Andreas Unterweger

Der Hafen von Graz

Posted in Grazer Glossen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 4. Mai 2018

Gefühlt mein 15. Text über einen besonderen Ort in dieser Stadt* – und damit passend zum 15. Geburtstag des Literaturhauses Graz, in dessen Anthologie diese Prosa erschienen ist! Alles Gute!

 

 

Der Hafen von Graz

Wenn Sie auf einer Linien- oder Trampfahrt von Helgoland nach Triest, von Fiume auf die Wilczek-Insel oder von der Funktelegrafenstation Radiopola zum Golf von Bohai drei, 17 oder 39 Stationen zu früh von Bord gehen, werden Sie sich in einer Halle wiederfinden, deren unendliches Schweigen aus pausenlosem Geschrei besteht. Schreien hier Reisende, die von den Fahrkartenautomaten zur Verzweiflung getrieben werden, um Hilfe, so schreien dort Angestellte der Reisegesellschaften, von denen je zwei einem der Fahrkartenautomaten, die je einen Angestellten ersetzen, zu Informationszwecken beigestellt sind, „beruhigend“ auf die Reisenden ein. Dazu gesellen sich die Schreie anderer Angestellter, die Informationsbroschüren zum Thema „Fahrkartenautomaten“ an die Reisenden zu bringen versuchen, die Schreie der Reisenden, die diese Broschüren brüsk zurückweisen sowie die Schreie der Security-Bediensteten der Reisegesellschaften, die den Angestellten, welche die Fahrkartenautomaten erklären/anpreisen sollen, in adäquater Personalstärke beigestellt sind und die bei den zahlreichen Raufhandeln, die zwischen den informierenden Angestellten und den sich für unter-, über- oder gar falsch informiert haltenden Reisenden allenthalben entflammen, meist nur verbal, dafür aber mit voller Lautstärke, dazwischengehen. Die schreienden Reisenden, schreienden Reisegesellschaftsangestellten und schreienden Security-Bediensteten der Reisegesellschaften sind die Möwen, die von draußen (von den Docks?) hereinkreischenden Verschubgeräusche, Metall auf Metall, sind die anderen Seevögel, die 1825 von Erzherzog Johann zur besseren „Verbindung zwischen Donau und Adria“ initiierte, 1847 errichtete, 1956 „wiederaufgebaute“ und 2015 erweiterte Halle aber, in der Sie sich befinden, ist der Hafen von Graz.

Nun werden manche bestimmt meinen, widersprechen zu müssen. Dies sei ja gar nicht der Hafen von Graz, meinen sie etwa – ja, schreien sie Ihnen, während Sie eben, die Hände an den Koffern, und eben nicht auf den Ohren, durch den Hafen taumeln, in die Ohren – der wahre Hafen, schreien sie also, liege woanders, und zwar: „Waita untn!“ Dabei deuten sie nach Osten, zur Mur hin, auf einen Ort zu, der von den Eingeborenen, in ihren sinnlose Leiden verursachenden Lauten, „Laintbloutz“ (Landeplatz?!) genannt wird, und wo sich tatsächlich, durch den berüchtigten maritimen Nebel von Graz scheinend, eine Art Leuchtturm erhebt. Achtung! Folgen Sie diesen „Einflüsterern“, wie laut diese sich auch bemerkbar machen, nicht! Die Keplerstraße, die Sie schon hinuntergezerrt werden, ist zwar tatsächlich ein reiner Hafen-Zubringer, aber eben nur in umgekehrter Richtung. Und das Licht, das von dem Turm da vorne blinkt, bezeichnet keinen Ort, sondern die Zeit. Es handelt sich um eine zu P.R.-Zwecken angebrachte Uhr – der Turm ist, wie Sie bestimmt schon erraten haben, der weltberühmte „Uhrturm von Graz“.

Andere hingegen – und diese stürzen sich auf Sie, sobald Sie, endlich!, den Ersten entkommen sind – andere widersprechen auf andere Weise: Der wahre Hafen von Graz, schreien sie, liege weder hier, am Ende der Keplerstraße, noch dort, an ihrem Anfang, sondern anderswo, im Süden – „waita untn!“, schreien auch sie, „in Toulahouf!“ Ein kleiner Check auf Google Maps macht klar, dass auch dieser Information nicht zu trauen ist. Hat dieses „Toulahouf“ (Thalerhof) doch rein gar nichts mit Graz zu tun, sondern liegt weit, weit entfernt davon, auf Höhe von Seiersberg – und dass Seiersberg weder in noch Graz ist, sondern quasi sein Gegenteil, das: weiß doch nun wirklich jedes Kind. Den „wahren Hafen von Graz“ in Seiersberg zu verorten ist genauso blödsinnig, als behauptete man, dort stünde „der wahre Grazer Uhrturm“.

Nein, nein. Wenn Sie die Halle betreten haben, dann befinden Sie sich wirklich, was auch immer man Ihnen weismachen will, nirgendwo anders als am Hafen, am richtigen, wahren Hafen von Graz … Wie Sie nun aber an eine Fahrkarte gelangen, um von hier wieder wegzukommen, ist eine andere Frage.

(Aus: Graz. Mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern an besondere Orte der Stadt. Herausgegeben von Klaus Kastberger unter Mitarbeit von Elisabeth Loibner anlässlich des 15. Geburtstags des Grazer Literaturhauses. Graz: Edition Kleine Zeitung 2018)

 

* Weitere meiner Texte über „besondere Orte in Graz“ (ab 2010):
Mein Uhrturm
Als das Wünschen noch geholfen hat
So regen wir die Ruder …
Zeit aus den Fugen
Sodom und Gomorra
Der letzte Dichter
7 Grazer Glücksversprechen
„Geh ´nause!“
usw.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: