!

(Bildbeschreibung s.o., diesmal mit Henrike Blum, Presse Österreich, ganz links.
(c) Literaturverlag Droschl)

Danach ab zum Lesestudio des Literadio: erst Angelika Reitzers Lesung aus ihrem sehr empfehlenswerten Roman „Obwohl es kalt ist draußen“, dann mein eigener Auftritt mit Redakteur Herbert Gnauer. In dem rund halbstündigen Gespräch erzählte ich mehr über „Grungy Nuts“ als je zuvor: hier der Bericht mit Link zur Audiodatei!

(c) Regina Leibetseder-Löw

Nach einem kurzen Abstecher zum Sekt-Empfang des Droschl-Empfangs (40-Jahr-Jubiläum: herzlichen Glückwunsch!), dem dritten Sektfrühstück des Tages …

(c) Literaturverlag Droschl

… ging es zum ersten (und letzten) gemeinsamen Abendmahl der Delegation:

(c) Akademie Graz

Dort trennten sich unsere Wege. Während das Gros der Landesdelegation den Nachtflug zurück nach Graz nahm, hielten der Performance-Lyriker Jimi Lend und ich auch noch bei der erstmals veranstalteten Messeparty der Verlage im Literaturhaus Frankfurt die Stellung. Und da waren ja auch wieder meine Homies!

(c) Literaturverlag Droschl

Hier sieht man Jimi Lend und mich beim Gedankenaustausch mit Adrian Kasnitz vom Verlag Parasitenpresse und der Fotografin:

(c) Kinga Toth

Mit vereinten Kräften gelang es Team Droschl, beim Wettfeiern der Verlage so manch größeres Unternehmen in den Schatten zu stellen! Es war also alles wie in Wirklichkeit, beim Wetteifern … Bravo, …

(c) Literaturverlag Droschl!

Am nächsten Morgen: Noch einmal auf die Buchmesse! Dazu durch das Stadtzentrum. Nanu, wohin sind die kleinen Fachwerkhäuschen von gestern Abend verschwunden?

… dann noch einmal zum Droschl-Stand …

… und zurück …

… durch die Straßen von Frankfurt …

… zum Flughafen …

… und nach Hause! Dort wurde ich mit veganer Erdnuss-Grungy-Torte …

… und Ernte-Punk-Fest stilecht willkommen geheißen. Außerdem waren mir die Berichte über die Reise der Delegation quasi vorausgereist:

Besten Dank an die Damen und Herren vom Land Steiermark, die unser Steuergeld auf diese sinnvolle Weise investiert haben!
Und danke, sehr geehrte Damen von der Akademie Graz, für die perfekte Organisation!

Die Reise war nicht eben unintensiv, aber unbezahlbar, was das Knüpfen und Pflegen von Kontakten anbelangt, eine wichtige Horizonterweiterung – und lustig!

Advertisements

manuskripte 221 – Präsentation

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 18. September 2018

Nachtrag zum Termin:
18.09.2018, 19:00, Alfred Kolleritsch und Andreas Unterweger präsentieren die manuskripte 221. Mit Lesungen von Günther Freitag (Prosa) und Verena Stauffer (Lyrik). Schauspielerin Julia Gräfner liest Lyrik von Antonio Fian und Miroslava Svolikova. Schauspielhaus Graz, Haus 3, 8010 Graz.

So jung kommen wir nicht mehr zusammen!

Und noch dazu zu so schönen Lesungen!

DSC05555.JPG

(c) manuskripte

Erst Verena Stauffer …

… dann Günther Freitag (*einmal die) …

… schließlich Schauspielerin Julia Gräfner:

Wir Herausgeber lauschten gebannt …

… und freuten uns über die so zahlreich erschienen Gäste, darunter die AutorInnen Fiston Mwanza Mujila, Valerie Fritsch, Max Höfler, Daniel Nachbaur, Florian Labitsch, Alexander Micheuz, Harald Miesbacher, Helmut Moysich u.a.m.

Presseinformation:

Titelbild: Günter Brus, „Kammerkopf“, Mischtechnik auf Papier 1979. Zur Verfügung gestellt von Galerie Sommer, Graz, Bürgergasse 5, 8010 Graz.

 

manuskripte 221: die Vielseitigkeit guter Literatur!

In Ausgabe 221 zeigen sich die manuskripte wieder einmal von ihrer besten Seite – und präsentieren die schier unerschöpfliche Vielseitigkeit zeitgenössischer Literatur.

Erzählungen und Romanauszüge stehen Seite an Seite mit Bewusstseinsströmen, „Apokalypsychosen“ und Reisereportagen, Kindergedichte neben Experimentallyrik, Prosa in Versen neben Versen in Prosa, der flammende Appell neben dem tiefschürfenden, zitatenreichen Essay …

Ebenso abwechslungsreich die Liste der BeiträgerInnen aus insgesamt sechs Ländern. „Große Namen“ wie Friederike Mayröcker, Josef Winkler oder Kinga Toth (die neue Grazer Stadtschreiberin) fehlen darin ebenso wenig wie die von jungen Talenten (Miroslava Svolikova, Marie Gamillscheg, Alexander Micheuz) oder gar Debüts (Silvan Beer aus der Schweiz).

Offene Literatur für eine offene Gesellschaft: Lassen Sie sich ein auf 148 Seiten Vielseitigkeit!

Die manuskripte 221 sind im gut sortierten Buchhandel, via lz@manuskripte.at oder unter www.manuskripte.at/webshop erhältlich.

manuskripte 220 – Präsentation

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 3. Juli 2018

Nachtrag zum Termin:
29.06.2018, 19:00, Alfred Kolleritsch und Andreas Unterweger präsentieren die manuskripte 220. Lesungen von Valerie Fritsch und Silvana Cimenti. Daniel Doujenis liest Lyrik von W. S. Merwin und Prosa von Jürg Laederach. Steiermärkische Landesbibliothek, Kalchbergg. 2, 8010 Graz.

Ausverkauft! Und das bei freiem Eintritt! Bei der Präsentation der manuskripte 220 war nicht nur der Veranstaltungssaal der Steiermärkischen Landesbibliothek bis auf den letzten der eilig aufgestellten Zusatzstühle gefüllt, sondern auch die manuskripte-Hefte gingen weg wie die kühlen Gläser Weißwein, die im Foyer serviert wurden …

Kurze Chronologie des Abends:

Ich spreche über das Heft, seine BeiträgerInnen und die Geheimbotschaft, die ich im wunderbaren Cover von Hans Eichhorn gefunden zu haben glaube („Ich sehe triumphierend geilen Cover“).

(c) Barbara Belic (danke!)

Dann die Stars des Abends:

Oh ja.

Heft 220 ist wie immer im gut sortierten Webshop der manuskripte und in den Buchhandlungen Ihres Vertrauens erhältlich.

Mehr Informationen zum Heft:

manuskripte 220 – Pressetext

Zur Präsentation:

Die Grazer Starautorin und Fotokünstlerin Valerie Fritsch liest ihre berührende Erzählung „Morbus“, die sie für die manuskripte verfasst hat.

Mit der 1981 geborenen Grazerin Silvana Cimenti stellen die manuskripte eine echte Debütantin vor. Sie liest einen Auszug aus ihrem bemerkenswerten Romanmanuskript „Die Reste meines Gestern liegen noch immer im Kühlschrank“ – ihre allererste Veröffentlichung.

Daniel Doujenis trägt Gedichte des im deutschen Sprachraum neu entdeckten US-amerikanischen Altmeisters W.S. Merwin vor (Übersetzungen von Hans Jürgen Balmes). Der Zyklus trägt den wunderbaren Titel „Die Nachtpflaumen“. Zum Abschluss liest er einen bislang unbekannten Text unseres im März verstorbenen Autors und Freunds Jürg Laederach

 

Zum Heft:

Der Auftakt der 220. Ausgabe der manuskripte ist der Erinnerung an Jürg Laederach gewidmet. Neben Alfred Kolleritsch nehmen u. a. Elfriede Jelinek, Ilma Rakusa und Marianne Schroeder mit bewegenden und unterhaltsamen Worten Abschied vom Schweizer Dichter. Felix Philipp Ingold hat Laederach die deutsche Erstübersetzung eines Gedichtzyklus des russischen Klassikers Boris Pasternak gewidmet.

Der Hauptteil des Heftes überzeugt mit einer Mischung aus bewährter Qualität und Neuentdeckungen.

Darin finden sich u. a. neue Prosatexte der oberösterreichischen Avantgardisten Hans Eichhorn und Erwin Einzinger, eine exzellente Essay-Erzählung von Leopold Federmair, das Schwimmtagebuch der Kärntnerin Helga Glantschnig (der Sommertext schlechthin!), eine Erzählung der Anton-Wildgans-Preisträgerin Sabine Scholl und experimentelle Prosa der ungarischen Multikünstlerin Kinga Tóth.

Den Lyrikteil bilden Beiträge von AutorInnen aus fünf verschiedenen Ländern. Neben W. S. Merwin sind dies Dana Ranga aus Rumänien mit Raumfahrtgedichten, Dieter M. Gräf (D) mit drei genresprengenden Textcollagen, Patrick Beurard-Valdoyes (F) lyrische Porträts u. a. von Friederike Mayröcker und Zoltan Lésis Gedichte, die den Spagat zwischen Poesie und Unterhaltung nicht scheuen.

Im Essayteil: ein brillanter Essay von Andrea Scrima über Lydia Davis, Harald Miesbacher zum einjährigen Todestag von Hansjörg Zauner und Hedwig Winglers Rezension zu Die Generalin von Manfred Mixner.

 

(c) manuskripte

(c) Barbara Belic

Tagged with:

Die Grazer Gruppe – Kick-off

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 8. Juni 2018

Nachtrag zum Termin:

„05.06.18, 18:00, Andreas Unterweger liest Alfred Kolleritsch. Außerdem lesen: Max Höfler, Angelika Reitzer, Stefan Schmitzer, Clemens Setz, Silvia Stecher, Christoph Szalay. Filmprojektstart: „Die Grazer Gruppe“. Regie: Markus Mörth. Forum Stadtpark, 8010 Graz“

Hier der Bericht von Nora Edelsbacher vom Filmteam:

„Ja, es gab das eine oder andere höchst spannende Detail bei unserem Kick-off zum Dokumentarfilm „Die Grazer Gruppe“.

➡ Die ersten Filmausschnitte sorgten für Verzückung.
➡ Die Lesungen der Autor/innen Höfler, Reitzer, Schmitzer, Setz, Stecher, Szalay, Unterweger waren höchst inspirierend.
➡ Eine spontane szenische Lesung von Stefan Schmitzer, Silvia Stecher und Max Höfler erfreute die Menge.
➡ Special Effect: Originale 1968er Luft.
➡ Last but not least: Alfred Kolleritsch, Literaturpapst in u. a. der „Grazer Gruppe“ war zum ersten Mal auf der Terrasse des Forum Stadtpark.

(Heidrun Primas, Andreas Unterweger, Alfred Kolleritsch)

❗Frohe Kunde: Ihr könntet sogar bei den Dreharbeiten im Backstage Bereich sein.❗

Das ist eines der Goodies auf:

https://wemakeit.com/projects/die-grazer-gruppe

*

Und hier weitere Fotos von Nora Edelsbachers, mit meinen Kommentaren:

Ich zeige zu Beginn des Leseblocks und meiner eigenen Lesung die erste Erwähnung der „Grazer Gruppe“ in …

… Heft 18 der manuskripte, 1968: Ankündigung für …

… Heft 19, mit „Prosa der Grazer Gruppe“.

Ich lese Alfred Kolleritschs Marginalie aus Heft 19 („… war es vielleicht ein Fehler, von einer Grazer Gruppe zu sprechen“ …), anschließend Gedichte Kolleritschs, die einigen anderen Autoren der Gruppe – Bauer, Falk, Handke, Schwab – gewidmet sind.

Christoph Szalay liest Gunter Falk.

Angelika Reitzer liest Elfriede Jelinek und Peter Handke.

Max Höfler raucht Wilhelm Hengstler.

Silvia Stecher liest Wolfgang Bauer.

Stefan Schmitzer liest Barbara Frischmuth.

Clemens Setz liest Klaus Hoffer.

Und wer ist diese motivierte Truppe?
Ah, es ist die Podiumsdiskussion nach den Lesungen beim Kick-off zum Dokumentarfilm „Die Grazer Gruppe“!
(Moderation: Günther Encic)

Zur allgemeinen Freude …

… unter reger Beteiligung der Herren Hengstler, Eichberger und Kolleritsch in der ersten Reihe.

(Alle Fotos bis auf dieses, das ich gemacht habe, (c) Nora Edelsbacher.)

Fazit:
1. Ein fröhlicher Literaturabend!
2. Ein schönes und wichtiges Projekt, dem ich viel Erfolg wünsche!

Mehr Infos und Unterstützungsmöglichkeiten:
https://wemakeit.com/projects/die-grazer-gruppe

Tagged with:

manuskripte in Berlin – Vorschau

Posted in Das Gelbe vom Jahr, manuskripte by andreasundschnurrendemia on 29. März 2018

Vorschau auf den Termin:
05.04.2018, 19:00, Andreas Unterweger bei der manuskripte-Präsentation in Berlin. Lesungen und Podiumsdiskussion. Es lesen Ruth Benrath, Georg Leß, Andrea Scrima, Gerhild Steinbuch, Andreas Unterweger, Joceline Ziegler. Moderation: Fabian Thomas. Literaturhaus Lettrétage, Mehringdamm 61, 10961 Berlin, Deutschland.

Vorschautext der manuskripte:

Seit 1960 liefert die Grazer Literaturzeitschrift „manuskripte“ laut ihrem Gründer und Herausgeber Alfred Kolleritsch „die beste Information, wie es mit der Literatur weitergeht“.

Im Literaturhaus Lettrétage präsentiert Andreas Unterweger, der neue Mitherausgeber der Zeitschrift, Lyrik, Prosa und dramatische Texte von Berliner „manuskripte“-AutorInnen aus den jüngsten der mittlerweile 219 (!) Ausgaben.

Die folgende Podiumsdiskussion über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der „manuskripte“ und der Literatur überhaupt wird von Fabian Thomas moderiert.

Kurzlesungen von:

Ruth Benrath (Berlin, D): „Lindern“ (Erzählung)
Georg Leß (Berlin, D): Gedichte
Andrea Scrima (Berlin, USA): „Wie viele Tage“ (Romanauszug)
Gerhild Steinbuch (Berlin, A): „Friendly Fire“ (Theater)
Andreas Unterweger (Leibnitz, A): „Das Gelbe vom Jahr“ (Prosa)
Joceline Ziegler (Magdeburg, D): Gedichte

Moderation: Fabian Thomas

Anschließend reger Heftverkauf, Abonnementabschlüsse und österreichische Gemütlichkeit!

Eintritt frei.

(Mit freundlicher Unterstützung des Österreichischen Kulturforums in Berlin)

Vorschautext des Berliner Literaturhauses Lettrétage:

Zur Feier des bevorstehenden manuskripte-Meet and Reads im Literaturhaus Lettrétage in Berlin durfte ich Tom Bresemann, dem Mitbegründer von Lettrétage, folgendes Interview geben:

Was sind die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen Deiner Tätigkeit als Mitherausgeber der Manuskripte?

Seit Ende 2016 stehe ich Alfred Kolleritsch als Herausgeber der manuskripte zur Seite. Unsere Tätigkeit ist schnell definiert: Wir suchen nach den besten noch unveröffentlichten literarischen Texten, um sie in unserer Zeitschrift abzudrucken.

Zum einen durchforsten wir die wöchentlich rund 30 Einsendungen, die wir erhalten, zum anderen laden wir AutorInnen zur Mitarbeit ein – ob es sich nun um langjährige, sozusagen „regelmäßige“ BeiträgerInnen handelt (etwa Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Robert Menasse, Ilma Rakusa u. a.) oder um jüngere AutorInnen, die uns aufgefallen sind.

Bei der Auswahl der Texte agiert die manuskripte-Redaktion traditionell „offen“. Das heißt, es geht rein um die literarische Qualität der Texte – keine spezielle literarische Richtung wird bevorzugt. Die einzige Grenze, die wir außerhalb ästhetischer Kriterien ziehen ist die zur extremen Rechten. Andererseits kommen von dieser Seite so gut wie nie Texte. Schon gar nicht welche, die man in Betracht ziehen könnte!

Meine Aufgabe sehe ich auch darin, jüngeren deutschsprachigen AutorInnen die Scheu vor den ach so traditionsreichen manuskripten zu nehmen. Verglichen mit anderen Literaturzeitschriften mag es tatsächlich schwerer sein, in den manuskripten zu veröffentlichen, dafür hat diese Publikation dann aber auch wirklich Gewicht – etwa in der Wahrnehmung von VerlagslektorInnen.

Was erwartet das Publikum am 5. April in der Lettrétage?

Die beste Information, wie es mit der Literatur weitergeht!  Diese Information wird sowohl praktisch übermittelt (siehe Liste der Lesenden), zum anderen theoretisch: In einem Gespräch mit Fabian Thomas gebe ich meine Einschätzung zum gegenwärtigen Stand des Literaturbetriebs ab. Und beim gemütlichen Beisammensein nach der Veranstaltung wird sich die Gelegenheit ergeben, mit allen Auftretenden und den anderen anwesenden manuskripte-AutorInnen ins Gespräch zu kommen, diverse manuskripte-Hefte durchzublättern, zu kaufen oder gar ein Abonnement zu bestellen.

Worauf freust Du Dich am meisten?

Auf all die Freunde – alte und neue! Die manuskripte waren und sind geprägt von der Freundschaft zwischen Schreibenden – legendär etwa jene von Alfred Kolleritsch und Peter Handke. Gerhild Steinbuch veröffentlicht seit 2005 in den manuskripten, ich selbst kenne sie ungefähr gleich lang – es ist immer eine Freude, sie zu treffen. Ruth Benrath und ich haben uns 2011 bei der Autorentagung “Literarische Brennpunkte. Mikrotexte aus Lateinamerika und Europa“ im Literaturhaus Lettrétage kennengelernt und schon damals viel Spaß zusammengehabt. Viele andere kenne ich nur vom Lesen und Mailen – umso schöner, sie endlich persönlich kennenzulernen. Ich hoffe, dass viele unserer Berliner AutorInnen zur Lesung kommen – hoffentlich auch ein paar zukünftige!

*

In diesem Sinne: Bis nächste Woche!

Tagged with: , ,

manuskripte 219 – Präsentation

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 9. März 2018

Nachtrag zum Termin:
08.03.2018, 19:00, Alfred Kolleritsch und Andreas Unterweger präsentieren die manuskripte 219. Es lesen Miroslava Svolikova und Fiston Mwanza Mujila, begleitet von Patrick Dunst und Impulse Percussion. Schauspielhaus Graz, Haus 3.

Nicht nur ist Heft 219 der manuskripte, wie jedes manuskripte-Heft bisher, das beste manuskripte-Heft seit jeher geworden, nein, auch die Präsentation der 219. Ausgabe war, wie die 218 davor, die beste überhaupt!

Dies zeichnete sich schon bei meiner Anmoderation ab – wurde diese diesmal doch aufgemöbelt mit Trommelwirbeln und  TUSCHS, die die Band an passenden Stellen spielte …

– wie edel ist das denn!

Und es wurde zur Gewissheit bei der Lesung Miroslava Svolikovas, die zwar bereits als eine der vielversprechendsten Dramatikerinnen Österreichs gilt, sich gestern Abend aber mit ihrem minutiös gearbeiteten Text erstmals auch als ebenso exzellente Prosaautorin outete …

Und kuliminierte schließlich im Auftritt Fiston Mwanza Mujilas, einem der wichtigsten steirischen Autoren der Gegenwart. Sein kraftvoller Vortrag, begleitet von den wunderbaren Melodien und Rhythmen von Patrick Dunst (Saxophon), Berni Richter (Marimba) und Grilli Pollheimer (Perkussion), brachte Haus 3 des Grazer Schauspielhauses zum Rocken!

Kongenial: Mwanza Mujila und Dunst …

Fazit: Nach 58 Jahren und 219 Ausgaben der manuskripte stehen die AutorInnen bei manuskripte-Gründer und -Herausgeber Alfred Kolleritsch (sitzend) immer noch Schlange …

(v. r. n. l.: Hedwig Wingler, Cordula Simon, Valerie Fritsch, Thomas Antonic, Judy Pataki)

Im Namen der manuskripte danke ich allen Beteiligten und dem zahlreich erschienenen Publikum!

Die manuskripte 219 lassen sich wie immer bequem im manuskripte-Webshop bestellen!

(Weitere Highlights des Hefts sind ein waschechter „Gomringer“ von Buchpreis-Gewinner Robert Menasse, die aufrüttelnde Rede Almut Tina Schmidts zum Rotahorn-Preis 2017, Sonette von Michael Donhauser, neue Prosa von Ingeborg Horn, das letzte Kapitel des Debütromans von Sarah Kuratle, und ein Essay von Thomas Antonic zu Wolfgang Bauers Skandalstück „Gespenster“.)

Fotos: (c) manuskripte

 

 

France Culture

Posted in manuskripte, Simulakren, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 4. März 2018

Nachzuhören für immer:
05.03.2018, 22:15, Guillaume Métayer spricht mit dem Philosophen Fréderic Worms über seine Reisen durch Mitteleuropa und liest dabei, u. a., Gedichte von Andreas Unterweger.
France Culture Radio (hier zu hören!).

Originaltitel der Sendung: „En compagnie des poètes européens, libres passeurs“ – also so was wie: „In der Gesellschaft europäischer Dichter, freier Schmuggler“. Untertitel: Frédéric Worms im Gespräch mit Guillaume Métayer, Übersetzer, Dichter und Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Po&Sie“.

Ein hirnerfrischend intelligentes, herzerwärmend sympathisches Gespräch, das inhaltlich über weite Strecken Métayers Essay „Von unserem Sonderberichterstatter in Poesie“ folgt, in dem er von seinen Erfahrungen als Styria Artist in Residence 2017 berichtet, und den ich für Heft 218 der manuskripte übersetzt habe. Über die Lesung und Diskussion zweier meiner Gedichte* habe ich mich natürlich besonders gefreut.

Hier ein paar Splitter der umfassenden Ankündigung auf France Culture (mit Foto der Murinsel!):

„Was ist das, ein Dichter im Europa von heute? Um das zu erfahren, ist Guillaume Métayer, ein großer Nietzsche- und Voltaire-Spezialist und selbst ein Dichter, durch Mitteleuropa gezogen, immer entlang des Flusses Mur, den man ausspricht wie „l´amour“ (die Liebe), obwohl er er wie „le mur“ (die Mauer) geschrieben wird (…)
Auf die Frage, was das denn sei, „ein europäischer Dichter“, ist seine Antwort einfach: „Ein Schmuggler.“

[Gullaume Métayer weiter:] „´Ich glaube, dass man sich immer noch durch Europa bewegen und dabei Dinge entdecken kann, die man nicht zwingend sieht. Es gibt das Phänomen einer unfreiwilligen Verdunklung gewisser europäischer Errungenschaften. Man findet oft düstere Ideen über Europa, aber tatsächlich gibt es enorm viele Talente in Europa, passionierte Dichter, die arbeiten, die sich gegenseitig übersetzen. Es gibt eine Republik des Geistes, die existiert, die Skype verwendet, die ein extrem lebendiges Netzwerk bildet. Aber diese erfreulichen Aspekte werden verdrängt. Ich habe den Eindruck, dass man sozusagen in der Vorstellung lebt, dass nichts mehr passieren wird und dass Europa nur noch eine Karikatur seiner Vergangenheit darstellt.´
#Andreas Unterweger #tournesols #Kolleritsch“

Für mich sind das sehr bewegende Worte. Ich lebe in dieser „République des lettres“. Hier ein paar Fotos aus dem Landesinneren:
Guillaume Métayer, Aleš Šteger und ich lesen dreisprachig in Ljubljana:
Métayer und ich übersetzen uns gegenseitig am Trojane-Pass:
In einem privaten Mail hat Guillaume die Sendung übrigens so angekündigt:

„Frédéric Worms ist ein sehr intelligenter Philosoph, ein Bergson-Spezialist, vor allem. Er versteht alles. Er hat deine Gedichte* sehr gelobt, wir hatten eine Diskussion darüber, ob sie von den Geistern der Vergangenheit beherrscht seien oder nicht. Ich habe versucht zu sagen, dass es Hoffnung gibt, aber er hat sich durchgesetzt und hat mir gezeigt, dass das alles dennoch sehr düster sei, diese Sonnenblumen und dieser „Frieden“, der in der Sprache noch nicht existiert …
Was Kolleritsch betrifft, so hat er über über den „Nazismus der Gräber“ gesprochen. Und ich habe von der großartigen Zeitschrift „manuskripte“ erzählt!“

Viel Freude beim Hören!

 

* „GroßVaterSprache“ und „Die Sonnenblumen“

 Nachzulesen am Ende des Essays „Von unserem Sonderberichterstatter in Poesie“ oder in der „Freien Presse“ (Sachsen), die „GroßVaterSprache“ letztes Jahr als „Gedicht der Woche“ abdruckte.
Die beiden Gedichten wurden in manuskripte 213 („Die Sonnenblumen“) und 199 („GroßVatersprache“) erstveröffentlicht.

 

 

Fine Crime Festival – Vorschau

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 5. Februar 2018

Heute in der Kleinen Zeitung:

 

Ich spreche über „Die Dame im roten Mantel“ von Günter Neuwirth.

Falls es jemanden überrascht, dass ich mich diesem Genre zuwende: Bitte, auch ich habe als Krimiautor reüssiert, und zwar exakt vor 8 Jahren – mit dem Kurzkrimi „Die Rache des Plastilins“: hier nachzulesen!

Kommt vorbei – ob es ein Buffet oder Ähnliches gibt, ist noch ungeklärt, aber bei so vielen anwesenden KriminologInnen sollte sich der Fall zur allseitigen Zufriedenheit lösen lassen …

Peter Handke und die manuskripte

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 6. Dezember 2017

Aus aktuellem Anlass, eine Art Vorabdruck:
Mein Beitrag zum Ausstellungskatalog
Peter Handke. Dauerausstellung Stift Griffen, hg. von Katharina Pektor, Salzburg, Wien: Jung und Jung 2017.
Alles Gute zum Geburtstag, lieber Herr Handke!

 

Peter Handke und die manuskripte

»weil ich […] in den manuskripten am liebsten
veröffentliche und veröffentlicht sein möchte«
Peter Handke an Alfred Kolleritsch

Als Peter Handke 1961 in Graz mit dem Studium der Rechtswissenschaften beginnt, sind die manuskripte gerade einmal ein Jahr alt. Am 9. November 1960, anlässlich der Eröffnung des Forum Stadtpark, erstmals erschienen, macht sich die Literaturzeitschrift während Handkes ersten Semestern aber schnell einen Namen.
Ihr Herausgeber, der Gymnasiallehrer und Dichter Alfred Kolleritsch, setzt es sich zum Ziel, im gefährlich verschlafenen Nachkriegs-Graz »die Informationsdefizite [zu] beheben, auch Außenkontakte her[zu]stellen und den Bereich dessen aus[zu]loten, was die neuesten Tendenzen im Bereich der Gegenwartsliteratur« ausmacht. Tatsächlich veröffentlichen die frühen manuskripte nationale wie internationale Repräsentanten der mehr oder weniger »avantgardistischen« Literatur: H.C. Artmann, Konrad Bayer, Heimito von Doderer, Hans Magnus Enzensberger, Raoul Hausmann, Ernst Jandl, Karl Krolow, Gerhard Rühm … Gleichzeitig publiziert man heimische Talente wie Wolfgang Bauer, Gunter Falk oder Barbara Frischmuth.
Nicht zuletzt die hysterischen Reaktionen der lokalen Öffentlichkeit sorgen dafür, dass der Zeitschrift reichlich Aufmerksamkeit zuteil wird. So lässt etwa der Sponsor Steirische Raiffeisenkasse aus Protest gegen ein Gedicht Friedrich Achleitners sein Inserat in allen Exemplaren von Heft 2 (1961) überkleben – ein Vorgeschmack auf den Prozess wegen »Verbreitung der Pornographie«, der gegen Kolleritsch Mitte der 60er Jahre angestrengt wird. Auch die happeningartigen »Dunkelkammer-Lesungen« der manuskripte-Autoren im Forum Stadtpark, jenes Zentrums für »junge« Kunst, dessen Eröffnung erst nach jahrelanger Auseinandersetzung möglich war, lösen regelmäßig mediale Empörung aus.

Peter Handke besucht Veranstaltungen im Forum, wo er, laut Kolleritsch, »düster und mädchenhaft« in der Ecke steht. Das erste Mal fällt er bei einer Lesung Herbert Eisenreichs am 11.6.1963 auf, wo er den einer traditionellen Erzählweise verhafteten Autor heftig kritisiert. Auf Eisenreichs Frage, wer denn dann richtig erzähle, antwortet Handke: »Ich!« Kolleritsch bittet den selbstbewussten Jüngling daraufhin um Texte. Einer davon, das Kurzprosastück Die Überschwemmung, wird in manuskripte 10 (1964) publiziert – das literarische Debüt Peter Handkes.
Von da an sind seine Geschicke eng mit dem Forum und vor allem den manuskripten und ihrem Herausgeber verknüpft. Weitere Texte erscheinen in den folgenden Nummern, darunter, in Heft 12 (1964), ein Auszug aus dem Roman Die Hornissen, dessen Endfassung Handke im Keller des Forum abtippt. Auch das Anti-Drama Publikumsbeschimpfung sowie Das Ermordungskapitel aus Der Hausierer, gelesen bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton, werden in manuskripte 16 und 17 (1966), abgedruckt. Handke tritt mehrfach im Forum auf und vermittelt Klaus Hoffer und Wilhelm Hengstler als Debütanten zu den manuskripten.
Als Kolleritsch in seinen »Marginalien« zu Heft 18 und 19 (1966/67) den Terminus »Grazer Gruppe« in die Literaturgeschichte einführt, zählt er den eben nach Düsseldorf gezogenen Handke dazu. Gemeinsam verteidigen sie sich gegen den Vorwurf des »Ästhetizismus«, den Michael Scharang und Elfriede Jelinek in manuskripte 26 und 27 (1969) gegen sie erheben. Und als Handke 1971 in Graz mit einem Polizisten, der ihm wegen seines langen Haars den Zutritt zur eigenen Lesung verwehrt, in ein Handgemenge gerät, sagt Kolleritsch beim Prozess zu seinen Gunsten aus.
In den folgenden Jahrzehnten geben die beiden gemeinsam Lesungen und besuchen einander regelmäßig. Ihr Briefwechsel, der 2008 unter dem Titel Schönheit ist die erste Bürgerpflicht als Buch erscheint, kündet von ihrer lebenslangen, »kontinuierlich wachsende[n] Freundschaft« (Kolleritsch).

Von einzigartiger Dauer ist auch Handkes Verbindung zur Zeitschrift seines Freundes.
Peter Handke wurde von den manuskripten »entdeckt«. Umgekehrt sind es auch seine über 40 Beiträge in den bislang erschienenen 216 Ausgaben (Stand Juli 2017), die den Ruf der manuskripte als eine der wichtigsten Literaturzeitschriften im deutschen Sprachraum mitbegründet haben.

***

Heute, 6.12.17, in der Kleinen Zeitung: Handke-Wortgeschenke prominenter KollegInnen, darunter zahlreicher manuskripte-AutorInnen (Jelinek, Frischmuth, Stadler, Winkler, Hoffer, Rakusa…), die Werner Krause mit meiner bzw. manuskripte-Hilfe gesammelt hat:

Ich danke allen Beteiligten, insbes. Elfriede Jelinek, Ilma Rakusa, Olga Martynova, Arnold Stadler, Anna Baar, Antonio Fian, Alfred Kolleritsch und Werner Krause!

„Von unserem Sonderberichterstatter in Poesie“ (manuskripte 218)

Posted in manuskripte, Simulakren, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 25. November 2017

Mein eigener Beitrag zu Ausgabe 218 der manuskripte ist die Übersetzung von Guillaume Métayers Essay „Von unserem Sonderberichterstatter in Poesie“.

Der französische Dichter, Übersetzer und Geisteswissenschaftler Guillaume Métayer war im Juni 2017 im Rahmen des Programms „Styria Artist in Residence“ des Landes Steiermark in Graz zu Gast – wir sonderberichteten!

Hier schildert er seine Eindrücke: Graz, die Steiermark und Österreich von aussen, sozusagen – oder die Fremde des Nahen. Und nicht zuletzt eine Art Fest des Huhnes …

*

Guillaume Métayer

Von unserem Sondergesandten in Poesie

Obwohl Mallarmé notorisch zwischen der „universellen Reportage“ und der „Literatur“ unterschied, lässt sich doch, zumal in unserer überinformierten Welt, eine Form der Reportage imaginieren, die sich in den Dienst der Poesie stellt. Eine Erzählung jener Dinge, die sich unentwegt in „der Literatur“ oder rund um sie ereignen, die sie da und dort noch möglich machen, von denen aber niemand oder fast niemand je spricht, außer vielleicht in den ebenso erlaubten wie an den Rand gedrängten Formen der Memoiren und des Interviews, wo sie aber zum Freizeitvergnügen verflachen. Dies fortzuspinnen könnte eine Art „Rettendes in der Gefahr“ bedeuten, ein Gegenfeuer, das an der Schwelle zur Niederlage entfacht wird. Ein Gedanke des argentinischen Dichters Arnaldo Calveyra kommt mir in den Sinn: Die Zeitungen berichten zwar davon, dass einer seinen Nachbarn mit Messerstichen getötet habe, erwähnen aber nie, dass ein anderer, am selben Nachmittag, ein Gedicht schrieb. Von dieser Literaturzeitung, die so geräuschlos ist, dass sie sich häufig im Intimen einschließt, könnten wir, „eines Tages“, versuchen, ein Fragment zu skizzieren, das uns andere Informationen zusteckte als jene, die von allen bis zum Überdruss kommentiert werden („die Aktualität“), mit von hier und anderswo eingeschmuggelten Gedichten – schließlich darf das, was so vertraulich ist, durchaus ein bisschen geheim sein, braucht es Sonderberichterstatter in Poesie, wie in einem fernen Land. Es könnte also der Versuch unternommen werden, zu berichten, zu importieren und, aus allen möglichen Sprachen (hier aus dem Deutschen), zu übersetzen, die Ausfaltungen der Verdrängung der Poesie, die unsere Zeit zu erleben scheint, zu erforschen – eine Verdrängte, deren überschwängliche Rückkehr sich logischerweise in der Phrase „Alles ist Dichtung außer dem Gedicht“ ereignet (den Syllogismus, der dieser Phrase innewohnt, hat Martin Rueff jüngst angeprangert). Kurz, wir könnten auf eine bescheidene, nichtsdestotrotz europäische Weise versuchen, uns dem Gedicht zu nähern, es zu sich zu bringen, es dorthin zu rufen, wo es noch nicht ist, und es da zu erraten, wo es schon fehlt. Als ersten Versuch schlage ich bereitwillig vor, dem Verlauf eines hübschen kleines Flusses, der Mur, für einige Kabellängen zu folgen.

Das letzte Gasthaus

Mitteleuropa ist ein Gasthaus, das geschlossen hat, in dem man aber trotzdem noch bedient wird.

Nicht jeder, natürlich – nur die alten Stammgäste. Man konnte sie nicht einfach so, ohne ihr Lieblingsgasthaus, zurücklassen.

Sie wussten genau, dass hinter dem niedrigen Holzzaun, hinter den Paradeiser- und Paprikapflanzen, noch die Sonnenschirme stehen, mit den verschwundenen Biermarken darauf. Und darunter: einige Plastiktische.

Und so haben sie die Tür aufgestoßen und sind eingetreten, als ob nichts wäre.

Der Wirt und seine Frau wirkten nicht überrascht, sie zu sehen.

Man hätte meinen können, sie hätten alles vorbereitet.

Jedenfalls ist aufgedeckt.

Heute servieren sie ihr letztes Backhuhn. Oder das vorletzte. Aber immer das letzte. Bis zum nächsten Mal. Das nächste Mal, das allerletzte Mal, dass der klapprige Trupp der Stammgäste mehr schlecht als recht in diese Ecke Land in der Stadt, weiter unten am Fluss, bei der Parkhaus-Baustelle, gestolpert kommt.

Zu einem Termin, der in keinem Kalender steht.

Als Beilage zum Geflügel gibt es Salat aus dem Garten in einer wässrigen Sauce, deren Grundlage Kürbiskernöl ist – jenes Kürbiskernöl, das die slowenischen Nachbarn sich anzueignen versucht haben, das aber unser ist. Österreichisch bis in alle Ewigkeit – mit einem Faktum müssen wir uns nicht brüsten. Kürbiskernöl, im Original deutsch. Kürbisöl wäre ungenau. Ein Wort muss sich an eine Sache heranzoomen können, Stück für Stück. Also Kürbiskernöl.

Achtung, es darf nichts vermischt werden: Der Salat wird auf einem eigenen Teller serviert. Später geht die Wirtin wieder vorbei, die Salatschüssel gegen die Schürze gestemmt, die Servierzange in der Faust, wie um die Hühner zu füttern. „Später!“, schreit einer. „Es gibt kein Später“, erwidert sie jovial. Es ist ja das letzte Mal!

Der Wirt schleppt seine humpelnde Leibesfülle mehrere Male bis an den Tisch. Er ist mit weißem Spritzer beladen, es sieht aus wie ein Gleichgewichtsspiel. Weißwein mit Soda vermischt, ein bisschen nach dem Muster der Salatsauce. Bei fünfunddreißig Grad im löchrigen Schatten der Sonnenschirmrentner ist es kein Luxus, den Wein mit Wasser zu versetzen. Der Luxus besteht eher darin, dass er, der aus dem Verkehr gezogene Wirt, unser Mundschenk ist.

Dass er, für uns allein, das Kapital seiner letzten Anstrengungen verschleudert. Jede seiner Gesten, selbst die ungelenkigste, wird dadurch verschönert, nahezu perfekt. Oh, dass er niemals wieder ein Glas, selbst ein einzelnes, anders bringen wird als so, auf diesem kleinen, schwankenden Tablett mit dem schief platzierten Geschirrtuch darauf!

Eine Hommage, und dennoch: Es ist alles sehr familial hier, sagt mein Sitznachbar, äußerst erfreut, während er sich eines panierten Hasenohrs bemächtigt, von dem zahlreiche Ohrläppchen abstehen. Mit Radioaktivität hat das nichts zu tun, es ist nur die Leber des Huhns, die sich in der Panier ausdehnt und verfestigt.

Die Wirtin umkreist den Tisch mit einem Topf voll Reis. Sie lässt es auf jedem Teller mit ihrem Schöpflöffel zweimal klingeln. Ein Löffel für Mama, ein Löffel für Papa. „Papa“, so verabschiedet man sich hier. In der mit weißen Mischungen gespritzten Sonne macht das fast schon Sinn.

Die Wirte verteilen bereitwillig Herr Professors, aber woher wissen sie, wer tatsächlich die höchsten universitären Stufen erklommen hat?

Vielleicht aber ist Professor hier auch etwas ganz anderes. Ein Titel, den man niemals anders als honoris causa verleiht, nach langen Jahren endloser Diskussionen im Inneren eines emeritierten Gasthauses.

Professor, ist das nicht derjenige, der immer am Kopf des Tisches sitzt, dem die Gelehrten reiferen Alters ihre respektablen, kaum von der Frittüre benetzten Schnauzbärte zuwenden?

Professor, ist das nicht derjenige, der am Ende die Scheine zückt?

Professor, der, dessen Scheine man immer zurückweist?

Die Gestik, das steht fest, ist rituell: Du zückst die Scheine, ich weise sie zurück: Nein, nein, Herr Professor. Ihre essentielle Funktion ist es, den Professorenstatus des Professors zu bestätigen.

Nein, Professor, also.

Und außerdem haben wir jetzt geschlossen, wie Sie wissen. Ich habe also keine Kasse mehr. Und wenn ich ihr Geld nähme, dann würden mir die Beamten des Finanzamts Schwierigkeiten bereiten. Das einzige Mal, als ich es versucht habe, sind sie sofort gekommen. Wie der KGB. Man hätte meinen können, sie seien vom Dach gestiegen. Die Nachbarin mit dem Nussbaum war es vielleicht, die mich verraten hat, warum auch immer.

Die Angst vor dem Finanzamt ist ein taktvoller Vorwand, um das Geld zurückzuweisen: Ich verschmähe Ihr Geld nicht, Herr Professor. Ich erweise Ihnen nicht die immense Gunst der Kostenlosigkeit, nach der Sie allzu sehr in meiner Schuld stehen würden. Indem ich Ihnen dieses letzte Mahl anbiete, Ihnen und Ihren Jüngern, erspare ich mir Probleme, Sie verstehen.

Weil wir geschlossen haben, Herr Professor. Wir öffnen nur noch für Sie, einmal im Jahr, an einem beliebigen Tag, ausgerechnet an jenem, an dem Ihre zögerlichen Schritte Sie zu uns geführt haben. Selbstverständlich können Sie aber, wenn Sie darauf bestehen, etwas für die Getränke herlegen, wenn es Ihnen beliebt.

Und so wirft jeder seinen Schein auf den Tisch. Mit spitzen Fingern, wie man eben mit Geld umgeht, das nicht zum Zahlen da ist, das davon wie beschmutzt wirkt. Schließlich kann man die Summe, die man gibt, nur verachten – ist sie doch viel geringer als die Großzügigkeit, an der man teilhatte. Und weil das Ganze ja kein Mittagessen war, sondern nur eine Art Poker mit der Zeit. Wo man dann plötzlich zahlt, um „zu sehen“.

Um das Spektakel andauern zu lassen. Eine kleine letzte Runde für Österreich. Eine letzte Runde für Mitteleuropa.

Um die Welt aus dem Blickwinkel des geschlossenen Gasthauses zu sehen. Um für einen Moment aus diesem funktionierenden Universum auszusteigen. Um für einige Augenblicke abzudriften, wie ein Inselstück, das sich auf der Mur losgerissen hat und das sich schon lange vorsingt, dass es sein Slowenien wiedersehen wird, sein Kroatien, sein Ungarn.

Mit dieser Menge an Scheinen auf dem Tisch, all diesen Gelehrten, die wie zwielichtige Wetter aussehen. Aber es gab gar keinen Hahnenkampf, nur ein Backhuhn. Lange werden sie diese anrüchige Rechnung freilich nicht aufrechterhalten können. Denn sie haben nur dafür bezahlt, um zu sehen, wie es war. Schlimmer, vielleicht: um nicht zu sehen, wie es ist.

Wegen solcher Kleinigkeiten kommen die Finanzamtsbeamten nicht.

Und wenn sie kämen, sie würden sie schnell wieder laufen lassen, hinaus in diese funkelnde Welt, wo sie unaufhörlich dazu gezwungen sind, das zu essen, wofür man bezahlen muss.

Gratia

Warum hast du so schlecht gebucht? Lange musste ich mir vorhalten lassen, zum falschen Zeitpunkt angekommen zu sein. Weil ich ein Flugzeug reserviert hatte, das am Vorabend des Pfingstsonntags landete. Niemand wird in Graz sein, um dich zu empfangen. Niemand im ganzen Haus. In der ganzen Stadt kein offenes Café, wo man deine Schlüssel hinterlegen könnte. Warum hast du so schlecht gebucht? Du wirst in einem Hotel in Wien bleiben müssen. Auf deine Kosten, versteht sich. Und ab Dienstag früh in mein Büro kommen, um die Papiere zu unterschreiben und deine Schlüssel zu kriegen. Warum hast du so schlecht gebucht? wurde, im Geist wiederholt, bald zu einem Echo im Geist von Molières Was hatte er denn auch auf dieser Galeere zu suchen? Und so machte ich mich auf, um – gemäß Thomas Bernhard und Werner Schwab – Nazismen zu sammeln (wie es ja auch Barbarismen gibt). Ich war, wie jedermann, bereit, meinen schwarzen Stein zu werfen.

Und weil ich geglaubt hatte, in einer Bar ein Taufbecken gesehen zu haben, war es nur allzu leicht, daraus eine ganze Geschichte, ein ganzes Sonett gegen Graz zu machen:

Gratia

Um es allein zu tragen ist es zu schwer das Heil
So hatte man in Mitteleuropa den Gedanken
Eines totalen Sonderabverkaufs ohne Schranken
An einem Grabtuchzipfel hängt jeder hier zum Teil.

Vermehret Brot und Bier es wird keinem zu geil
Würstel des HErrn ein jeder hat im Gralschmalz die Pranken
Admiral Biedermeier schätzt es nicht sich zu zanken
Das Laschenschiff gibt träg´ er dem Untergang anheim

Man stolpert schon beim Eingang der Bars in ein Taufbecken
Kratér wohl den sangriaartig Blumen bedecken
Mit Muskatell´ betauft man sich ohne Unterlass

In diesen neuen Jordan tauchen hier alle ein
Man gratuliert sich und umarmt sich in dem Wein
Planscht rum und segnet sich noch in der kleinsten Gass.

Viel später bringt die nette Organisatorin meines Aufenthaltsstipendiums uns, eine rumänische Bildhauerin, ihren schachverrückten Freund und mich, zum Geburtshaus Arnold Schwarzeneggers. Wir besuchen die Kirche von Thal, die steirische Sagrada Família im Kleinformat. Man zeigt uns, am Ufer des Sees, das Boot des Versprechens, jenes „historische“ Kanu, in dem der Gouverneur von Kalifornien um die Hand einer brillanten Nachkommin Kennedys angehalten hat. Und dann das Kriegsdenkmal um die Ecke. Dort findet sich eine Europakarte, mit Kreuzen, die jene Orte bezeichnen, an denen Soldaten aus Thal gefallen sind. Ich finde das interessant, bedauere, so etwas in Frankreich nie gesehen zu haben. Meine Begleiter hingegen sind schockiert. Warum denn?, frage ich. Bei uns gibt es doch auch in jedem Dorf ein solches Denkmal. Brüder, Väter und Ehemänner sind gestorben. Es ist normal, ihrer zu gedenken.

Mag sein, antwortet die Rumänin. Aber hier gibt es nicht das kleinste Monument, das der im Zweiten Weltkrieg ausgerotteten Juden gedenkt. In Österreich hat es keine Entnazifizierung gegeben.

In Österreich hat es keine Entnazifizierung gegeben. So lautet das Leitmotiv der Gespräche unter uns Emigranten. Ich wiederhole es, wie jedermann, möchte es glauben, glaube es, bin mir sicher. Ich erinnere mich an Waldheim, Haider, Hofer. Aber im Grunde weiß ich nicht, inwieweit es tatsächlich wahr ist. Dazu brauche ich mehr als nur eine Reportage. Ich bekomme eine Art Bestätigung in Romanform, als ich, spät, einen schönen Roman von Alfred Kolleritsch, Herausgeber der berühmten Zeitschrift manuskripte, entdecke. Allemann, 1996 bei Verdier auf Französisch veröffentlicht und damals auch wahrgenommen, beginnt mit einem Begräbnis. Irgendwo in der Steiermark, 1980er Jahre. Überall, zwischen den Gräbern und besonders um jenes herum, das gerade gegraben wird, strömen die Nazis zusammen. Sie steigen aus der Erde, aus dem Schatten, von den Bäumen, kommen wieder hoch wie der Wald bei Macbeth. Unter ihren Mänteln zeichnen sich die versteckten Kreuze ab. Kolleritsch beschreibt ihre Sprache mit der Feinfühligkeit eines Klemperer. Sie bedienen sich weiterhin der Sprache ihrer Väter und Großväter, um den Horizont zu verriegeln. Sie sagen weiterhin der Führer. Die Nachkriegsnazis bestatteten sich ebenso heimlich gegenseitig wie die Mormonen sich taufen. Das letzte christliche Sakrament wurde auf extreme Weise in eine nationalsozialistische Salbung verkehrt. Der Nazismus der Gräber – wie einst das Christentum der Krypten.

Und dennoch kann es das doch wohl nicht sein. Ich kann doch nicht in die Steiermark kommen, nur um die Fehler der Väter zusammenzuzählen und das Schweigen der Familien zum Schreien zu bringen. Man muss auch etwas anderes sehen, auch wenn dieser Knödel im Bauch bleiben wird, für immer, nie am selben Fleck, ohne je zu wissen, wo man ihn hinstecken soll und man ihn immer von einem Winkel des Bewusstseins zum anderen trägt.

Das wäre eine persönliche Niederlage, denn Österreich ist mein Missing Link. Die nationale Erziehung hat uns, den braven Germanisten der 1980er Jahre, hauptsächlich Deutschland nähergebracht. „Aus eigenem Antrieb“ (wie es in den Mitteilungsheften unserer Kindheit hieß) habe ich Ungarn erforscht, ohne die geringste Anziehung für das zu verspüren, was mir als weicher Bauch erschien, das no-man’s-land zwischen Berlin und Budapest. Kaum angekommen, verzapfe ich mein Vorurteil gegenüber einem ungarischen Freund: Österreich scheint keine eigene Identität zu haben. Es ist Deutschland ohne die Ernsthaftigkeit, die Schweiz ohne Geld, Italien ohne die Sonne, Frankreich ohne die Eleganz, Ungarn ohne das Feurige, Jugoslawien ohne das Körnchen Verrücktheit. Ich taufe es „Nélkülország“ (das „Ohneland“) … Einfach. Und undankbar … Sollte über Österreich zu schreiben immer schon meckern über Kakanien bedeuten? Mons murem peperit. Ad infinitum? Überladener Gigantismus einer verstaubten Provinz. Die Karosse, die zum Kürbis wurde. Kürbiskernöl für immer. Der tiefe Fall Mozarts, Schuberts, Kafkas, Roths und all der anderen in den Trichter des Schwejk.

Was ist Österreich? Eine absurde Frage, aber welcher Reisende hat denn nicht versucht, ein Bild der durchquerten Länder an sich zu reißen? Simple Selbstbeherrschung kann das nicht verhindern. Es sind Fragen, die man eher überanstrengen sollte als sie bei Spielbeginn zum Schweigen zu bringen. Und so stelle ich beim Betrachten der barocken Kirchen fest, dass es überall dieselben sind, von Györ bis Bratislava, über Maribor und Budapest. Eine Freundin aus Graz, die eben aus Lemberg (oder Lvov oder Lviv) zurückkehrt, hat dieselbe enthusiastische Wahrnehmung gemacht. Und es war übrigens ihr Großonkel, der die Oper von Lvov erbaut hat, eine Nachbildung der Oper in Wien. Des Mutterhauses, sozusagen. Die Konturen der ehemaligen pax austriaca wiederzufinden kann, ich weiß es wohl, nur zu einem allerersten Verständnis dessen führen, was hier geschieht. Am schlimmsten scheint mir, dass die Originalität oder wesentliche Überlegenheit der Metropole nicht bestehen bleibt. Kolonialismus kompromittiert, nicht einmal Rom vermochte dem zu entkommen. Dasselbe lässt sich zweifellos an den Mini-Kolosseen der Provence, den kleinen Parisen in Algerien beobachten. Am Ende ist es immer die Metropole, die lächerlich wirkt. Seid nicht fruchtbar, und mehret euch nicht. Österreich hat sich dieser Tatsache zu spät gebeugt und ist jetzt arm dran.

Da ich an die Kolonisierten ein Stückchen donauabwärts gewohnt bin, ist meine erste Vision von Österreich die von etwas Pneumatischem, um nicht zu sagen: Aufblasbarem. Als ob man das Ungarn, das ich kenne, mit Luft vollgepumpt und so im Ganzen erweitert hätte. Größer und imposanter, aber genau dasselbe.

Es ist entschieden nicht einfach, sich einen Weg zu Österreich zu bahnen. Sein Image als Aufbewahrungsort des Hasses und seine verkrampfte Gemütlichkeit verbieten es, sich an ihm zu erfreuen. Es ist leicht, mit Sissi und Waldheim die zwei Seiten derselben Medaille aufzuzeigen. Hier der Zucker, dort der Tod.

Am besten überlässt man wohl den Dichtern das Wort, um zu hören, wie sie sich und uns sehen. Als ich ihn um ein Gedicht über Europa bitte, schlägt mir Michael Hammerschmid, der mir freundlicherweise etwas Zeit in Wien widmete, als ich „so schlecht gebucht“ hatte, diese wenig aufbauenden Verse vor:

am boden saß der vogel

neben einem auto

und flog nicht fort

er saß am boden

braun gescheckt lebendig

die sonne schien

der sommer stand im becken

der stadt

der vogel blieb

am boden

nur die passanten

gingen fort.

Andreas Unterweger gelingt es, als gutem Schüler Alfred Kolleritschs, dank einer doppelten Sprache von klinischer Präzision die Landschaften des „Vaterlandes“ (der „Heimat“) von Umweltpolitik künden zu lassen. Oder davon, wie der Atompilz und die oil company bis ins Land des Kürbiskernöls und der Sonnenblumen hinein eine Bedrohung darstellen.

Die Sonnenblumen

Die Sonnenblumen: strahlenkrank.
Den ganzen Sommer über

hielten sie vor dem Dorf die Stellung.
Hielten sie ihre Köpfe hin,

wenn aus dem Osten, Tag für Tag,
der Feuerball aufstieg, der Lichtblitz kam …

Unter den Pilzwolken, dem sauren Regen
die Sonnenblumen: schwer verstrahlt.

Und all das nur wegen dem bisschen Öl.

Und, um diese Eskapade abzuschließen, eine beunruhigende Anmerkung desselben Autors, in der sich zeigt, dass – in Ermangelung einer anderen Sprache als jener der Großväter – selbst die ländliche Idylle von der Erinnerung an und die Angst vor dem Krieg geformt wird.

GrossVaterSprache

Die Panzerwagen der Ernte-Division
sind gestern früh durch unser Dorf gerollt.

Vier Kilometer nördlich stand der Mais.
Sie mähten ihn, sie metzelten ihn nieder.

Erst gegen Abend herrschte auf dem Schlachtfeld
dann wieder Schweigen, sozusagen: Frieden

das Wort, für das der Weltsprache der Kriege,
in der ich schreiben muss, die Bilder fehlen.

To be continued.

***

Hier zwei Rezensionen:

Die erste, private, stammt von einer Dame aus Graz. Ein Auszug:

„Ein ganz negativer, dunkler Befund. Ein typischer Österreicher fast.“

Die zweite, öffentliche stand in der Kleinen Zeitung v. 3.12.17 – danke, lieber Werner Krause!